Die Ausstellung »Vanitas – Ewig ist eh nichts« in Berlin

Leiche im Eisfach, Spinnen im Keller

Das Georg-Kolbe-Museum in Berlin zeigt Skulpturen zum Thema Vergänglichkeit.
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Das berühmte Sonett des Barockdichters Andreas Gryphius »Es ist alles eitel« empfängt den Ausstellungsbesucher: »Du siehst, wohin du siehst, nur Eitelkeit auf Erden./Was dieser heute baut, reißt jener morgen ein:/Wo jetzt noch Städte stehn, wird eine Wiese sein,/Auf der ein Schäferskind wird spielen mit den Herden./Was jetzt noch prächtig blüht, soll bald zertreten werden./Was jetzt so pocht und trotzt, ist morgen Asch und Bein,/Nichts ist, das ewig sei, kein Erz, kein Marmorstein./Jetzt lacht das Glück uns an, bald donnern die Beschwerden.«
Schönheit und Vergänglichkeit, Eros und Verfall, der überall lauernde Tod sind Motive, die in der Kunstgeschichte schon immer eine zentrale Rolle gespielt haben. Klassische Symbole auf Stillleben des Barocks sind verwelkte Blumen, erlegte Tiere, Totenschädel und erloschene Kerzen.
»Vanitas – Ewig ist eh nichts« lautet der Titel der aktuellen Ausstellung im Georg-Kolbe-Museum. Die Kuratorinnen Nathalie Küchen und Sandra Brutscher haben zeitgenössische Positionen zu dem zeitlosen Thema »Vanitas« (lateinisch: Eitelkeit, Einbildung, Trug, leerer Schein) zusammengetragen. 14 international renommierte Künstler, darunter Mona Hatoum, Alicja Kwade, Thomas Schütte und Tomás ­Sa­raceno, haben sich in ihren Arbeiten mit der Endlichkeit der Dinge auseinandergesetzt. Gezeigt werden Uhren und Spiegel, verwendet werden vergängliche Materialien wie Blumen und Früchte, eine radikale Ästhetik zelebriert Zusammenbruch, Auflösung und Chaos. Zu sehen sind Skulpturen aus der Zeit von 1960 bis heute.
Eindrucksvoll ist gleich zu Beginn des Rundgangs James Hopkins’ Installation »The Dance of Death«. Elemente eines flippigen Jugendzimmers, Diskokugel, E-Gitarre und jede Menge leerer Bierflaschen, wurden wie ein Stillleben an einer Wand fixiert. Die Objekte sind wie das Yin-Yang-Symbol zur Hälfte schwarz, zur Hälfte weiß bemalt. Paweł Althamer hat für seine Arbeit Gipsabdrücke von den Gesichtern einiger in Venedig lebender Menschen genommen und diese sehr naturalistisch wirkenden Masken auf skelettartige, unheimliche Gerüste gestellt. Man denkt an eine Prothesenwerkstatt und die zum Untergang verurteilte Lagunenstadt. Thomas Schütte interpretiert das Thema selbstbezüglich: Seine Arbeit »Me« sieht aus wie die zukünftige Totenmaske des Künstlers.Die an Albrecht Dürers berühmte Zeichnung erinnernde Hasenskulptur von Dieter Roth mit dem Titel »Karnickelköttelkarnickel« besteht ebenfalls aus organischem Materialien und wurde aus Stroh und Kot geformt. Der 1998 in Basel gestorbene Künstler lässt sein Werk absichtlich verfallen.
Reijiro Wada stellt Obst zwischen Glaswänden aus; die Früchte wirken wie bunte Elemente einer abstrakten Skulptur. Doch mit jedem Tag sinken sie ein Stückchen weiter nach unten, werden braun und verfaulen. Luca Trevisani erinnert in seiner Arbeit »James Hiram Bedford« an den ersten Menschen, der sich vor knapp 50 Jahren einfrieren ließ – für den Fall, dass er eines Tages wieder zum Leben erweckt werden könne. Damals waren die Fotos von dem schwer lungenkrebskranken Mann aus dem kalifornischen Glendale um die Welt gegangen, der von drei Männern einer geheimnisvollen »Tiefkühl-Gesellschaft« (»Cryonics Society«) umringt war. Sie schichteten Eisblöcke um den Sterbenden und zapften sein Blut ab, um es durch einen ganz besonderen, tiefkühlbaren Saft zu ersetzen. Die Gruselstory entsetzte damals viele, führte aber auch zu wilden Hoffnungen. Heute sind es bereits 300 Leichen, die in Tanks mit kaltem flüssigem Stickstoff bei minus 196° Celsius gelagert werden. Bei Trevisani sind es gefrorene Lilien, Callas und Paradiesvogelblumen, die während der Dauer der Ausstellung aufgetaut werden.
Nicht wenige Künstler versinnbildlichen das Voranschreiten der Zeit, indem sie Uhren in ihren Installationen verwenden. Bei Katja Strunz kann der Besucher Herr über das Schicksal spielen und drei massive Kuckucksuhren mittels eines Fußpedals von der Wand stürzen lassen. Alicja Kwade hat – schlicht und wirkungsvoll – hinter einem Spiegel, in dem sich der Besucher selber sieht, eine tickende Uhr gestellt.
Dass der Tod stets auch im Häuslichen lauern kann, zeigt die Arbeit von Mona Hatoum: In einem eleganten, verglasten Wohnzimmerschrank scheinen hübsche Schmuckstücke – oder sind es Weihnachtskugeln? – zu leuchten. Bei näherer Betrachtung erweisen sich diese als schillernde Handgranaten. Die Ästhetisierung und Verschleierung von Gewalt ist ein wiederkehrendes Thema bei Hatoum. Kei Takemura versucht, Verfall und Abnutzung aufzuhalten, indem sie Alltagsgegenstände wie eine zersprungene Glühbirne oder eine angeschlagene Tasse so mühevoll zusammenflickt und in Gaze hüllt, wie es der japanischen Tradition des Umgangs mit Wertgegenständen entspricht.
Doch die größte und eindrucksvollste Instal­lation findet sich im Keller: Im Dunkeln schimmern drei große Spinnennetze in einem Drahtgestell, gewebt von zwei verschiedenen Spinnengattungen – einer kenianischen und einer südeuropäischen. Der Künstler Tomás Saraceno hat sie zu verschiedenen Zeiten in seinem Studio an ihren Netzen weben lassen, damit sie nicht aufeinandertreffen und sich gegenseitig bekämpfen. Beide Spinnennetze sind von beachtlicher Größe. Nur die Netze werden angestrahlt, der Besucher tappt im Dunklen, orientiert sich an den Spinnennetzen.
Wie aber ist das Kunstwerk der fleißigen Insekten in den Keller des Hauses gelangt? Der Transport der scheinbar so fragilen Arbeit sei relativ problemlos vonstatten gegangen, erklärt Julia Wallner, Direktorin des Museums. »Spinnenfäden sind eines der stärksten natürlichen Materialien.« Das Drahtgestell samt Spinnen sei in einer Kiste von einem LKW geliefert worden. Vielleicht spürt man etwas von dieser Stärke im Verborgenen: Eine seltsame Vitalität geht von dieser natürlichen Installation aus, obwohl Spinnennetze ein klassisches Symbol für Alter und Verfall sind.

Vanitas – Ewig ist eh nichts. Georg-Kolbe-Museum, Berlin. Bis 31. August