In Österreich sind Deutsche gar nicht unbeliebt

Her mit den Schland-Fans!

Die Piefkes in Österreich sind besser als ihr Ruf. Sie treten leise und entschuldigen sich für Gaucho-Songs.

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»Manche Leute hassen die Deutschen! Ich nicht – das sind ja nur Wichser! Wir dagegen haben uns von Wichsern kolonialisieren lassen!« Wäre »Trainspotting« ein österreichischer Film, hätte Mark Renton die österreichische Identität mit diesen Worten auf den Punkt gebracht. Während die Schotten diese Woche die Chance der Erklärung der Unabhängigkeit von Großbritannien ergreifen konnten, blieb uns Österreichern diese aktive Rolle erspart. Zum Glück, könnten Zyniker anmerken. Österreich ist bekannt dafür, die Fahnen immer in die opportune Windrichtung zu halten. Das kann dazu führen, blitzschnell auch keine Vergangenheit mehr zu haben. So gingen wir als erste Opfer des Faschismus in die (eigene) Geschichte ein. Wir ignorierten unsere aktive Rolle beim so genannten Anschluss 1938 und wiesen jegliche Schuld und Mittäterschaft am Holocaust von uns.
Doch es fehlte noch ein weiterer Distinktionsmechanismus. Neben der Opferrolle griffen wir deshalb auf die Figur des Saupreiß zurück, den wir nun Piefke nennen. Seither wird gebetsmühlenartig der typische Deutsche, der arrogante Besserwisser, gebasht. Das Problem liegt aber eher bei uns als bei den Deutschen. Das erste Mal in unserer Geschichte stehen wir ohne Königreich oder ein anderes Empire da. Uns ist nur die eigene, ganz bescheidene kleine Nation geblieben. Damit war auch unsere Identitätsfindung vollzogen. Der Piefke spielt hier eine wichtige Rolle. Er sieht auf uns Österreicher herab, so heißt es, benutzt uns als Skipiste und Wanderweg, er ist laut, verdreckt unsere Alpen und belächelt uns.

Mit diesem Bild bin auch ich in den achtziger Jahren aufgewachsen. Es ist ein Bild, das mit Felix Mitterers »Piefke-Saga« 1991 einen bewegten Höhepunkt erfuhr. Das Klischee vom Klischee war für mich als Kind nie nachvollziehbar, weil ich weder im Tourismus arbeitete noch xenophobe Ängste hatte. Daher fand ich Mitterer auch nie besonders lustig. »Flogging a dead horse« sagen die Briten, wenn sich ein Witz totgelaufen hat und nur noch künstlich am Leben erhalten wird. So fühlt es sich für mich an, wenn blind auf die Piefkes geschimpft wird.
Ich kann es wirklich nicht mehr ertragen, wenn augenzwinkernd Statistiken zitiert werden, in denen die Deutschen den höchsten Anteil der in Wien lebenden Ausländer ausmachen. Meine Antwort darauf ist: Na und?
Á propos Zahlen. Ich arbeite im WUK, diesem alternativen Kulturzentrum in der Währingerstraße, in dem von der iranischen Exilbibliothek bis zum antiautoritären Bienenstock für verängstigte Summtiere alles Platz hat. Ab und zu kommen sogar Samy Deluxe, Wire oder die Exilredaktion der Jungle World vorbei. Das WUK veranstaltet aber auch gemeinsam mit Radio FM4 alle zwei Jahre ein alternatives Public Viewing während der jeweiligen Welt- oder Europameisterschaften. Ich schreibe »alternativ« deshalb, weil wir nicht nur Fußball zeigen, sondern auch Diskussionsveranstaltungen etwa über Menschenrechte und Kommerz im Fußball organisieren und kostenlose Werbeplätze für gemeinnützige Organisationen zur Verfügung stellen. Das lohnt sich, denn es kommen viele Menschen zu uns.
Die Tage der Deutschland-Spiele zählen zu den am besten besuchten im WUK. Sie sind so gut besucht, dass wir regelmäßig »sold out« sind und die Pforten zu unserem Hof schließen müssen. Die Schland-Fans – und wir reden hier von vierstelligen Besucherzahlen – wählen ein ehemals besetztes Haus als Ort zum gemeinsamen Fußballschauen. Wie kann man solche Leute nicht mögen?
Es gibt jedoch auch einen ganz anderen Grund, weshalb der Hass auf die Deutschen in Wien eigentlich längst passé ist: Als wir mitbekamen, dass deutsche Studierende zu Tausenden einfallen würden, waren wir ein bisschen schockiert. Wir erwarteten großkotzige Mercedes-Benz-Fahrer mit Sonnenbrand.

Doch es kommen die Scheuen, die Lieben und die etwas Doofen, die es nicht an die deutschen Universitäten geschafft haben und deshalb beim noch dooferen südlichen Nachbarn anheuern. Das finden wir sympathisch! Naja, und die paar Male, wo die Deitschen wirklich auffallen, ist eben bei den Fußballmeisterschaften, aber die sind auch nur alle zwei Jahre. Ja wenn’s weiter nichts ist. Sie entschuldigen sich mittlerweile auch brav für ihre deutschen Mitbürger, wenn die von Gauchos singen. Also von Wichsern keine Spur. Mark Renton, der österreichische wie der schottische, sollte sich einfach einen neuen Spruch ausdenken.