Ein Besuch im Burgenland

Polka, Punk und Polonaise

Ungarn, Kroaten, Slowenen und kämpferische Obdachlose. Eine wundersame Reise ins Burgenland.

Von Ivo Bozic
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Slowenische Minderheit, ungarische Minderheit, tschechische und slowakische Minderheit – alles klar. Aber Kroaten? Kroatien grenzt doch gar nicht an Österreich! Wie kommen die Kroaten hierher ins Burgenland? Gute Frage. Unsere Geschichte fängt allerdings anders an. Nämlich mit der Obdachlosenzeitung Augustin. Die erscheint seit 1995 in Wien und wird von Obdachlosen verkauft, die einen Teil der Einnahmen behalten dürfen. Die Zeitung behauptet von sich, »die erste österreichische Boulevardzeitung« zu sein, was insofern stimmt, als dass sie auf dem Boulevard entsteht und dort vertrieben wird, und auch insofern, als dass sie sich gerne ein wenig populistisch gibt, mit Rätseln und Service-Angeboten, aber auch mit Prosa- und Lyrikbeiträgen von Obdachlosen. Vor allem aber gibt es hochwertige journalistische Recherchen. Auch Radio und Fernsehen machen die Augustiner, einen Tischtennis- und einen Fußballverein haben sie, und im Jahr 2000 ist auch ein Obdachlosenchor aus diesem Projekt entstanden. »Stimmgewitter«, wie er sich nennt, ist längst ein renommiertes Musikprojekt, nimmt CDs auf, die erfolgreich verkauft werden, und arbeitet mit bekannten Künstlern wie Schorsch Kamerun, Bernadette La Hengst und Ja, Panik zusammen, auch mit der Linzer Hardcore-Punkband Seven Sioux.
Der achtköpfige Chor tritt heute nicht in Wien auf, sondern im Burgenland an der ungarischen Grenze bei einem Hoffest auf dem Land. Die Augustiner haben uns dorthin eingeladen. Im Dauernieselregen fahren wir aus Wien raus, Richtung Südost, plötzlich scheint die Sonne. Kurz durch Ungarn durch, wieder nach Österreich rein, schon sind wir im Burgenland. Wir erreichen Deutschkreutz, einst Sitz einer berühmten Talmudschule und einer großen orthodoxen jüdischen Gemeinde, bis die Nazis 1941 die Synagoge sprengten. Der Ort hat auch einen hebräischen Namen, Zelem, der aber nicht auf dem Ortsschild steht. Weiter geht’s nach Nikitsch. Auch dieses Dorf trägt noch einen zweiten Namen: Filež. Das ist aber nicht Hebräisch, sondern Kroatisch. Alle Straßenschilder sind hier zweisprachig. Hier leben die Burgenlandkroaten. Im 16. Jahrhundert wurden hier 100 000 Kroaten angesiedelt, um die nach den osmanischen Feldzügen verwüstete Gegend wiederzubeleben. Natürlich sind die Burgenlandkroaten vollkommen assimiliert, doch seitdem die Kroaten einen eigenen Staat haben, wird wieder vermehrt Wert auf die Pflege alter Traditionen und der Sprache gelegt. Doch die Jugend ist nicht übermäßig interessiert daran, immer weniger lernen Kroatisch.
In Nikitsch haben sich ein paar Wiener Linke einen alten Hof gekauft, die »Alte Mühle«. Lisa Bolyos ist eine von ihnen. Sie ist Redakteurin des Augustin. Sie zeigt uns den Hof, in dem Tagungen stattfinden, auf dem ein wenig Landwirtschaft betrieben wird und wo auch ein paar Leute eingezogen sind. Am Nachmittag hat bereits eine jiddische Band gespielt, jetzt warten alle auf das »Stimmgewitter«, doch die Prozession im Dorf geht erst um 20 Uhr zu Ende, und die Bevölkerung soll die Gelegenheit haben, dem Auftritt beizuwohnen. Tatsächlich kommen drei ältere Burgenlandkroatinnen aus ­einem Nachbarort zum Lagerfeuer. »Ihr singt ja gar nicht«, sagen sie, »also bei uns singen wir am Lagerfeuer immer und spielen mit der Tamburica«, lachen sie. Die Tamburica ist eine aus Dalmatien stammende Art Mandoline. Die Frauen unterhalten sich auf Deutsch. Eine sagt, sie würde gerne ihre Enkel für drei Wochen nach Nikitsch schicken, »damit die mal ordentlich Kroatisch lernen«. Wir kommen mit Robert Sommer ins Gespräch, er ist einer der Gründer des Augustin. Er erzählt uns, dass die 450 registrierten Verkäufer des Straßenmagazins alle zwei Wochen 20 000 bis 25 000 Exemplare unter die Leute bringen. 13 Angestellte hat der Verein, darunter vier Redakteure und fünf Sozialarbeiter. Das alles wird aus den Zeitungs­erlösen finanziert, staatliche Zuschüsse gibt es nicht. »Wollen wir auch nicht haben«, sagt Sommer. So bewahre man sich seine Unabhängigkeit. Sommer berichtet von einem Problem. Einige Roma unter den Verkäufern geben die Zeitung an nicht registrierte Familienmitglieder weiter, es kommt hin und wieder zum Missbrauch des Augustin-Heftes. Nun gibt es rassistische Vorbehalte in der Stadt gegenüber Roma-Zeitungsverkäufern. »Wir sind nicht die Polizei«, sagt Sommer. Es sei nicht ihre Aufgabe, die Obdachlosen zu kontrollieren. Stattdessen ist er in die Slowakei in ein Roma-Dorf gefahren, um aufzuklären. Um eine Reportage über das Elend dort zu machen. Er ist noch sichtlich mitgenommen von der Reise. »Es ist die Hölle«, sagt er. Von 3 000 Einwohnern des Dorfes am Fuß der Hohen Tatra seien 2 000 Kinder, in dem Ort gebe es absolut gar nichts. Nichts zu tun, keine Perspektive. Die Menschen dort seien aufgrund ihrer Notlage viel zu lethargisch, um sich auf den Weg nach Wien zu machen und dort zu betteln. Wer das schaffe, sei schon privilegiert. Mittels der Zeitung versucht Sommer, Empathie bei den Wienern für die Lage der Armen aus Osteuropa zu erzeugen.
Regen setzt ein, die Prozession im Dorf geht vorzeitig zu Ende. Zeit für den Chor. Acht vornehmlich ältere Frauen und Männer betreten die Bühne in der »Alten Mühle«. Zwei sind Sozialarbeiter des Augustin, sechs sind ehemalige Obdachlose, sie haben zum Teil jahrelang unter Donaubrücken geschlafen. Ernst, einer von ihnen, erzählt uns kurz vor dem Auftritt, er habe früher beim Zirkus gearbeitet, bei »Zirkus Adriano«. Daher sei er Tourneen mit dem Chor gewohnt. Damals seien sie auch ständig herumgezogen. Vom Zirkus Roncalli, der gerade in Wien gastiert, hält er nichts. Bei Adriano sei man morgens in der Stadt angekommen, habe das Zelt aufgebaut und abends um Acht die erste Vorstellung gegeben. Bei Roncalli bauen sie schon seit einer Woche auf. »Das ist kein Zirkus, das ist Urlaub«, spottet Ernst.
Jetzt geht das Konzert los. Der Chor singt Schlager und Revoluzzersongs: Seeräuberjenny, Lampenputzer, »Unter dem Pflaster liegt der Strand«. »Halt dich an deiner Liebe fest« von Ton Steine Scherben geht wirklich unter die Haut, darauf folgt »Weiße Rosen aus Athen«. Der Chor macht Stimmung und schafft es, im Saal eine Polonaise anzustoßen, die nun zu »Kalkutta liegt am Ganges« durch die »Alte Mühle« zieht. Darauf folgt »Die letzte Schlacht gewinnen wir« von den Scherben. Kämpferisch, aber gut gelaunt. Oskar, der vermutlich älteste Sänger, kippt beim zweiten Song um, reißt fast die ganze Lautsprecheranlage mit, danach setzt er sich auf einen Hocker am Rand der Bühne und singt von dort aus mit.
Nach dem Auftritt erzählt uns Chorleiter Mario Lang, der auch Sozialarbeiter ist, warum der Chor nie mehr als neun Mitglieder hat. Es liegt am Bus. Lang darf mit seinem Führerschein nicht mehr als neun Menschen transportieren. Drum sind sie nie mehr. Aber auch selten weniger, denn jemanden zuhause zu lassen, das gehe definitiv nicht. Der Chor ist eben auch ein Stück Familie.
Noch eine Band tritt auf. Roy de Roy. Wilder, schwer sympathischer, multikultureller und anarchistischer Balkan-Polka-Ska-Punk. Kaum legen die jungen, aber hochprofessionellen Musiker los, kocht der ganze Saal. Es wird wild getanzt, von Pogo bis Walzer, auf Slowenisch singen sie gegen Nazis und Heimatliebe an. Zu ihrem Lied über Wien erklärt der Sänger, es gebe einen Satz, der Wien sehr treffend beschreibe: »Es muss etwas geschehen, aber es darf nichts passieren.« »Wir aber wollen, dass etwas passiert«, ruft er. »Und zwar gewaltig!« Trompete, Akkordeon, Bass – es wird heiß hier drinnen. Nach der letzten Zugabe müssen wir los. Müssen ja noch nach Wien zurück. Durch Ungarn und durch die dunkle Nacht und durch sintflutartigen Regen. Und dann noch in Wien einen legalen Parklatz finden, oha! – aber das ist jetzt wirklich eine andere Geschichte.