Ulli Koch, Ina Matt, Christoph Laimer und Paula Pfoser im Gespräch über linke Medienproduktion in Österreich

Von links gegen das Blabla

Die Jungle World war nur zu Besuch in Österreich. Doch wie arbeiten österreichische linke Redaktionen? Ein Gespräch mit Ulli Koch und Ina Matt (fiber), Christoph Laimer (Dérive) und Paula Pfoser (Malmoe) über den Medienmarkt und die Bedingungen für linke Medienproduktion in Österreich.

Anzeige

Bitte stellt euch kurz vor. Seit wann und aus welchem Anlass gibt es euer Medium? Was sind eure Themen und welchen Anspruch verbindet ihr mit eurer journalistischen Arbeit?
Koch: Die fiber gibt es in dieser Form seit 2002, sie ist aus einem früheren Zeitungsprojekt namens nylon hervorgegangen. Wir erscheinen zweimal im Jahr mit einer Auflage von 800 Stück. Jede neue Ausgabe wird von uns mit einer Releaseparty gefeiert, bei der das Heft verkauft wird und zu der wir Künstler_innen einladen.
Hauptauslöser für die Gründung von nylon war damals die schwarz-blaue Regierung (Koalition aus ÖVP und FPÖ auf Bundesebene im Jahr 2000, Anm. d. Red.), die aktiv abgelehnt wurde und wo man etwas dagegenhalten wollte. Sozusagen als alternatives Medium zu dem sonstigen Blabla.
Die fiber will sich aus (queer-)feministischer Perspektive mit Popkultur im weitesten Sinne auseinandersetzen. Zum anderen geht es um eine kritische Betrachtung von Popkultur. Das Heft gibt es in Österreich und Deutschland zu kaufen und es wird auch weltweit verschickt.
Matt: Wir haben Schwerpunktthemen in jedem Heft. Die letzte Ausgabe war zum Beispiel zum Thema »Boykott«, davor »Codes« und »Leibesübungen«. Es gibt immer Schlagwörter, um die herum die Hefte gestaltet werden. Und so offen wie die Themen sind auch die Beiträge. So haben wir im Heft auch Comics, Collagen, Fotostrecken und Bastelanleitungen. Die fiber kostet vier Euro, wobei die Einnahmen nicht ganz kostendeckend sind.
Laimer: Dérive gibt es seit 2000, wir erscheinen vierteljährlich und haben derzeit eine Auflage von 2 500 Stück. Die Leute, die von Anfang an dabei waren, waren alle in unterschiedlichen an­deren Medienprojekten aktiv, zum Beispiel Zeitschriften über Architektur, von Studierenden, zu Landschaftsplanung. Ich habe in antifaschistischen linksradikalen Zeitschriften mitgemacht. Wir hatten Lust, unsere Ideen zu verknüpfen, und kamen darauf, dass Stadt ein Ort ist, wo sich unsere Interessen treffen. Ohne großen Plan haben wir so die erste Nummer gemacht. Es hat gut funktioniert und wir bekamen gleich sehr viel positives Feedback. Letztlich hat die Lust am Zeitschriften-Machen dazu geführt, Dérive zu gründen. Im deutschsprachigen Raum gibt es nach wie vor wenige, die sich mit dem Themenbereich Stadt so konsequent beschäftigen wie wir.
Das Ziel war von Anfang an, Schwerpunktthemen aus möglichst unterschiedlichen disziplinären Perspektiven zu beleuchten, von Autorinnen und Autoren aus der Architektur, Soziologie, Geografie, Ökologie sowie der Kunstszene. Mit der Zeit wurden die Schwerpunkte dann oft in Kooperation mit Forschungsgruppen gemacht oder Leuten, die ihre Dissertation zu dem Thema schrei­ben. Wir bieten ihnen die Möglichkeit, außerhalb ihres universitären Zirkels zu veröffentlichen und somit ein anderes Publikum zu erreichen. Dann gibt es auch immer einen Magazinteil mit Artikeln zu aktuellen Problemstellungen. Wir haben außerdem ein Kunstinsert, laden Künstler und Künstlerinnen ein, vier Seiten des Hefts zu gestalten. Und natürlich gibt es auch Rezensionen und Besprechungen.
Pfoser: Die Malmoe gibt’s auch seit 2000. Wir erscheinen vier bis sechs Mal im Jahr, die Auflage liegt bei 9 000 Stück. Die Gründung wird ebenfalls oft mit der schwarz-blauen »Wende« in Verbindung gebracht. Das stimmt allerdings so nicht. Es gab schon davor Pläne, eine linksradikale Zeitung in Österreich zu etablieren, weil es in diese Richtung einfach nichts gab. Die Jungle World hat da auch als Vorbild gedient. Wir haben gesehen, dass gerade im Kontext des »New Economy«-Hypes viele subkulturelle Praxen vereinnahmt wurden, das wollten wir thematisieren und dem entgegentreten. Außerdem ging es um die Demokratisierung der Gesellschaft und die Sichtbarmachung antidiskriminatorischer Praxen.
Jede Ausgabe hat fünf Schwerpunkte, die jeweils zwei bis drei Seiten lang sind. Bei uns gibt es nicht die klassische Aufteilung in Außen- und Innenpolitik, sondern in Regieren und Widersprechen. Die Malmoe gilt als den sozialen Bewegungen sehr nahestehend. Wir wollten von Anfang an ein breites Publikum ansprechen, das ist so erhalten geblieben. Das Ziel war eigentlich, ein Vertriebssystem zu haben und in den Trafiken (Zeitungs- und Tabakläden, Anm. d. Red.) auszuliegen beziehungsweise über ein größeres Verteilungssystem unter die Leute zu kommen. Das hat nicht geklappt, weil man dem in Österreich kein wirtschaftliches Potential zugesprochen hat.
Wie groß ist die Redaktion und wie seid ihr organisiert?
Matt: Wir sind ein komplett unbezahltes Kollektiv, derzeit sind wir zehn aktive Fibretten.
Koch: Uns ist es immer wichtig, basisdemokratisch zu agieren und eine so hierarchiearme Umgebung wie möglich zu schaffen. Und gemeinsam zu schauen, ob die Beiträge mit unseren Ansprüchen übereinstimmen. Die Verantwortlichkeiten für Layout, Anzeigen und Vertrieb sind im Kollektiv verteilt. Wir geben eigentlich nichts nach außen ab.
Pfoser: Wir sind momentan etwa sechs wirklich aktive Leute in der Redaktion. Wir treffen uns wöchentlich, darüber hinaus gibt es Leute, die ab und zu etwas machen. Die Ressort-Zuständigkeiten sind verteilt. Die Schwerpunkte der Ausgabe, Organisatorisches und Finanzen werden hingegen gemeinsam besprochen. Es gibt außerdem eine Bildredaktion, die unabhängig vom Inhalt die Bildstrecke gestaltet, und einen relativ großen Stock an Autoren und Autorinnen.
Seht ihr euch eher als Medien- oder als Politprojekt? Oder lässt sich das gar nicht trennen?
Koch: Von fiber-Seite aus kann man das auf keinen Fall trennen. Da geht eins ins andere über. Der politische Aktivismus, das Dagegenhalten in Form eines klassischen Mediums, des Magazins.
Matt: Die fiber ist außerdem sehr eng mit der queer-feministischen Szene verbunden. Von der Aufmachung des Heftes her versuchen wir auch, an die Fanzine-Kultur anzuknüpfen.
Laimer: Bei uns vermischt sich das nicht so stark. Zwar sind beteiligte Personen in beiden Bereichen tätig und eng mit der »Recht auf Stadt«-Bewegung verknüpft und dort aktiv, aber wir hätten keine Lust, eine Art Bewegungsorgan zu sein. Trotz der Nähe ist uns eine kritische Distanz wichtig.
Pfoser: Die Malmoe sieht das Medien-Machen ganz klar als politische Praxis. Es gibt den Anspruch, letztlich zu intervenieren – und Leser und Leserinnen über Dinge zu informieren, die anderswo weniger Platz finden. Was das Verhältnis zu sozialen Bewegungen anbelangt, ist schon der Anspruch da, keinen Kuschelkurs zu fahren, sondern sich kritisch anzusehen, was die machen.
Wie beurteilt ihr den österreichischen Medienmarkt und wie sehen eure eigenen Arbeits­bedingungen aus?
Laimer: Grundsätzlich ist der österreichische Medienmarkt ein Jammer, besonders was den Tageszeitungsmarkt betrifft. Es gibt eine unglaublich hohe Konzentration sowie ein sehr starkes Aufkommen der Gratiszeitungen. Die sogenannten Qualitätszeitungen sind weit davon entfernt, links zu sein. Natürlich vermisst man da Medien, die in kürzeren Abständen erscheinen als wir. Dennoch ist man ja nicht von Informationen abgeschnitten.
Allerdings hat es auch einige Einschnitte gegeben, die kleineren und linken Medien das Leben sehr schwer gemacht hat. Zum einen hat es in den Neunzigern eine Änderung der Posttarife gegeben, die es extrem verteuert hat, Hefte zu verschicken. Darüber hinaus wurde die Förderung, die es vom Wissenschaftsministerium gab, eingestellt. Ohnehin hängt die Förderung sehr stark davon ab, wo man andocken kann. Ich würde die Förderpolitik in Österreich als einen ziemlichen Skandal bezeichnen. Große und etablierte Zeitungen werden hier mit Unmengen Anzeigen von Bund und Land finanziert und bekommen zusätzlich eine sehr hohe Presseförderung. Gleichzeitig gibt es überhaupt keine ordentliche Förderung für Alternativmedien.
Pfoser: Es wird unterschieden zwischen Presseförderung und Publizistikförderung, die ja die sogenannte kleine Presseförderung ist. Das geht nach Auflage und Häufigkeit des Erscheinens. Die Malmoe bekommt 5 000 Euro pro Jahr, damit sind die Kosten nicht abgedeckt, weder der Druck noch der Versand. Was uns regelmäßig vor Probleme stellt, weil es auch kaum Anzeigen gibt.
Wir werden immer wieder von der österreichischen Hochschülerinnenschaft und von den Bagrus (Basisgruppen, eine Form der Repräsentation von Studierenden in der Hochschulpolitik, Anm. d. Red.) gefördert. Eine andere Einnahmequelle sind Soli-Abos, da die Malmoe kostenlos ist.
Matt: Die Tageszeitungslandschaft in Österreich ist zu vergessen. Gerade deswegen sind die alternativen Medienprojekte unglaublich wichtig. Wir bekommen gar keine reguläre Förderung, was an der Auflagenhäufigkeit liegt: Druckkostenzuschuss gibt es nur, wenn man mindestens vier Mal im Jahr erscheint. Wir erscheinen zweimal im Jahr, da die einzelnen Ausgaben so arbeitsintensiv sind, dass ein häufigeres Erscheinen für uns gar nicht gehen würde.
Wir suchen für jede Ausgabe neu um Förderungen bei der Stadt und den Bezirken an, zum Beispiel für die Releaseparties, ab und zu bekommen wir etwas von der österreichischen Hochschüler_innenschaft und Bagrus.
Koch: Darüberhinaus verschicken wir über 100 Abos in Österreich und Deutschland.
Das Problem ist, dass mit der derzeitigen Regierung das vorher ins Bundeskanzleramt integrierte »Frauenministerium« in das Bildungsministerium eingegliedert wurde, und das fördert nur noch Beratungstätigkeiten. Eine Geldquelle für Projekte wie fiber oder die an.schläge (feministische Zeitschrift, Anm. d. Red.) fiel komplett weg. Wir könnten noch bei der Stadt Wien um Geld ansuchen, das ist allerdings mit einem großen bürokratischen Aufwand verbunden, der für ein unbezahltes Kollektiv nebenbei schwer zu stemmen ist.
Arbeitet ihr alle unbezahlt?
Pfoser: Ja, bei uns bekommen auch die Autorinnen und Autoren nichts. Die einzige bezahlte Kraft ist die Person, die die Zeitungen in der Stadt verteilt.
Matt: Bei uns ist alles ebenso komplett unbezahlt. Lediglich die Künstler_innen und die Technik bekommen etwas bei den Releaseparties.
Laimer: Bei uns war anfangs alles unbezahlt. Nach und nach konnten wir Grafik und Korrektur ein bisschen bezahlen. Nach zehn Jahren kamen wir zum Entschluss, das Projekt zu professionalisieren. Wir haben dann im selben Jahr ein Festival begründet, das »Urbanize«, das wir jedes Jahr veranstalten. In Österreich ist es einfacher, Festivals gefördert zu bekommen als Zeitschriften. So können wir Arbeitszeit über das Festival bezahlen, die auch dem Heft zugute kommt. Außerdem haben wir jemanden, der sich um die Anzeigen kümmert, dadurch kommt auch Geld herein. Seit 2010 haben wir zwei bezahlte Arbeitsplätze.
Warum ist es so schwierig für linke Medien in Österreich wirtschaftlich unabhängig zu ­agieren?
Matt: Die linke Szene ist in Österreich schon präsent, aber halt auch klein.
Pfoser: Es gilt vermutlich nach wie vor, was damals zu Gründungszeiten der Malmoe gesagt wurde, dass es eben kein wirtschaftliches Potential gibt, da es in Österreich nicht genug Leserinnen und Leser gibt.
Laimer: Es hat immer wieder Anläufe gegeben, aber die Ziele wurden schnell wieder runtergeschraubt. Das liegt auch daran, dass es möglich war und ist, Magazine aus Deutschland zu lesen. Vielleicht bremst das die Eigeninitiative für größere Projekte.
Inwieweit seid ihr mit anderen linken Medien in Österreich vernetzt?
Pfoser: Es gab den Versuch, uns mehr zu vernetzen, unter anderem letzten Herbst mit einer alternativen Medienakademie. Aber die war eben auch selbstorganisiert und die Arbeit dafür unbezahlt. Ein gemeinsames Forderungspapier ist wohl deswegen später im Sand verlaufen, weil alle schon zu erschöpft waren. Es gab 1999 eine Linzer Konferenz alternativer Medien, die ein solches Papier formuliert hatten, zum Beispiel mit der Forderung nach verbilligten Postversandgebühren. Daran wollte man andocken.
Laimer: Es hat damals eine Vereinigung alternativer Zeitschriften gegeben, und vor ein paar Jahren gab es einen neuen Versuch, es wurde ein Verein gegründet, wo es ein, zwei Veranstaltungen gegeben hat. Für uns ist es so, dass wir eher mit Zeitschriften zu tun haben, die in einem ähnlichen Bereich tätig sind, oder mal als Projekt mit einzelnen österreichischen Zeitschriften. Aber generellen, projektunabhängigen Austausch gibt es nicht viel.
Pfoser: Wir arbeiten ab und zu mit den an.schlägen oder dem migrazine.at zusammen.
Matt: Es arbeiten schon alle viel zu viel, als dass man noch etwas Zusätzliches machen könnte. Es mangelt schlicht an Zeitressourcen. Die fiber ist aber, wie gesagt, sehr stark in der queer-feministischen Szene vernetzt.
Koch: Aber ich glaube schon, dass es ein Manko in Österreich ist, dass die alternative Medienszene nicht so stark vernetzt ist. Es gibt keine gemeinsamen Treffen, um Grundsätzliches zu diskutieren oder um von den anderen Redaktionen zu lernen.