Der Comicroman »Irmina«

Close-up einer Mitläuferin

Barbara Yelins Comicroman »Irmina« führt durch das biographische
Labyrinth einer willigen Helferin.

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Sie hätten ein schönes Paar werden können: die schüchterne deutsche Austauschschülerin mit den hochfliegenden Plänen und der ehrgeizige Oxford-Student mit den karibischen Wurzeln. Sie treffen sich auf einem Empfang zwischen lauter britischen Snobs in London Anfang der dreißiger Jahre. Weil Howard zufällig gerade hinter der Bar steht, hält Irmina den Studenten zunächst für einen Bediensteten, und vermutlich auch, weil er schwarz ist und unmöglich zur feinen Gesellschaft gehören kann. Gehört er auch nicht, jedenfalls noch nicht. Die angehende Fremdsprachensekretärin verliert in dieser Situation all ihre Scheu und beginnt mit dem Mann hinter der Bar zu reden. Beide sind jung, unsicher und fremd in England, bald treffen sie sich regelmäßig, fahren Fahrrad, laufen durch Parks und sprechen über ihre Zukunft, die, ganz vage, auch eine gemeinsame Zukunft sein könnte. Was beide anstreben, ist ein selbstbestimmtes Leben und eine gute Ausbildung, um unabhängig sein zu können. Die Diskriminierung, die Howard im britischen Alltag erfährt, bestärkt ihn noch in seinem Bildungseifer und schärft zugleich seinen Blick auf die politischen Verhältnisse im Europa der dreißiger Jahre. Für die junge Frau dagegen scheinen die Entwicklungen in Deutschland weit weg zu sein und nichts mit ihrem neuen Leben in London zu tun zu haben – erst mal.
Irmina ist die Protagonistin in Barbara Yelins gleichnamiger, opulenter Graphic Novel, die eine individuelle Biographie vor dem Hintergrund historischer Umwälzungen schildert. Die Graphic Novel scheint für solche Stoffe prädes­tiniert zu sein. Anders aber als beispielsweise die Protagonistin in der Graphic Novel »Persepolis« über eine weibliche Jugend im Teheran der islamischen Revolution ist Irmina keine positive Figur, auch wenn sie als junge Frau in London mit ihrer jugendlichen Unvoreingenommenheit anfangs Sympathien weckt. Entschlossen verteidigt sie ihren Begleiter gegen rassistische Anfeindungen und stellt sich ohne zu zögern auf seine Seite. Umso verstörender, wie sich die junge, naive, durchaus emanzipierte Frau nach ihrer Rückkehr nach Deutschland zu einer eifrigen Mitläuferin und berechnenden Ehefrau eines Nazikarrieristen entwickelt.
Der Comicroman basiert auf Tagebüchern und Briefen, die Barbara Yelin im Nachlass ihrer Großmutter fand und die ihr als Vorlage dienten. Die genaue Handlung und die Schauplätze sind fiktiv. Yelin, die langjährige Mitherausgeberin der Anthologie »Spring« war, wurde zunächst in Frankreich mit den Bänden »Le Visiteur« und »Le Retard« bekannt; mit dem Gruselcomic »Gift« nach einem historischen Kriminalfall wurde sie auch in Deutschland wahrgenommen. Für ihr jüngstes Comicprojekt hat sie längere Zeit recherchiert und sich von Alexander Korb, Direktor des Stanley Burton Centre for Holocaust and Genocide Studies an der Universität von Leicester, von dem auch das kluge Nachwort stammt, beraten lassen. Denn der historische Stoff und die gebrochene Biographie ihrer Hauptfigur sind nicht ohne Fallstricke. Die Geschichte der späteren Mitläuferin, die in der Volksgemeinschaft bald schamlos ihren Vorteil sucht, beginnt harmlos. Mehr noch: Die knapp 20jährige Irmina lässt die Leserin und den Leser anfangs völlig vergessen, dass es sich bei ihr um eine ferne Figur aus der Großmutter- oder sogar Urgroßmuttergeneration handelt. In zahlreichen Close-ups kommt einem die junge Frau beängstigend nahe. Wenn die deutsche Ausstauschschülerin mit dem blondem Bob die viel zu große Hose ihres schwarzen Boyfriends anprobiert, denkt man sehr viel eher an Lena Dunham als an Leni Riefenstahl. Tatsächlich hat sie von beiden etwas. Die naive Unverfrorenheit der Jugend schlägt später in die eiskalte Berechnung einer Profiteurin um. Ihre Gefühle versteht sie als Ehefrau eines aufstrebenden Architekten und SS-Mitglieds perfekt zu kontrollieren, etwa ihr Schaudern an­gesichts der Verhaftung ihrer jüdischen Nachbarn. Solche Emotionen will sie sich aber nicht leisten, sie würden ihre Beziehung zu dem tief in die Mordmaschine verstrickten Ehemann infrage stellen. Die Szenen, die sich bald bei den Novemberpogromen abspielen, lassen sie bereits kalt. »Die Juden sind unser Unglück« lautet ihr Kommentar.
Dabei saß Irmina doch vor kurzem noch als Stenotypistin mit Englischkenntnissen verliebt im NS-Kriegsministerium in Berlin und wartete ungeduldig darauf, dass man sie zurück nach London beordert – in die Arme des schwarzen Studenten. Als man ihre Versetzung nach London ablehnt und ihre Briefe an Howard mit dem Vermerk »Gone Away« zurückkommen, beginnt sie mit dem aufstrebenden Architekten Gregor, einem Bewunderer Albert Speers und widerlichen Antisemiten, auszugehen. Ihr Ehrgeiz beschränkt sich schon bald darauf, ihren Ehemann zu unterstützen und seine Karriere zu fördern. Als sein beruflicher Aufstieg zum Stararchitekten kriegsbedingt ins Stocken kommt, rät sie ihm zu, sich an die Front zu melden. Ohne soldatischen Ruhm wird es nichts mit dem Aufstieg im Dritten Reich werden, befürchtet die inzwischen Mutter gewordene Irmina. Während Gregor den von Daniel Goldhagen beschriebenen Antisemiten repräsentiert, ist Irmina eher der von Hans Mommsen beschriebene Typus des Mitläufers, der seinen eigenen Vorteil im Nationalsozialismus sucht.
Gregor meldet sich freiwillig in den Krieg, Irmina zieht mit dem Kind aufs Land. Feldarbeit liegt ihr nicht, aber Irmina glaubt weiter fest an die eigene großartige Zukunft nach dem Endsieg und reißt sich zusammen. Die Zeichnungen, die den Moment zeigen, in dem die Protagonistin das Telegramm mit der Nachricht vom Tod ihres Ehemanns erhält, erinnern an die Trance eines Films von Andrej Tarkowskij und spielen einmal mehr die phantastischen Möglichkeiten durch, die die Graphic Novel besitzt. Auch das mühelose Überbrücken großer zeitlicher und räumlicher Distanzen gehört dazu. Im Schlusskapitel, das 1983 auf Barbados spielt, trifft das Beinahe-Paar von einst, das so ausgelassen durch London spazierte, sich wieder, grau und steifbeinig geworden sind beide. Aber Howard hat als Diplomat genau die politische Karriere gemacht, die er angestrebt hat.
Der Schauplatz der Irmina-Geschichte ist die Globalität des 20. Jahrhunderts mit ihren kolonialen Bezügen. Nicht zuletzt erinnert der Comic daran, dass Deutschland Teil des europäischen Kontinents und längst nicht, wie im Nati­onalsozialismus imaginiert, auschließlich weiß war. Die zaghafte Liebesgeschichte zwischen der Deutschen und dem schwarzen Studenten lebt von Anfang an vom Konjunktiv, von der vagen Idee, dass beide ein Paar hätten werden können; so wie die Geschichte der Irmina insgesamt von der Möglichkeit handelt, einen anderen Weg als den des Mitmachens zu gehen. Aufgezeigt wird auch die feministische Perspektive von Bildung und Unabhängigkeit, die die Protagonistin zugunsten des sozialen Versprechens auf Wohlstand und Aufstieg als Teil der Volksgemeinschaft aufgegeben hat. Die Goldhagen-Debatte im Gewand einer Liebesgeschichte!

Barbara Yelin: Irmina. Reproduct, Berlin 2014, 300 Seiten, 39 Euro