Gegenwärtiger Antisemitismus und Erinnerungsverweigerung

Die neue antisemitische Barbarei

Der Kampf gegen Antisemitismus muss darauf dringen, sich mit dem Schmerz der Erinnerung zu konfrontieren.

Anzeige

Hitler habe den Menschen einen neuen kategorischen Imperativ aufgezwungen, schrieb Theodor W. Adorno in der »Negativen Dialektik«, den Imperativ, »ihr Denken und Handeln so einzurichten, dass Auschwitz nicht sich wiederhole, nichts Ähnliches geschehe«. Anlässlich der Erinnerung an den 70. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz hat dieser Imperativ nichts von seiner zwingenden Notwendigkeit eingebüßt, auch wenn manche meinen, ihn historisieren zu können.
Der Wunsch nach Historisierung resultiert gegenwärtig nicht mehr aus einem falschen Geschichtsverständnis, wie es vorzugsweise von linken Gruppierungen bis in die neunziger Jahre gepflegt wurde, die den Nationalsozialismus als Unterdrückungs-, statt als Zustimmungsdiktatur missverstanden und nicht begreifen wollten, dass die Mehrheit der Deutschen das NS-System nicht nur gebilligt, sondern aktiv getragen hat. Dass der Antisemitismus der emotionale und kognitive Grundkonsens der deutschen Gesellschaft während des Nationalsozialismus war, übersah man geflissentlich beim Gedenken, wenn man in die Konkurrenz um instrumentelle Lehren für die Gegenwart trat, die aus der Massenvernichtung der europäischen Juden zu ziehen seien. Eine dieser Lehren, die an Dümmlichkeit kaum zu überbieten war, proklamierte die Friedensbewegung, die meinte aus Auschwitz »Nie wieder Krieg« lernen zu müssen – als wäre nicht der Krieg der Alliierten die einzige Möglichkeit gewesen, die nationalsozialistische Barbarei zu stoppen.

70 Jahre nach der Befreiung von Auschwitz durch die Rote Armee ist der Antisemitismus allgegenwärtig – in Form von palästinensischen Banden, die tagtäglich Israel terrorisieren, in Form von rechten und linken Verbündeten des antisemitischen Mobs in Europa, die zusammen mit Islamisten demonstrieren oder, mal der eine, mal der andere, verantwortlich zeichnen für Gewalt- und Propagandataten gegen Jüdinnen und Juden. Die antisemitischen Vernichtungsdrohungen des Iran stehen nach wie vor im Raum und bei Konferenzen von Holocaust-Leugnern in Teheran tummeln sich regelmäßig rechte wie linke Antisemiten aus aller Welt. Heute also, da Antisemitismus nicht einfach eine abstrakte Bedrohung, sondern wieder blutige Realität geworden ist, stellt sich die Frage nach der Erinnerung an Auschwitz erneut – diesmal für diejenigen, die anders als manche antisemitischen Friedensfreunde der achtziger und neunziger Jahre nicht die eigene Schuld reinwaschen wollen, sondern die argumentieren, dass die Erinnerung deshalb verblasse, weil die Gegenwart wieder in dramatischem Ausmaß antisemitisch geworden sei.
Ohne Frage: Das Jahr 2014 war wie schon lange keines mehr geprägt vom Antisemitismus, nicht nur, dass mittlerweile beinahe jedes antisemitische Ressentiment ohne politische oder gar juristische Repression sagbar geworden ist, wie die antisemitischen Demonstrationen unter palästinensischer Federführung im vergangenen Sommer in vielen deutschen Städten überdeutlich belegen. Auch die Bereitschaft zur aktiven Gewaltausübung bis hin zum Mord ist, wie der Anschlag im Jüdischen Museum in Brüssel im vergangenen Jahr gezeigt hat, groß, die antisemitischen Mörderinnen und Mörder warten, so scheint es, nur auf die passende Gelegenheit. Und der islamistische und antisemitische Terror in Paris setzt diese Entwicklung aufs Schrecklichste auch 2015 fort.
Dennoch: Gerade die antisemitische Gegenwart erzwingt die Notwendigkeit der Erinnerung, erzwingt es zu ertragen, dass der aktuelle Antisemitismus auf der Tradierung einer Erinnerungsverweigerung fußt, bei der bis heute im nationalen und vor allem familiären Gedächtnis die Weigerung dominiert, dass der eigene Vater oder die eigene Mutter, der eigene Opa oder die eigene Oma schuldig waren. Schuldig meint dabei Schuld in einem vielfältigen Sinn: die Schuld, weggesehen zu haben, die Schuld, die offensichtlichen Lügen der Nazis geglaubt zu haben, die Schuld, die Straßenseite gewechselt zu haben, wenn einem ein Jude entgegenkam, die Schuld, nicht in jüdischen Geschäften gekauft zu haben, die Schuld, Raubgut und enteignete Waren gekauft zu haben, die Schuld, von Raub und Plünderung der deutschen Soldaten profitiert zu haben, die Schuld, den so genannten Feindsender nicht gehört zu haben, die Schuld, von Hitler fasziniert gewesen zu sein, die Schuld, geglaubt zu haben, die Juden seien der Ursprung der eigenen Unzulänglichkeiten, die Schuld, die Nazis gewählt zu haben, die Schuld, in einer der unzähligen Situationen des Alltags geschwiegen zu haben. Schuld, die weit früher beginnt, als beim handgreiflichen Mord, Schuld, von der so gut wie keine deutsche Familie frei ist – die aber nach wie vor von der Mehrheit der Kinder und Enkel in ihrer eigenen Familiengeschichte nicht aufgearbeitet wurde.

Der Antisemitismus, der sich heute oft in einem Umweg zuerst gegen Israel richtet, ist der schmerzhafteste Ausdruck der Unwilligkeit und der Unfähigkeit, die eigene Vergangenheit als eine Vergangenheit der unerträglichen Verstörung aufzuarbeiten. Deshalb tut unsere Gesellschaft den Opfern auch ein weiteres Mal Gewalt an. Eine Gewalt der Erinnerungsverweigerung, eine Gewalt des Vergessens. Die neuen Antisemiten ertragen die Verstörung nicht, sie ertragen nicht, dass sich für sie nichts Positives, nichts Konstruktives aus Auschwitz ergibt, sondern dass sie das Erbe der Barbarei nur verarbeiten könnten, wenn sie zunächst einmal bereit wären, es zu ertragen. Das Sinnbild des Umgangs mit der Vergangenheit sind aber diejenigen, die rufen, ihr Opa sei doch kein Nazi gewesen – und diejenigen, die noch heute als honorige Nobelpreisträger gelten, obgleich sie als Waffen-SS-Mitglieder einer der brutalsten Gruppe des antisemitischen Weltanschauungskrieges angehörten. Dass Günter Grass lautstark in den Chor der Israelhasser eingestimmt hat, ist nicht mehr, aber auch nicht weniger als die geschichtspolitische Kehrseite der neuen antisemitischen Barbarei.
Man muss auch die eigene Verstörung ertragen lernen, um angemessen und adäquat neue Verstörungen wahrnehmen zu können. Wer nur um sich selbst kreist, ohne das Epizentrum seines Problems sehen zu wollen, wird immer weiter kreisen. Das Problem heißt, gestern wie heute, Antisemitismus. Und man kann aus dem Gestern nichts lernen, man kann es nur zulassen und ertragen, zulassen wie den Gang in den eigenen dunklen Keller, in den zu gehen man sich fürchtet – wie in der Psychoanalyse das Verhältnis zum Unbewussten und Verdrängten veranschaulicht wird. Ohne den Keller steht das Haus nicht – ohne die Verstörung ist auch die Gegenwart nicht zu haben, wer nicht erinnert, wer nicht trauert, wer das Leid nicht auszuhalten bereit ist, wird es immer weiter ertragen müssen. Und, was noch schlimmer ist: er wird sich zum Mitwisser des gegenwärtigen Antisemitismus machen, vor dessen historischem Schuldeingeständnis er immerzu fortläuft.

Der gegenwärtige Antisemitismus ist, zumindest in Europa, wohl aber auch in vielen Teilen der arabischen Welt, die aufs Innigste bereits mit den Nationalsozialisten paktierte und schon in den siebziger Jahren verantwortlich dafür zeichnete, dass linke und rechte Terroristen an der Waffe für den antisemitischen Kampf ausgebildet wurden, ein Antisemitismus als Nachgeschichte der nationalsozialistischen Barbarei. Es ist zu vermuten, dass auf den Familiengeschichten derer, die sich heute in Deutschland öffentlich antisemitisch äußern, nach wie vor die tiefe und nicht aufgearbeitete Schuld des nationalsozialistischen Antisemitismus lastet. Eine Schuld, die anzuerkennen und zu ertragen man umgekehrt in immer größerer Beharrlichkeit verweigert. Genau deshalb darf die Erinnerung an Auschwitz als Teil des Gedenkens nie enden. Mehr noch aber ist das Gedenken das Kleine und Wenige, das im Angesicht der Barbarei zu leisten ist, um die Opfer nicht zu vergessen. Niemals.