Die Angst der Juden in Frankreich

Zeichen der Hoffnung

In Frankreich grassiert der Antisemitismus. Dennoch machen die Solidaritätsbekundungen mit den jüdischen Opfern nach den islamistischen Anschlägen von Paris und das Bekenntnis zu den Fundamenten der Republik Hoffnung.

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In der vorvergangenen Woche wurden in Paris 17 Menschen ermordet, die Journalisten und Zeichner von Charlie Hebdo, weil sie Karikaturen veröffentlicht hatten, die angeblich den Propheten verunglimpften, Polizisten, weil sie ihren Dienst taten, und Juden – weil sie einfach nur Juden waren. Am Freitag, dem 9. Januar, bat die Pariser Polizei die zahlreichen jüdischen Geschäftsinhaber in der Rue des Rosiers im Viertel Marais, ihre Läden vorsichtshalber zu schließen. Ähnlich im Pariser Viertel Sentier. Viele Synagogen, wie die große Synagoge in der Rue de la Victoire im 9. Arrondissement, blieben trotz Sabbat-Dienstes geschlossen.
Am 1. Dezember vergangenen Jahres war die Wohnung einer jüdischen Familie im Pariser Vorort Créteil überfallen worden – Begründung der Einbrecher: »Juden haben Geld.« Die junge Frau, die sich in der Wohnung aufhielt, wurde vergewaltigt, der junge Mann, ihr Freund, gefesselt. Knapp 1 000 Menschen versammelten sich wenige Tage später zum Protest.
Im vergangenen Jahr sind 7 000 Jüdinnen und Juden aus Frankreich nach Israel gezogen. Derzeit haben die etwa 600 000 in Frankreich lebenden Juden, die zweitgrößte jüdische Gemeinde außerhalb Israels und nach der USA, mehr Angst als anderswo in Europa. 85 Prozent von ihnen halten Antisemitismus für ein Problem in Frankreich (76 Prozent in Resteuropa), weshalb 46 Prozent von ihnen eine Emigration erwägen (29 Prozent in Resteuropa). Niemand muss in Frankreich schlicht aufgrund seiner Zugehörigkeit oder Herkunft zu dieser oder jener Gemeinschaft um sein Leben, um seine Existenz fürchten – außer Jüdinnen und Juden.

Frankreich, das erste Land, das den Juden die Emanzipation gewährte, hält heute den europäischen Rekord an antijüdischen Gewalttaten. 40 Pro- zent der hier stattfindenden Übergriffe richten sich gegen Juden – gegen dieses eine Prozent der Gesamtbevölkerung. Im vergangenen Jahr nahmen die antijüdischen Gewalttaten um 91 Prozent im Vergleich zu 2013 zu. Im Januar 2014 veranstalteten in Paris an die 30 000 Rechtsextremisten, darunter viele Katholiken, ungestört einen »Dies irae« (Tag des Zorns, ein Begriff aus der katholischen Totenliturgie). Sie riefen unter anderem »Juden, raus aus Frankreich, das ist nicht euer Land«. Ebenfalls im Januar protestierten nahezu ausschließlich jüdische Organisationen gegen den Kabarettisten Dieudonné und forderten ein Verbot seiner antisemitischen Hetzveranstaltungen. Im Mai wählte bei den Europawahlen jeder zehnte Wahlberechtigte Marine Le Pens Front National, in deren angeblich »entgifteter« Partei weiterhin der Holocaust-Leugner Bruno Gollnisch sitzt und deren Ehrenvorsitzender weiterhin ihr Vater Jean-Marie Le Pen ist.
Im Sommer 2014 gab es beinahe 500 Demonstrationen gegen Israels Reaktion auf den Dauerbeschuss durch die Hamas. Fünf Synagogen wurden angegriffen, zahlreiche jüdische Geschäfte geplündert oder in Brand gesetzt, unzählige Graffiti mit »Tod den Juden« angebracht. Die Organisatoren der Demonstrationen bildeten eine bunte Mischung. In Paris gehörten dazu unter anderem die trotzkistische Neue Antikapitalistische Partei (NPA), Jean-Luc Mélenchons linke Parteienkoalition Front de Gauche, die Ultragruppe »Gaza Firm«, die aus der Fanszene des Pariser Fußballclubs Saint Germain (PSG) stammt und vom re-chtsextremistischen Ideologen Alain Soral als »Goy-Verteidigungsliga« gepriesen wird, das Kollektiv Cheikh Yassine, dessen Vorsitzender 2007 für Dieudonné gearbeitet hatte, und der Verein Europalestine, dem wiederum Dieudonné vormals als Aushängeschild diente. Auch die Partei Indigènes de la République (PIR) gehörte dazu, die sich seit 2009 zur Hamas bekennt und damals Aufkleber mit dem Bild Izz al-Din al-Qassams verteilte, der historischen Leitfigur der Hamas, nach der auch ihre Raketen benannt sind.
Menschen wie die Brüder Kouachi und Amedy Coulibaly hätten sich dort verstanden gefühlt, wenn sie nicht sogar tatsächlich daran teilgenommen haben. Mélenchon fragte Ende Juli in gespielter Unschuld: »Wer kann ernsthaft glauben, dass es in Frankreich, von einer Handvoll Individuen einmal abgesehen, beim Protest gegen Gaza Antisemitismus gibt?« Edwy Plenel, der Herausgeber des Online-Magazins Mediapart, wollte in einem von zahlreichen arabischen Medien nachgedruckten offenen Brief das Augenmerk von Präsident François Hollande von dessen angeblicher Fokussierung auf Antisemitismus auf »unsere Mitbürger muslimischer Herkunft, Kultur oder Glaubens« lenken, da diese »den Juden in den Vorstellungen und in der Ausformung eines Sündenbocks« heute ersetzt hätten.
In einem weiteren offenen Brief vom August vergangenen Jahres, unterzeichnet vom ehemaligen Vorsitzenden der NGO Reporter ohne Grenzen, Rony Brauman, dem Philosophen Régis Debray, dem Soziologen Edgard Morin und Christiane Hessel, der Witwe des KZ-Überlebenden und Résistance-Kämpfers Stéphane Hessel, hieß es, im Vergleich zu den Opfern des Abschusses der Passagiermaschine der Malaysian Airlines über der Ukraine seien »fünf mal so viele Unschuldige in Gaza sorgfältig ausgesucht und auf direkten Befehl einer Regierung massakriert« worden. In allen diesen Stellungnahmen wurde die Hamas nie erwähnt, über deren Charta Sari Nusseibeh, der ehemalige Berater Yassir Arafats und bis vor kurzem Präsident der al-Quds-Universität, schrieb, sie sei »eine Kopie des Stürmer«.
Wer kann sich heute wundern, dass die französischen Juden einer Untersuchung der europäischen Agentur für Grundrechte zufolge als Ursache ihrer Angst zu 75 Prozent den Islamismus und zu 67 Prozent den Linksextremismus nennen?

»Ja, ein Frankreich ohne Juden, das ist nicht Frankreich«, schrieb Claude Lanzmann nach den Anschlägen in Le Monde. Nun haben vier Millionen Menschen in Frankreich nach der Attentatswoche demonstriert, großartige Zahlen, wie es sie zuletzt bei der Befreiung Frankreichs von den Nazis gegeben hatte. Die Ausgabe der Überlebenden von Charlie Hebdo, ein Blatt, das zu Lebzeiten der kompletten Redaktion mit einer Auflage von knapp 60 000 in Geldnöten war, erreicht dieser Tage eine Auflage von sieben Millionen. Erstmals seit dem Mai 1968, als die Ausweisung von Daniel Cohn-Bendit mit der Parole »Wir sind alle deutsche Juden« beantwortet wurde (eine Entgegnung auf den damaligen KPF-Vorsitzenden Georges Marchais, der Cohn-Bendit als »deutschen Anarchisten« bezeichnet hatte), wurden am 11. Januar vielerorts in Frankreich die Schilder mit »Je suis Charlie« um Schilder mit »Je suis juif« (Ich bin Jude) ergänzt. Weder die Morde Mohamed Merahs 2012 in Toulouse noch die Ermordung von Ilan Halimi 2006 in Paris hatten solche Bewegungen ausgelöst.
Einige, wie beispielsweise Olivier Besancenot, der Sprecher des NPA, teilten jedoch mit, sie bekämen ob der Bekundung einer solchen »nationalen Einheit« Magenschmerzen, weswegen seine Organisation die Teilnahme dem Gewissen der Einzelnen überließ. Diese Skrupel hatte er nicht, als sich auf den vom NPA mitorganisierten Gaza-Demonstrationen der antisemitische Mob austobte. Hat Besancenot jemals verstanden, warum Leo Trotzki, mit vollem Namen Lew Dawidowitsch Bronstein, überhaupt ermordet wurde? Stalinismus, sofern er antisemitisch ist, scheint bei Trotzkisten hoch im Kurs zu stehen.

Freilich blieb und bleibt die prägende Parole überall »Je suis Charlie«. Sie war es auch auf der großen Solidaritätsveranstaltung des Radiosenders France Inter, an der alle möglichen Künstlerinnen und Künstler teilnahmen. Auf einer großen Demonstration im nordfranzösischen Lille, angeführt von der Bürgermeisterin und prominenten Funktionärin des Parti Socialiste, Martine Aubry, brachten die Teilnehmer der ersten Reihe es fertig, jeweils ein Schild mit einem Namen der Ermordeten von Charlie Hebdo hochzuhalten. Die vier jüdischen Toten vom koscheren Supermarkt blieben unerwähnt.
Die von der Regierung angeordnete Schweigeminute hat, soweit bisher bekannt, in 70 bis 100 Schulen Probleme ausgelöst. Auch ohne das Zutun eines Jean-Marie Le Pen, eines Tariq Ramadan oder mancher von der türkischen AKP inspirierter Abgeordneter verbreitet sich die Legende, die Anschläge seien eine Geheimdienstaktion gewesen, anders ausgedrückt: ein zionistisches Komplott – wenn nicht die Ermordung der Charlie Hebdo-Mitarbeiter sowieso als »gerecht« betrachtet wird. »Schließlich haben sie alles dazu getan«, so der Tenor vieler Schülerinnen und Schüler. Dass auch Juden umgebracht wurden, gilt manchen jungen Menschen in Frankreich, die sich ansonsten über »Islamophobie« empören, quasi als »normal«.
Dieudonné twitterte am 9. Januar, direkt nach den antisemitischen Morden im koscheren Supermarkt, »Je suis Charlie Koulibaly«. Sein Bekenntnis der Solidarität mit dem Mörder gefährdete nur kurzfristig seine geplanten Aufführungen in Metz und Straßburg. In Metz konnte er wieder vor vollem Saal mit 4 000 Zuschauern auftreten. Von seinem Dauerthema Juden abgesehen, nahm er in der Show ein Gewehr in die Hand mit den Worten: »Keine Sorge, das war letzte Woche nicht im Einsatz.« Danach mimte er eine Salve ins Publikum: »Wenn ich eben einen Journalisten, und dann auch noch einen Juden, erwischt habe, werden sie den Nürnberger Prozess neu eröffnen.«
In Libération schrieb ein Journalist über das, was er sich »vor dem vergangenen Mittwoch nie zu tun vorgestellt« habe. Er hätte nie gedacht, dass er einmal den Polizisten, die seine Zeitungsräume bewachen, in denen die Überlebenden der Redaktion von Charlie Hebdo derzeit untergebracht sind, abends eine »Gute Nacht« wünschen würde. Er habe eben begriffen, dass diese Polizisten hier oder dort einfach umgebracht werden könnten, »wenn sie in eine Druckerei oder in einen koscheren Laden stürmen, um Juden, um Journalisten, um Passanten, also um uns alle zu verteidigen«.
Die Wiederauferstehung desjenigen Frankreich, das nein zum Terror, nein zum Antisemitismus und ja zu den Fundamenten der Republik sagt, setzt ein großes Zeichen der Hoffnung. Frankreich ist dabei, seinen Platz in Europa wieder einzunehmen und damit einen der maßgeblichen Gründe aufzuzeigen, die für eine Europäische Union sprechen. Vor vielen Jahren hieß die Parole »ce n’est qu’un début/continuons le combat« – es ist nur der Anfang, kämpfen wir weiter. Es gibt in der Tat viel zu tun.