Waldorfpädagogik basiert auf esoterischer Ideologie

Karma statt Kopfnoten

Die Waldorfschule gilt im akademischen Bürgertum als sanfte und schöngeistige Alternative zur fiesen, erfolgsorientierten staatlichen Schule. Die Basis der Pädagogik bildet eine völkisch-esoterische Ideologie, die viele Eltern offenbar nicht hinterfragen.

Keine Noten und kein Sitzenbleiben, viel Musik, Theater und handwerkliche Betätigung, Förderung statt Auslese, Erziehung zur Freiheit. Die Selbstdarstellung des Bundes der Freien Waldorfschulen klingt gut. Besser als der Drill, dem Kinder in staatlichen Schulen ausgesetzt sind. Insbesondere an den Gymnasien der Bundesländer, in denen die Schulzeit um ein Jahr verkürzt wurde, nicht aber im gleichen Ausmaß der Stoff, ist es noch schlimmer geworden. Im Jahr 2004 führte Kultusministerin Monika Hohlmeier (CSU) das achtjährige Gymnasium in Bayern ein. Das hat Druck und Auslese verschärft. Ohne Nachhilfeunterricht von Eltern oder Professionellen schaffen das fast nur die Überflieger. Viele Eltern teilen die neoliberale Doktrin, schneller sei besser, für die das achtjährige Gymnasium steht, oder sind zu angepasst, um gemeinsame Proteste zu organisieren. Manche Familien ziehen in nördliche Bundesländer oder schicken ihre Kinder dorthin, weil das Abitur leichter ist. Die Unzufriedenheit mit den staatlichen Schulen stärkt die Tendenz in der akademischen Mittel- und Oberschicht, ihre Sprösslinge auf private Schulen zu schicken. Deren Zahl ist von 1992 bis 2013 um über 76 Prozent gestiegen. Jeder elfte Schüler – insgesamt fast 970 000 – besucht heute in Deutschland eine Privatschule. Migrantische Kinder sind deutlich unterrepräsentiert, was das Statistische Bundesamt auf das Schulgeld zurückführt, das Privatschulen verlangen. Immer mehr Eltern machen es wie Monika Hohlmeier, die Tochter von Franz Josef Strauß, die ihre eigenen Kinder lieber der Waldorfschule anvertraute. Nicht nur in dem den Grünen nahestehenden Milieu des Bürgertums genießt diese Schulform, die auf der okkult-esoterischen Weltanschauung der Anthroposophie basiert, neben der Montessori-Schule einen guten Ruf. Die Waldorfschule expandiert deshalb seit Jahren. Derzeit gibt es über 230 Schulen in Deutschland. Die Zahl der Schüler ist zwischen 2002 und 2012 von über 74 000 auf mehr als 84 000 gestiegen – das sind mehr Schüler als in allen Schulen Bremens zusammengenommen, wie der Waldorfschulbund in einer Pressemitteilung stolz verkündet. Die Anthroposophen sind hierzulande nicht nur bei den Schulen Vorreiter der Privatisierung. Die erste Privatuniversität in Witten/Herdecke, wo von Studenten Studiengebühren in bis zu fünfstelliger Höhe verlangt werden, ist ebenfalls anthroposophisch inspiriert. Das entspricht der Haltung von Rudolf Steiner, dem Begründer der Anthroposophie, der Kultur, Bildung und Erziehung komplett privatisieren wollte. Zwar versteht sich die Anthroposophie als Geisteswissenschaft, ist aber Geisterglaube, den Steiner aus Versatzstücken von Hinduismus, christlicher Dogmatik, darwinistischer Evolutiontheorie und Rassenlehren bastelte. Er präsentierte sich als Hellseher und fand damit im Bürgertum des fin de siècle genügend Verwirrte, die seine Ideen und damit seinen Lebensunterhalt bezahlten. Am Anfang fielen vor allem adelige und bürgerliche Damen auf den gebürtigen Österreicher herein. Manche Anthroposophen halten ihn für eine Reinkarnation von Aristoteles und Thomas von Aquin, früher priesen sie ihn gar als den »Menschheitsführer«. In Steiners Welt herrschen Volksgeister, Erzengel und Götterboten, der Mensch zappelt im Netz seines Karma, verstrickt in niedere Leidenschaften, verführt von Dämonen wie Ahriman und Luzifer. Aber Steiner verspricht Erlösung: Geführt von Erzengel Michael würden erleuchtete Anthroposophen die Mächte der Finsternis besiegen. In der Gegenwart sei es die weiße Rasse, die am Geiste schafft, insbesondere die Deutschen.Schwarze schmähte Steiner als triebgesteuerte Kinder, Asiaten, Franzosen und Italiener als dekadent und Juden galten ihm als versteinert und zersetzend. Angehende Waldorflehrer lernen die »anthroposophische Menschenkunde« anhand von Steiners Schriften kennen. Als »Grundlage allen wahrhaften Erziehens« gilt die Lehre von Karma und Reinkarnation, wie Stefan Leber, ein führender Funktionär, 1997 erklärte. Die Waldorfpädagogik gehe aus einem »durch geisteswissenschaftliche Forschung gewonnenen Menschenbild hervor, für das Reinkarnation und Karma geistige Erfahrungstatsachen sind, nicht aber Glaubensartikel oder Resultate visionsartiger Schauungen«, schrieb Valentin Wember 2004 in der Zeitschrift Erziehungskunst, dem Zentralorgan des Waldorfschulverbandes. Darum sei »die gesamte Waldorfpädagogik in ihrem Kern auf einem Menschenbild (aufgebaut), für das Karma und Reinkarnation zentrale Tatsachen sind«. Karma bedeutet laut Steiner, dass das gesamte Leben eines Menschen, das Geschlecht und das Aussehen von den Taten und Untaten aus früheren Leben bestimmt ist; er sprach vom Karmakonto. Der Begriff der Freiheit, der sich auch im Namen Freie Waldorfschule wiederfindet, hat in der Anthroposophie eine andere Bedeutung als gemeinhin. Gemeint ist, dass jeder Mensch diese spirituellen Zusammenhänge begreifen und seinen karmischen Kontostand verändern kann. Diesem Zweck dient auch die Waldorfschule. Sie ist eine Schicksalsgemeinschaft, weil jeder Lehrer oder Schüler aufgrund seines Karmas dort ist. Der Erzieher arbeitet am eigenen und am Karmakonto der Kinder. Der Lehrer soll die frühere Inkarnation und das Karma eines Schülers feststellen. Weil Waldorflehrer im Regelfall keine großen Eingeweihten sind und nicht Hellsehen können, wird die Phrenologie herangezogen. Diese absurde Lehre entstand Ende des 18. Jahrhunderts. Sie verband empirische Methoden wie das Vermessen von Schädeln mit subjektivem Geschmack und ästhetischen Kriterien, die aus antiken Schönheitsidealen abgeleitet werden, zu scheinbar objektiven wissenschaftlichen Urteilen über Charakter und Wesen eines Menschen. Die Absicht ist, Menschen in verschiedene Rassen sowie höher- und minderwertige Exemplare einzuteilen. Die Nationalsozialisten griffen auf diese Vorstellung gerne zurück. Anthroposophen glauben, dass der Körper eines Kindes von Kräften aus früheren Erdenleben geformt wird. So gilt etwa der Kopf als Offenbarung von Ich und Seele, dessen jeweilige Form das innere Wesen einer Person aus dem vergangenen Erdenleben widerspiegele. Die Waldorfpädagogik zieht aus der Phrenologie, die längst widerlegt ist, weitreichende Schlüsse: Wer in einem früheren Leben gelogen habe, dessen Leib sei in der nächsten Verkörperung davon geprägt, die Individualität werde als geistig Behinderter wieder geboren. »Jetzt kann der Mensch die Wahrheit nicht mehr richtig erfassen, er wird schwachsinnig«, schreibt Waldorfpädagoge Wember. Dieser Zusammenhang sei »eine spirituelle Gesetzmäßigkeit, die der Geistesforscher Rudolf Steiner entdeckt hat«. Der Erzieher solle sich vorstellen, dass er derjenige war, der im früheren Leben belogen wurde. Er müsse dem behinderten Kind verzeihen und ihm die »Wahrheiten des geistigen Lebens« beibringen. Was eine solche Einstellung für das Verhältnis zwischen Lehrern und Schülern, Erziehern und Behinderten bedeutet, kann man sich ausmalen: Es ist zutiefst bevormundend und besserwisserisch. Nach der anthroposophischen Menschenkunde wird jede Person von einem von vier Temperamenten dominiert. Der Choleriker ist demnach feurig und willensstark, der Sanguiniker lebhaft, zutraulich und unruhig, der Melancholiker scheu und schwermütig, egoistisch und ein Eigenbrötler, der Phlegmatiker ist behäbig, er träumt mit offenem Mund und zieht möglichst bald das Pausenbrot aus dem Schulranzen. Jedes Temperament gilt als spezifische Form des Egozentrischen, der Mensch müsse lernen, sein Temperament zu beherrschen und diesem Zweck dient die Waldorfschule. Der Klassenlehrer soll das Temperament jedes Kindes bestimmen und danach die Sitzordnung festlegen: links vor ihm sitzen die Phlegmatiker, dann die Melancholiker und die Sanguiniker und rechts die Choleriker. Kinder gleichen Temperaments werden zusammengesetzt, damit sie sich »spiegeln« und die Temperamente gleichsam abschleifen. Für jedes Temperament gibt es spezielle Erzähl- und Darstellungsweisen, bestimmte Übungen. Sogar die vier Grundrechenarten gelten als temperamentspezifisch: Addition sei dem Phlegmatischen verwandt, Subtraktion dem Melancholischen. Eine weitere Komponente ist die Lehre von den sieben beziehungsweise neun Wesensgliedern des Menschen, die sich im Rhythmus von sieben Jahren entfalten würden. Geboren wird nur der physische Leib, mit dem siebten Lebensjahr kommt der Ätherleib hinzu, ein feinstoffliches Gebilde, das etwa für die Temperamente zuständig ist. Zum 14. Lebensjahr bringe ein Astralleib das Bewusstsein und erst mit dem 21. Lebensjahr entwickle sich das Ich, das sich wiederum in Empfindungs-, Verstandes- und Bewusstseinsseele aufteile. Die Ausprägung einzelner Seelenglieder ist laut Steiner die Mission bestimmter Völker oder Rassen. Die Ägypter entwickeln die Empfindungs-, die Griechen und Römer die Verstandes- und die Deutschen die Bewusstseinsseele. Die Waldorfpädagogik geht davon aus, dass ein Kind bis zum siebten Lebensjahr ein ausschließlich nachahmendes Wesen sei. Sicher machen kleine Kinder vieles nach, was Erwachsene tun, und lernen dadurch, sie haben aber sehr wohl einen eigenen Willen, eigene Wünsche und Vorstellungen. In der Waldorfpädagogik wird solche Selbständigkeit jedoch als Symptom für eine falsche Entwicklung abgewertet. Ein Kind, das einen eigenen Willen zeige, indem es Nutella zum Frühstück verlangt, wird in der Erziehungskunst als Wesen mit verfrühtem Ego geschmäht. Zwischen dem siebten und 14. Lebensjahr sollen Kinder ihren Lehrer als selbstverständliche und »geliebte« Autorität akzeptieren, der die Temperamente ausgleicht. Kritisches Denken in diesem Lebensabschnitt bezeichnete Steiner als »Gift für die Seele«. Erst zwischen dem 14. und 21. Lebensjahr dürfen Jugendliche denken, aber mit Herz und Gemüt. Denn »Intellektualismus« lehnte Steiner als »entartet« ab. Erst mit 21 Jahren seien Menschen selbständig und dürften an Sex denken, ginge es nach dem Guru. Entsprechend verklemmt sind Debatten in Waldorfkreisen über Aufklärung und Sexualkunde. Sie orientieren sich an dem Dogma, dass Sex in allererster Linie der Fortpflanzung diene, um für die Reinkarnation eines Geistkeims aus dem Jenseits ein passendes Gefäß bereitzustellen. Überall spuken Naturgeister. Es gibt Wasserwesen, Feuerwesen, Luftwesen, Gnome, mittelgroße Elementarwesen als »fleißige Arbeiter« und Faune als leitende Oberelementarwesen, die jeden Baum umschwirren. Weiter oben in der Hierarchie sitzen regionale Baumwesen und über allen thront Pan, der König der Naturwesen. In jeder Wohnung sitzen unsichtbare Zwerge, als Leitung aller Geister einer Wohnung fungiert ein Wohnungswesen. Nachzulesen ist das im Aprilheft 2011 der Erziehungskunst, das diesen sogenannten Elementarwesen gewidmet war. Darin heißt es, ein Mensch, der spirituell, fleißig und zufrieden sei, helfe den Elementarwesen, die in die Natur verbannt wurden. Unter diesem Aspekt seien Hausaufgaben, aber auch Fleiß und Strebsamkeit, Pflicht und Engagement zu sehen, heißt es weiter. Wenn also gebastelt, gefilzt und gemalt wird, geht es nicht bloß um Kreativität und Geschick, sondern auch darum, Geister zu erlösen. Nahezu alle Waldorfschulen führen jedes Jahr die sogenannten Oberuferer Weihnachtsspiele auf, die Steiner entwickelt hat. Die Juden, die Herodes von Jesu Geburt berichten und zum biblischen Knabenmord aufstacheln, ein klassisches Stereotyp des christlichen Antisemitismus, sind nach seiner Regieanweisung als servil und schmeichlerisch darzustellen. Selbst unter Sympathisanten regt sich deshalb gelegentlich Unmut. Es handle sich um eine »stereotypische, antisemitische Darstellung von Juden«, wie sie heutzutage »außerhalb des anthroposophischen Zusammenhangs höchstens noch Applaus im Lande von Ahmadinejad bekommen hätte«, äußerte ein Kritiker. An Waldorfschulen wird Anthroposophie nicht gelehrt. Die Hinweise sind oft verklausuliert. So heißt es auf der Internetseite des Waldorfschulbundes, der Unterricht sei »auf die Prozesse kindlichen Lernens und die Stufen menschlicher Entfaltung in Kindheit und Jugend« abgestimmt. Eingeweihte wissen, dass es um Wesensglieder und ihre Entfaltung, um Karma und Reinkarnation geht, nicht erleuchtete Leser werden irregeführt. Für Schüler ist die Weltanschauung schwer greifbar und kaum zu hinterfragen. Allerdings müssten Eltern blind oder desinteressiert sein, wenn sie nicht merkten, dass sie ihre Kinder auf eine Weltanschauungsschule schicken. Denn Steiner ist omnipräsent. In den meisten Schulen hängt ein Bild von ihm, ständig wird auf den Guru Bezug genommen. Vermutlich hat die Waldorfschule nicht trotz, sondern wegen ihrer esoterischen Grundlage solchen Zulauf. Neue Schulen werden von den Behörden in der Regel problemlos anerkannt, auch in Bayern, wo Ressentiments in der CSU gegenüber einer vermeintlich fortschrittlichen Öko-Gesamtschule für Reibungen bis in Hohlmeiers Amtszeit sorgten. Das zeigt, wie fest die Anthroposophie inzwischen etabliert ist. Man stelle sich vor, Astrologen würden eigene Schulen gründen oder gar Scientology.

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