Der Roman »Das fahle Pferd« von Boris Sawinkow

Die Pflicht des Revolutionärs

Der russische Romancier und Terrorist Boris Sawinkow erzählt in seinem Roman »Das fahle Pferd« von jungen Bombenschmeißern im Zarenreich.

Von Knud Kohr
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Im späten 19. Jahrhundert gab es für etliche Möglichkeiten, einen aufregenden Nachmittag zu erleben. In Boris Sawinkows Roman »Das fahle Pferd« verbringen zwei unauffällige junge Männer, beide um die zwanzig, ein paar Stunden in einem verschneiten Park am Rande Moskaus. Beide sind Vertreter einer neuen, militanten Widerstandsbewegung namens »Terrorismus«. Einer der beiden heißt Wanja. Bis zu seinem Tod wird der Leser nicht einmal erfahren, wo er wohnt. Aber an diesem Nachmittag wollen Wanja und George lediglich junge Frauen beeindrucken. In lebhaften Dialogen schildert der russische Autor Boris Sawinkow eine Schneeballschlacht. Es herrscht eine ausgelassene Stimmung, harmlos, fast kindlich wirken die jungen Männer. Umso härter ist der erzählerische Bruch. Denn bald werden sich die Freunde wieder um ihre Hauptaufgabe kümmern: die Ermordung zaristischer Würdenträger. Auch für die Täter ist jede neue Attacke lebensgefährlich, denn die potentiellen Opfer werden rund um die Uhr bewacht. Doch Menschenleben zählen nicht für sie, auch nicht das eigene.
Sawinkows 1908 erschienener, autobiographischer Roman »Das fahle Pferd« gilt als ­erstes literarisches Werk eines Terroristen und speist sich aus den Erfahrungen des Autors, der wegen der Beteiligung an zwei Attentaten in Russland zum Tod verurteilt worden war. Das Buch ist jetzt im Berliner Galiani-Verlag in einer gelungenen Übersetzung aus dem Russischen von Alexander Nitzberg erschienen.
Sawinkow war zunächst Gegner des zaristischen Staatswesens und wurde nach der Oktoberrevolution zum überzeugten Feind des ­Sowjetsystems. Als eines der maßgeblichen Mitglieder des bewaffneten Arms der Sozial­revolutionären Partei war er an einer Vielzahl von Attentaten auf politische Gegner beteiligt. Nach dem Ende des Zarismus schien er sein politisches Ziel verloren zu haben. Er begriff sich als Konterrevolutionär und organisierte verschiedene Aufstände gegen das neue System, die jedoch nach kurzer Zeit durch die Rote ­Armee niedergeschlagen wurden. In den nächsten Jahren fand er Exil in Frankreich und Polen, wurde zeitweise vom britischen Geheimdienst SIS unterstützt, während sich in Russland das sowjetische System immer mehr etablierte.
Im August 1924 gelang es sowjetischen Agenten, Sawinkow unter Vorspiegelung der Möglichkeit eines konspirativen Treffens mit angeblichen antisowjetischen Verschwörern nach Russland zu locken. Dort wurde er unverzüglich verhaftet und in ein Gefängnis nach Moskau gebracht Am 7. Mai 1925 stürzte Sawinkow aus einem Fenster im fünften Stock des Lubjanka-Gefängnisses in den Tod. Während er nach offizieller Darstellung Selbstmord beging, ist er anderen Quellen zufolge auf Geheiß Felix Dserschinskis ermordet worden.
Der Roman beschreibt die Vorbereitung und Durchführung des Attentats auf den Moskauer Generalgouverneur. Der Erzähler kommt zu Beginn der Geschichte in Moskau an. Getarnt als Engländer namens George, akzentfrei sprechend und mit gefälschten Papieren ausgestattet, soll er die Führung einer vierköpfigen Gruppe übernehmen. Jeder der drei Männer möchte derjenige sein, der die Bombe wirft. Die vierte im Bunde ist eine Bombenexpertin, die in George verliebt ist. Doch der liebt eine junge, verheiratete Moskauerin, die er zuweilen in einem Park trifft. Er versucht, sie mit seiner Intelligenz und seiner Redekunst zu beeindrucken. Doch die junge Frau hat sich schon entschieden, sich nicht entscheiden zu wollen. Sie will sowohl die Annehmlichkeiten, die ihr der reiche Ehemann bieten kann, als auch das Abenteuer einer Affäre mit einem der meistgesuchten Männer Russlands. Am Ende des Romans wird George wieder verschwinden; seine Geliebte wird auf ihn warten, wie sie das immer schon getan hat – mit ein bisschen Sehnsucht, aber ohne jeden Herzschmerz.
Die meiste Zeit stehen George und seine Leute allein an irgendwelchen Straßenecken, um die Wege von Kutschen oder die Anzahl und Wachwechsel von Polizisten und Soldaten auszukundschaften. Warum sich diese Männner für den Terrorismus entschieden haben und bereit sind, ihr Leben dafür zu opfern, erfährt man nicht. Außer der Bombenexpertin hat jeder aus der Gruppe genau eine Dialogszene mit George, um sich zu erklären. Und auch George selbst, gebildet, intelligent und geschmackvoll gekleidet, scheint eher von der Aussicht auf ein bürgerliches Leben gelangweilt, als dass die Vision von einer anderen Welt ihn antriebe. Bedenkt man, dass der Autor selbst ein Bombenleger war, ist es umso erstaunlicher, wie wenig über die Beweggründe der Protagonisten zu erfahren ist. Selbst dann, wenn George ab und zu Moskau in Richtung St. Petersburg verlässt, um einen Auftraggeber zu treffen, bekommt er dort wenig mehr als den Befehl, die Aktion fortzusetzen. Dann geht es weiter mit dem Warten. Und wenn einer der Gruppe in der Zwischenzeit erschossen wird, ist das noch lange kein Grund, zur Beerdigung zu gehen. Der Terrorismus ist für die Männer ein Handwerk, dem sie ohne Skrupel nachgehen. »Nachdem ich die Bombe geworfen hatte«, erzählt Wanja, »wurde ich, entgegen meinem Wunsch, nicht getötet. Ich warf sie aus drei Metern Entfernung mit Schwung direkt durch das Kutschenfenster. Ich sah in das Gesicht des Generalgouverneurs. Er sah mich auch und ließ sich nach hinten fallen, wobei er wie zum Schutz die Hände hob. Ich sah die Kutsche in Stücke zerbersten. Keine fünf Schritte von mir entfernt lagen Sofffetzen und ein blutiger Körper. Da packten mich von hinten starke Hände. Ich wehrte mich nicht und wurde aufs Revier gebracht. Ich habe nun meine Pflicht erfüllt – die Pflicht eines Revolutionärs.«
Jahrzehnte später beriefen sich die Mitglieder der Roten Armee Fraktion immer wieder auf die Terroristengeneration, die zur Zeit von Boris Sawinkow entstand. Vielleicht sollte einer der RAF-Veteranen versuchen, sein »Fahles Pferd« zu verfassen.

Boris Sawinkow: Das fahle Pferd. Roman eines Terroristen. Aus dem Russischen von Alexander Nitzberg, ­Verlag Galiani, Berlin 2015, 304 Seiten, 22,99 Euro