Zum Tod von Roger Willemsen

Notizen über eine verlorene Freundschaft

Zum Tod von Roger Willemsen.

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Im März 1990 las ich in der Konkret einen langen Artikel über Richard von Weizsäcker von einem mir damals unbekannten Autor: Roger Willemsen. Er sezierte die Sprache Richard von Weizsäckers und stellte dabei fest, dass seine Gedanken als profund gelten, aber tatsächlich nur schwer als solche belegt werden könnten, denn der Inhalt sei oft rätselhaft, nichtssagend und aufgeblasen. Weizsäcker verbringe, wie Willemsen schrieb, »sein Leben mit der Vermehrung rhetorischen Jahresmülls«. Ich war von dem Artikel begeistert, weil da jemand sehr präzise beschrieb, was es mit Richard von Weizsäcker auf sich hatte, der seit seiner nur als salbungsvoll zu bezeichnenden Rede 1985 zum 40. Jahrestages der Beendigung des Krieges bis in die Linke hinein großes Ansehen genoss. Und weil ich mich noch gut daran erinnerte, dass Weizsäcker als Bürgermeister Berlins den Rechtsradikalen Heinrich Lummer zum Innensenator ernannt hatte, um besetzte Häuser räumen zu lassen, war ich gleich noch mehr angetan von der ebenso vehementen wie eleganten Kritik, die dem Schaumsprachler Weizsäcker den Stecker zog, so dass von seiner Glaubwürdigkeit, mit der er wie niemand sonst das »andere, das gute Deutschland« repräsentierte, wenig Ansehnliches zurückblieb.
Also setzte ich mich gleich mit Willemsen in Verbindung und schrieb ihm, dass ich gerne ein Buch mit ihm machen würde, am besten eine verlängerte Fassung seines Artikels über Weizsäcker. Stattdessen machte er mir einen Gegenvorschlag: »Mir schwebt ein Buch vor mit dem Arbeitstitel ›Die guten Deutschen‹, darunter sollten sich sammeln etwa zehn Porträts der exponiertesten, widerlichsten und geistig-moralisch repräsentativsten deutschen Köpfe, und zwar so, dass, nähme man alle Einzelporträts zusammen, das Buch Deutschland in unterschiedlichen Perspektiven erhellte. Wohlgemerkt ein Deutschland-Porträt in polemischen Verrissen, in Substanz und Tonlage dem Weizsäcker-Text verwandt. Gedacht hatte ich neben R. v. W. unter anderem an: Franz Alt, Johannes Gross, Luise Rinser, Kroetz, Albertz, Cohn-Bendit, Wallraff, Höhler. Vielleicht auch Alice Schwarzer oder Ede Zimmermann, jedenfalls an Leute von diesem Kaliber.«
Willemsen hatte für Radio Bremen zu den sechs erstgenannten jeweils eine Halbstundensendung gemacht, aber bei Albertz und R. v. W. hatte der Sender Angst, juristisch belangt zu werden, obwohl die Artikel auf Justiziables hin überprüft worden waren. Radio Bremen sagte ab, und auch Kiepenheuer »machte keinen Hehl daraus, (dass) ihnen das ›zu heiß‹ sei, das seien doch lauter nette Leute«. Daraufhin hatte Willemsen die Sache auf sich beruhen lassen, und das nicht ohne großes Bedauern, »denn, ehrlich gesagt, die Recherchen für ein solches Buch sind grauenhaft, es ist einfach Drecksarbeit (für den Weizsäcker-Text las ich allein etwa 1 500 Seiten Präsidentenreden, das ist mehr als man geistig unangefochten durchsteht)«. Aber dann bekam er Post aus Berlin.
Damals lebte Willemsen in London. Er kam nach Berlin und klingelte bei mir. Später sagte er häufig, er habe seine Zusage zu dem Buch davon abhängig gemacht, ob ich ihm im Moment des Türaufmachens sympathisch sei oder nicht. Offenbar war ich es, denn heraus kam unter dem Titel »Kopf oder Adler. Ermittlungen gegen Deutschland« ein Porträt Deutschlands, in dem die ganzen »netten Leute«, die er in seiner Liste aufgenommen hatte, natürlich eine Rolle spielten, weil sie dieses Deutschland ja nicht unerheblich repräsentierten, ein Horrorkabinett, und keiner auf dieser Liste hätte in einem »Who’s who peinlicher Personen« fehlen dürfen.
Als ich unsere Korrespondenz von damals wieder las, fiel mir eine dreiseitige Replik Willemsens in die Hände, die er auf Henryk M. Broders eigentlich lobende Taz-Rezension seines Buches geschrieben und die ich völlig vergessen hatte. »Zunächst mal: habe ganz lahme Schultern davon bekommen, so oft hat er mir drauf geklopft. Auch wenn’s gut gemeint ist, ich hab’s nicht gern, und täusche mich auch nie darin, dass der Rezensent vor allem feststellen wird, dass am Ende doch er selbst der Klügere ist. Formulierungen wie: ›Faustregel, der ich hier nur zustimmen kann‹, ›kann ich ihm meinen Respekt nicht versagen‹ (…) oder ›schreiben kann er‹ verraten mir vor allem, welchen Respekt der Rezensent vor sich selber hat. Würde er Adorno auch so rezensieren? ›Schreiben kann er‹? Also ich für meinen Teil lasse mich entmündigen, sobald mir ein einziger dieser Sätze unterläuft.« Willemsens Misstrauen war gut begründet, wenngleich in der Frage, ob Broder Adorno auch in diesem Stil rezensiert hätte, bereits eine kleine Hybris aufschien. Willemsen stellte es mir anheim, seine Überlegungen an Broder weiterzuleiten, mit dem ich gerade zusammen das Buch »Liebesgrüße aus Bagdad. Die edlen Seelen der Friedensbewegung und der Krieg am Golf« herausbrachte. Ich weiß nicht mehr, ob ich es getan habe, aber auch ohne diese Vermittlung waren sich die beiden nie grün.
An der Anthologie »Liebesgrüße aus Bagdad«, in der unter anderem »Hitlers Wiedergänger« von Enzensberger enthalten war, beteiligte sich Willemsen nicht, weil er gegen den Einmarsch amerikanischer Truppen im Irak trotz völkerrechtlicher Deckung Einwände hatte, die sich für ihn auch durch die Hysterie der Friedensbewegung nicht relativierten. Auf der Buchvorstellung von »Kopf oder Adler« im Berliner Literaturhaus trat unser Dissens andeutungsweise zu Tage, tat unserer Freundschaft aber keinen Abbruch. Er belieferte viele der in den neunziger Jahren im Tiamat-Verlag erscheinenden Anthologien wie »Das Wörterbuch des Gutmenschen«, und er war regelmäßiger Beiträger des Jahrbuchs »Warum sachlich, wenn’s auch persönlich geht. Das Who’s who peinlicher Personen«, auch wenn ich immer ein wenig drängeln musste. Aber das gehört zum Geschäft. Dafür bekam ich dann schöne Faxe wie das vom 18. Februar 1994: »Du fragst mich nach meinen guten Nachrichten für Dich. Ja, ist das nichts, dieses in geradezu metaphysischer Anhänglichkeit an Dich und Treue zu Dir dahinziselierte ›FR-Manuskript‹ (?), mit dem sich die Summe meiner publizistischen Feinde wieder einmal vergrößert? Alles, weil ich damals an Deiner Berliner Haustür nicht rechtzeitig den Schwefeldampf gerochen habe, der von Dir, wie von jedem Teufel, aufsteigt.«
Ich weiß nicht, inwieweit »Kopf oder Adler« dazu beigetragen hat, dass Willemsens Karriere als Autor nun ziemlich schnell Fahrt aufnahm. Bei Redakteuren, die früher bei seinen Texten kalte Füße bekamen, hatte er jetzt carte blanche. Der Spiegel veröffentliche Willemsens Verriss des neuesten Buches von Johannes Gross und auch das Zeit-Magazin öffnete ihm seine Seiten. Das hielt ihn nicht davon ab, sich spöttisch über seine Auftraggeber zu äußern. Wunderbar seine Sottise über die Zeit: »Die Zeit ist ein wohlerzogenes Blatt und liebt die freie Meinungsäußerung, aber vornehmlich bei Meinungen, für deren Äußerung man keine braucht. Nur die Rechtsradikalen müssen vor ihr wirklich Angst haben. Denen werden hier nämlich derart die Leviten gelesen! Wenn die ihre Wochenration Theo Sommer hinter sich haben, dann kriegen sie vor Unrechtsbewusstsein keinen Molotow mehr hoch.« Das war zu scharf und zu intelligent, um jemals massenkompatibel zu sein.
Als seine Essays und Polemiken 1999 bei Tiamat unter dem Titel »Bild dir meine Meinung« erschienen, war er bereits fernsehbekannt, sein Buch aber profitierte nicht davon. Schon 1990 wurde er vom Bezahlfernsehkanal Premiere für eine tägliche Interview-Sendung entdeckt; davor hatte er mit dem Medium nie etwas zu tun gehabt. Später verpflichtete ihn dann das ZDF, nachdem sich in der Medienwelt herumgesprochen hatte, was für eloquente und brillante Interviews er führte. Die waren dem ZDF dann aber doch zu eloquent und brillant, weshalb er immer wieder Ärger bekam, weil er Politikern zu sehr auf den Zahn fühlte, bis er schließlich diese Spezies nicht mehr einladen durfte. Legendär war sein Interview mit Helmut Markwort, den er mit seiner Vergangenheit als Pornofilmdarsteller konfrontierte und den er mit seinen Ausreden und Beschönigungen nicht davonkommen ließ. Willemsen wollte sich mit politischen Gegnern streiten und sie nicht bauchpinseln. Und er hatte die Mittel dazu, denn er war umfassend gebildet, hatte ein unglaubliches Wissen gespeichert, das er jederzeit abrufen konnte, war rhetorisch allem gewachsen und schnell und präzise im Denken.
Da ich dem Medium Fernsehen grundsätzlich skeptisch gegenüberstehe, überzeugte mich der etwas schlichte Gedanke »Fernsehen verdirbt den Charakter«; in jedem Fall aber glaubte ich, dass Willemsen seine großartigen Fähigkeiten als Autor im Fernsehen vergeudete, und zumindest als er einmal eine (oder vielleicht auch mehrere?) große Galashows moderierte und Gerhard Schröders Karriere vor und nach der Wahl wie eine Homestory dokumentierte, sich ihm »einfühlsam« näherte, war dieser Gedanke ja auch nicht völlig abwegig, denn er begab sich in die Nähe von Leuten, die für ihn früher höchstens als Gegenstand der Polemik taugten. Er wurde durch das Fernsehen noch narzisstischer und eitler, als man es als Autor und TV-Moderator sowieso sein muss, was mich damals sehr befremdete, mehr als heute.
Als er mich 1998 auf der Buchmesse an meinem Stand besuchte, weil wir das geplante Buch »Bild dir meine Meinung« besprechen wollten, gingen wir ein wenig durch die Hallen. Er wurde dann sehr schnell von einer jungen Frau angesprochen, die er überschwänglich begrüßte und mit der er sich den Rest unseres Spaziergangs unterhielt. Eine alte Freundin, dachte ich, aber dann stellte sich heraus, dass Willemsen sie gar nicht kannte. Die Empathie, mit der er Menschen begegnete, war erstaunlich, gleichzeitig aber auch etwas beliebig und – diesem unangenehmen Gefühl konnte man sich nicht so richtig entziehen – auch etwas routiniert, denn wenn man vielen auf so emphatische Weise begegnet, entwickelt man eine Verhaltenstechnik, die die Empathie nur als solche erscheinen lässt. Als Gegenüber weiß man dann nie, ob die Empathie, die einem entgegengebracht wird, echt oder einfach nur eine launische Übertreibung ist, und man beginnt zu zweifeln, ob der andere sich selbst darüber im Klaren ist. Zudem weckt die ständig zur Schau getragene Begeisterung Erwartungen, die zwangsläufig enttäuscht werden, denn niemand kann sie in dem Ausmaß erfüllen, wie sie geweckt wurden.
Letztlich lässt sich das schwer beurteilen, aber trotz der leichten Vorbehalte, die ich ihm gegenüber hatte, nahm sich Willemsen die Zeit, 1999 auf meinem 20jährigen Verlagsjubiläum zu erscheinen und dort eine Eloge auf den Verlag und den Verleger zu halten. Leider gibt es davon kein Tondokument, nur ein Foto, denn außer, dass er mich über den grünen Klee lobte, habe ich keine Erinnerung mehr an irgendeinen konkreten Inhalt der Rede, die er aus dem Ärmel schüttelte und für die er sich bestimmt nicht vorbereiten musste und die dennoch so war, dass ich ihr stolz und wahrscheinlich mit roten Ohren zuhörte beziehungsweise sie an mir vorbeirauschen ließ. Immerhin versuchte ich einigermaßen erfolgreich, mich nicht für den zu halten, den Willemsen aus mir zu machen versuchte.
Auch wenn wir uns danach noch ein paarmal trafen, trat eine zunehmende Entfremdung ein, weil un­sere Positionen in politischen Fragen auseinandergingen, und das nicht nur im Irakkrieg, sondern auch bei der Wiedervereinigung, bei der er dazu neigte, die kleinen Leute zu idealisieren und sich für das zu begeistern, was noch nicht vom Westen modernisiert worden war. Das ist vielleicht unfair, weil er in seinem bereits 1990 entstandenen Beitrag für das dann 1993 entstandene Buch »Der rasende Mob. Die Ossis zwischen Selbstmitleid und Barbarei« natürlich noch nicht die Ausländerfeindlichkeit in Hoyerswerda und Rostock-Lichtenhagen ahnen konnte, aber die Romantik, die er zwar ausdrücklich daraus nicht gewinnen wollte, die aber trotzdem fühlbar war, wenn er der »Abwesenheit von Luxus« in der DDR nachtrauerte, in einer Umgebung, »in der Produkte schlicht ihre Zwecke erfüllen«, was »zwangsläufig Erleichterung auslöst vom Terror des Konsums«, hat etwas merkwürdig rückwärts Gewandtes. Es wollte etwas erhalten will, was nur für den touristischen Blick erhaltenswert erscheint, für den Außenstehenden, der die aus Not geborene Schlichtheit als pittoresk empfindet, nicht aber für Leute, die den Mangel einfach satt hatten und sich dem Terror des Konsums nur zu gerne unterzogen haben und zwar von Anfang an, auch wenn es nicht sehr schön anzusehen war, weil freiwil­lige Unterwerfung nie schön anzusehen ist.
Heute sehe ich unsere Differenzen gelassener; ich kann seine Motive besser nachvollziehen, aber was ich weder damals noch heute verstehe, war seine Begeisterung für Arafat, mit dem er einmal ein Interview geführt hatte, das ich mich scheute anzusehen. Arafat war immer einfach nur ein korrupter und israelhassender Politiker. Für diese Erkenntnis ist es manchmal besser, nicht mit demjenigen gesprochen zu haben, genausowenig wie ich mit einem Nazi gesprochen haben muss, um zu wissen, dass mich seine Vorstellungswelt nicht interessiert. Oder, um mit Wolfgang Pohrt zu sprechen, man muss nicht an jeder Mülltonne schnuppern, um zu wissen, dass sie stinkt. Aber solche unterschiedlichen Anschauungen haben wir nicht diskutiert, schon aus Mangel an ­Gelegenheiten, dennoch wussten wir um die Unterschiede. Nicht en detail, aber es war klar, dass ich mit Autoren zu tun hatte (Pohrt, Geisel, Broder) und mich in einem Milieu (Konkret, für die ich damals regelmäßig schrieb) aufhielt, das ihn nicht besonders schätzte, und umgekehrt war es vermutlich auch nicht anders, obwohl ich das nicht beurteilen kann. Sein Totalverriss Hellmuth Karaseks und sein natürlich tadelloses und geschmeidiges Auftreten im ­Literarischen Quartett waren etwas, das ich zwar bewunderte, das aber auch seine Integration im Kulturbetrieb dokumentierte, dem er immer weniger mit beißendem Spott und immer mehr mit kritischer Teilnahme begegnete.
Von vielen seiner Fernsehsendungen und -auftritte bekam ich allerdings gar nichts mit, nicht nur, weil es mich nicht wirklich brennend interessierte, sondern weil ich nichts mitbekommen wollte. Ich wollte nicht etwas ansehen müssen, was ich womöglich schlecht oder auch einfach nur beliebig gefunden hätte. Und mit großer Sicherheit wäre das der Fall gewesen, hätte ich den Willemsen, den ich wegen seiner scharfen Polemiken schätzte, nicht mit dem Willemsen zusammengebracht, der im Fernsehen Promisendungen moderierte. Seine Faxe enthielten nur noch Grüße und Entschuldigungen, weil er noch zwei Bücher schreiben müsse oder gerade wieder unterwegs sei oder sonstigen Verpflichtungen nachkommen müsse. Das ist nichts Außergewöhnliches bei jemanden, der eben viel zu tun hat, aber es wurde auch deutlich, dass er andere Prioritäten setzte, die mit dem, was er einmal gemacht hatte, nicht mehr viel zu tun hatten.
Als ich ihn schließlich zum letzten Mal vor ein paar Jahren auf dem Empfang des Fischer-Verlages sah, standen wir nur wenige Meter voneinander entfernt. Er war umringt von, wie ich vermutete, Praktikantinnen des Fischer-Verlages, die ihn, wie man deutlich sehen konnte, anhimmelten. Plötzlich waren wir füreinander zwei völlig Fremde, und ich habe nie herausgefunden, warum es so war, denn es gab nie ein richtiges Zerwürfnis, höchstens die eine oder andere Vermutung, die nun endgültig sinnlos geworden ist.
Ich hörte von seinem Tod im Radio und war überrascht, denn ich hatte nichts von seiner Krebserkrankung und seinem Rückzug aus dem öffentlichen Leben mitbekommen. Der Rundfunk strahlte ein längeres Interview aus, dass er kurz vor seinem 60. Geburtstag gegeben hatte. Er trat dafür ein, dass man sich der Zerstreuungsmaschinerie von Internet und Facebook entziehen sollte. Wenn man etwas machte, solle man sich vollkommen darauf konzentrieren. Ein guter Gedanke, den er auch gleich konkretisierte, indem er sinngemäß sagte, dass, wenn man sich nicht ganz und gar auf diese Situation einlasse, die ihm die Einladung und das Privileg beschert habe, sich in der Öffentlichkeit zu äußern, nicht nur jeder Augenblick, den er mit dem Interviewer das Glück habe verbringen zu dürfen, vollkommen verloren sei, sondern das ganze Leben. In einem weiteren Interview, das am gleich Tag lief, hörte ich den selben Gedankengang fast gleichlautend noch einmal.
Natürlich ist es nicht ungewöhnlich, sich in unterschiedlichen Interviews zu wiederholen und dabei die gleiche Wortwahl zu benutzen, aber im Ohr bleibt ein leichter Misston, der befremdlich wirkt und misstrauisch macht, nicht weil sein Denken so radikal wäre, sondern weil die Weltsicht, die Willemsen präsentierte und die er für sich reklamierte, so exklusiv und fast schon religiös ist. Die unheilvolle Rede vom Verlust des ganzen Lebens ist eigentlich nur ein Gedankenspiel, denn im Alltag des Menschen erscheint diese Konsequenz lächerlich, aber Willemsen gibt damit allen zu verstehen, dass dem formulierten Anspruch niemand besser gerecht wird als der Autor selbst. Die Kritik, die er einmal an Broder formuliert hatte, ließe sich auch auf ihn anwenden.
Seine politische Einstellung war im linken Milieu common sense, wenngleich dieses Milieu ihn nicht wirklich zu schätzen wusste, weil er sie zu elegant und zu wenig schablonenhaft formulierte. Gleichzeitig aber war er nicht wirklich analytisch, seine Überlegungen waren oft zu glatt, und ihre Oberflächlichkeit verbarg sich häufig hinter beeindruckenden Wortgirlanden, die mit Bildungswissen geschmückt Bedeutung simulierten. Und das kann auch gar nicht anders sein, denn wer in vielleicht 40 Schaffensjahren über 50 Bücher schreibt oder herausgibt, kann kaum den Ansprüchen gerecht geworden sein, die Willemsen vermutlich an sich selbst stellte.
Jenseits dieser möglicherweise kleinlichen Kritik war an Willemsen bewundernswert, wie er durch die Welt gerast ist, um alles zu sehen und alles zu hören, alles aufzusaugen und alles kennenzulernen. Keine Tür scheint ihm dabei verschlossen geblieben zu sein und bei keinem Menschen schien er Berührungsängste zu haben. Wenn sich seine unglaubliche Neugier auf etwas richtete, dann versuchte er den Gegenstand wirklich zu durchdringen. Er hat sich dabei nie nur auf eine Tätigkeit beschränkt. Als Buchautor und Journalist wurde er Talkmaster, er gründete seine eigene Produktionsfirma und löste sie wieder auf, er verabschiedete sich vom Fernsehen, reiste in der Welt umher, besah sich ihr Elend und schrieb Bestseller darüber.
Der Kopf ist rund, damit das Denken die Richtung wechseln kann, schrieb Francis Picabia einmal. Willemsen hat davon viel Gebrauch gemacht, weil er immer wissen wollte, was die Welt und die Menschen umtrieb. Und diese Eigenschaft ist nicht die schlechteste.