Weil sich Gewalt niemals aus der Welt schaffen lässt

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Heinrich Popitz schrieb 1986 in ­seinem soziologischen Klassiker »Phänomene der Macht«: »Der Mensch muss nie, kann aber immer gewaltsam handeln.« Für Popitz und in seiner Nachfolge auch den Historiker Jörg Baberowski sind eine weitgehende Instinktentbundenheit und eine weitgehende Befreiung von Handlungszwängen und Handlungshemmungen die anthropologische Basis menschlicher Gewalt.
Durchaus düster ist diese Einschätzung, weil sich – anthropologisch argumentierend – eine gewaltfreie Gesellschaft so kaum mehr denken lässt. Erklärungsbedürftig bleibt aber andererseits, weshalb wir nicht andauernd einander die Köpfe abschlagen, oder andersherum, welche Situationen oder Räume Gewalthandeln bevorzugt entstehen lassen. Baberowski denkt in »Räume der Gewalt« dabei vor ­allem an geographische Zonen, Kriege, Lager oder Gefängnisse. Er schreibt: »Der Raum der Gewalt ist ein anderer als der Raum des Friedens.« Und meint damit, dass Gewalt dynamisch sei und alle sozialen Beziehungen fundamental verändere. Tatsächlich ist sie schwer aufzuhalten, wenn sie einmal im Gang ist. Das gilt auch für die großen Gewaltaktionen moderner Staaten, die eben keineswegs an einer friedlichen Ordnung interessiert sein müssen.
Für Baberowski ist Gewalt kein Rätsel. Rätselhaft findet er, dass man ernsthaft glaubt, sie aus der Welt schaffen zu können. Sie planvoll einhegen – das ginge vielleicht. Doch dazu müsse man genau hinschauen, Gewalt wirklich ver­stehen wollen. Baberowskis Buch ist kein besonders origineller, aber ein durchaus lesenswerter Versuch in diese Richtung.
Jörg Baberowski: Räume der Gewalt. S. Fischer, Frankfurt am. Main 2015, 272 Seiten, 19,99 Euro