Edwige und die Nachmittagsmonster

<none>

Von Uli Krug
Anzeige

Wer die 40 nicht deutlich überschritten hat, dürfte Edwige Fenech vermutlich nicht mehr auf Leinwand oder Bildschirm erlebt haben. Umso schöner also, dass der französische Cartoonist Charles Berberian jetzt der scream queen ungezählter scheußlich-schöner gialli, wie die Horrorkrimis hießen, mit denen die italienische Filmindustrie in den Siebzigern die Bahnhofskinos weltweit versorgte, eine gezeichnete Liebeserklärung gemacht hat. Und nicht nur ihr, sondern auch all den anderen Helden des B-Films jener Zeit, als das Fernsehen gemächlich, nachgerade betulich war und die Kinosäle exotisch-bizarre Fluchtorte aus einer ansonsten eher grauen und wohlgeordneten Welt darstellten. Besonders die Nachmittagsvorstellungen waren Experimentierfelder adoleszenter Phantasie, die sich an Herkules, Django oder Godzilla delektierte.
Berberian, Jahrgang 1959, der mit seiner autobiographisch angelegten Figur Monsieur Jean einige Bekanntheit erlangte, gelingt mit »Cinerama« ein ebenso exakter wie ironisierend-nostalgischer Blick zurück auf eben diese Nachmittage; er fängt die typisch pubertäre Mischung aus Ekstase und Altklugheit ein, mit der der bebrillte Teenager Charles das Geschehen auf der Leinwand verfolgt. Gekonnt spielt Berberian ­dabei mit Zeitebenen, geht sowohl ­im Geschehen auf und verfolgt es zwei P­anels weiter schmunzelnd aus biographischer Ferne. Ein meisterhafter Comic, der vor allem eines transportiert: die ungebrochene Liebe zum Trash-Universum der Pubertät, das durch die wachsende Skepsis der späteren Lebensjahre eher noch kostbarer wird und die basalen Erkenntnisse der frühen Jahre aufbewahrt – Erkenntnisse wie diese, die der 13jährige Protagonist gelassen ausspricht: »Ein guter Film ist einer, bei dem man sich nicht langweilt.«
Charles Berberian: Cinerama. Eine Auswahl der besten schlechtesten Filme der Welt. Aus dem Französischen von Ulrich Pröfrock. Verlag Reprodukt, Berlin 2016, 54 kolorierte Seiten, 14 Euro