Wie die »Revolution im Wohnzimmer« 
begann

Nomadische Erstausstattung

Ikea brachte vor 50 Jahren ein stilprägendes modulares Regal auf den Markt. »Ivar« wurde zum bevorzugten Möbel einer Emanzipation, die Freiheit versprach, aber lediglich Beschleunigung brachte.
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Manchmal verschmilzt eine Produktbezeichnung mit dem Markennamen des Marktführers, wie etwa »Tempo« als Synonym für Papiertaschentuch fungiert. Eine schwedische Möbelkette hat etwas Ähnliches geschafft: Fehlt vermeintlich ein Blumentopf, ein Mülleimer, ein Regalbrett – mit welchem Satz wohl wird normalerweise das Einkaufsbegehren angezeigt? Ja, richtig: »Wir müssen mal wieder zu Ikea.« Dass es dazu kam, ist allerdings nicht Resultat einer ohnehin schon starken Marktstellung oder eines einzigartigen Patents. Ein anderer Vergleich als der mit dem Tempotaschentuch dürfte deshalb eher treffen: Ikea besorgte für den Möbelkonsum das, was die Beatles für den Musikkonsum waren. Und das ist keineswegs nur metaphorisch gemeint. Denn genau zur selben Zeit, als die elektrische Gitarre in der populären Musik die Blasinstrumente endgültig vom Thron stürzte, besiegelte auch das offene Regal das Schicksal der geschlossenen Schrankwand – und beides waren Signale sich grundlegend ändernder Lebensgewohnheiten.
Der Pionier der Revolution im Wohnzimmer war 1966 Ikeas Regalsystem »Ivar«, das mit allen bisherigen Konventionen brach: Es präsentierte sein Kiefernholz ganz ungeschminkt, also ohne furnierte Oberfläche, mit der bis dato solche Rohheit und Billigkeit kaschiert worden war; es zeigte offenherzig sein Konstruktionsprinzip, was bislang nur bei Kellerregalen üblich und gestattet war: deutlich sichtbare, lange Reihen von Bohrungen, die es erlaubten, die Regalböden nach Belieben zu versetzen, schlichte Metallstifte, die diese Böden trugen, und ein ebenso schlichtes Kreuz aus Blechstangen, das das Regal in sich stehen ließ. »Ivar« war der Vorbote all der »Billys«, die folgen sollten, und die ­dafür sorgten, dass man rustikal-gediegene Wohnhöhlen nur noch in besonders ironisch eingerichteten Kneipen oder in alten Fernseh­serien mit wohligem Schaudern betrachten kann.
Die offizielle Lesart dieser Entwicklung folgt dem sattsam bekannten Strickmuster, die aktuellen Zumutungen als Frucht einer ganz großen Emanzipation, Demokratisierung, Individualisierung etc., die in den Sechzigern begann, zu präsentieren. Doch das ist stets, wenn überhaupt, höchstens die halbe Wahrheit – wie auch in diesem Fall: »Ivar«, das seit 1974 auch in Deutschland käuflich zu erwerben war, sorgte zweifelsohne mit dafür, dass junge Leute nicht mehr in möblierte Zimmer ziehen mussten und dass Rotbuch, MEW und Schallplatten eine passende Aufbewahrung fanden; viel spricht auch dafür, dass ein offeneres gesellschaftliches Klima seinen ästhetischen Ausdruck eher in der Transparenz des offenen Regals fand als in den getönten Butzenscheiben des sogenannten Gelsenkirchener Barock.
Doch Emanzipation in einer unfreien Gesellschaft bleibt stets mindestens ambivalent, ihre andere, dunkle Lesart ist deshalb ebenso triftig und wird gar nicht gern erzählt: Denn sowohl die Rückkehr der Anmutung des Selbstgezimmerten wie auch die Verschlankung des Wohnens und mithin der Möbel indizierten auch, dass es zu Ende ging mit der Anerkennung des Proletariats als Bürger zumindest zweiter Ordnung, das die Bürger erster Ordnung zwar lediglich nachäffte, sich darin aber wenigstens einbilden konnte, nur wenig in gesellschaftlicher Wertschätzung nachzustehen. Die Ersetzung eben des Gelsenkirchener ­Barock durch leichtes und multifunktionales Wohnequipment bildet also genau den Übergang vom organisierten Proletariat (oder zumindest situierten Kleinbürgertum) zum durch alerte Selbstinitiative und stetige Krisenbemeisterung bestimmten Preka­riat ab. Letzteres muss zwar nicht in jedem Fall Armut leiden, potentiell überflüssig aber ist es immer und ahnt dies auch sehr deutlich; ob man eine befristete akademische Stelle oder doch bloß einen Mini-Job hat, darüber entscheiden allein Zufall und Netzwerk, Leidensbereitschaft und Mobilität. Rustikale Eiche behindert da nur, »nomadic furniture« hingegen (ein Slogan, der 1974 noch einem revolutionären Designmanifest den Titel gab) ist ein Imperativ der mittlerweile weniger verwalteten denn beschleunigten Welt. »Ivar« war die dazu passende Erstausstattung.