Die Wurst der Moderne

Leo Fischer klingt diese Woche wie Georg Diez

Anzeige

Woher kommt die Gewalt? In dem Film »Der Gott der Gewalt« von Jasmin Rezina – grandios verfilmt mit Cate Blanchett und Udo Walz – wird aus dem Fauxpas eines Kinderspiels die Gewalt von Erwachsenen. Im Spiel ist der Ernst angelegt, wie die gewaltige Eiche in der kleinen Haselnuss. Die Gewalt steckt in allem: hier, zwischen dir, mir, dem Baum, dem Felsen dort, im Flüstern des Feuilletonisten.
Dem amerikanischen Gewaltherrscher Ronald Trump haben wichtige Kommentatoren »Textbuch-Rassismus« vorgeworfen. Zumindest ich habe das getan. Weil ich in einem englischen Beitrag den Ausdruck »textbook racism« gelesen habe. Genau verstanden habe ich das zwar nicht – aber ohne Zweifel läuft etwas schief, wenn jetzt schon Textbücher Rassisten sein können. Rassisten, wie sie im Buche stehen.
Wo endet das? Das hat Obama gefragt, und ich frage es auch: Wo endet das? Wo endet die Gewalt, wo die Angst, wo dieser Artikel? Wie viele schiefe Vergleiche und ziellose Anspielungen braucht es, bis die Menschen verstehen?
Wo endet das? In seinem Dick-Buch »Die Enden der Parabel« sagt der geheimnisvolle Autor Monty Pynchon etwas Ähnliches wie ich in meiner Kolumne vom 29. Mai: »Die Moderne als Versprechen war die Möglichkeit, sich selbst im Strom der Zeit zu verorten, selbst ein Vorne und ein Hinten zu definieren und sich dann natürlich mindestens auf den Beifahrer- oder gleich auf den Fahrersitz des Fortschritts zu setzen.« Alles hat ein Ende, nur die Moderne hat zwei. Und wer wie ich auf dem Kindersitz des »Prozesses der Evolution« (Norman Elias) sitzt, will beschäftigt sein, wenn er sich langweilt.
Wo endet das? Die Moderne ist kein Textbuch. Sie ist eher wie ein Abenteuerspielbuch aus den Achtzigern, wo man auf Seite 168 blättert, wenn man zum Strand gehen will, und auf Seite 212, wenn man die Schmuggler belauschen möchte. Das hat Trump nicht verstanden, das hat der Attentäter Orlando Bloom nicht verstanden. Wir haben jetzt die Chance, Seite 212, die Seite des Fortschritts, aufzuschlagen. Wenn wir das nicht schaffen, gute Nacht.