Die Autobiographie von Viv Albertine von der britischen Punkband The Slits

Ein untypisches Mädchen

Viv Albertine, die Gitarristin der britischen-Punk-Band The Slits, hat eine unterhaltsame Autobiographie geschrieben: großmäulig, smart und antinostalgisch.

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Hätte Viv Albertine ein Fluchglas, also ein Behältnis, in das sie wie Homer in einer Folge der Simpsons nach jedem Schimpfwort 25 Cent werfen muss, die Frau wäre schnell arm. Einer ihrer Lieblingssätze: »I don’t give a shit.« Und knallt nicht jeder Satz besser, der einen Kraftausdruck wie »cunt« oder »fucked-up« beinhaltet? Wer nun aber denkt, es mit einer vulgären Person zu tun zu haben, irrt. Die Autobiographie »A Typical Girl« der ehemaligen Gitarristin von The Slits beweist nämlich das Gegenteil: Albertine hat ein sensibles Gespür für Zwischentöne.
Vermutlich hätte man Albertine längst vergessen, wäre die sehr kurze und sehr wilde Punk-Phase Ende der siebziger Jahre nicht im popkulturellen Gedächtnis speziell Großbritanniens eine konstante Referenz. Wer dabei war, wird immer noch gern als Zeitzeuge gelöchert. John ­Lydon alias Johnny Rotten und Chrissie Hynde von den Pretenders haben die Welt bereits mit ihren Memoiren beglückt. Albertines Buch, eine nonchalante Mischung aus Schelmenroman, Kitchen-Sink-Realism und Punk-Aufbruch, wurde in Großbritannien ebenfalls gefeiert und ist nun, zwei Jahre später, auch in Deutschland erschienen. »Es ist ein Selbsthilfebuch für Mädchen, das ich als Memoiren getarnt habe. Mein Leben quasi als Beispiel, was man nicht tun soll«, sagt Albertine selbst.
Nun sitzt die Autorin im Plattenladen Optimal Records in München, einer Station ihrer Lesereise. Okay, es ist nicht mehr das Hammersmith Odeon wie beim Abschiedsgig der Slits. Keiner kotzt und pinkelt auf die Bühne, zertrümmert eine E-Gitarre oder zerlegt ein Schlagzeug, es ist alles ziemlich bürgerlich. Viele grauhaarige Menschen wollen hören, wie the year punk broke damals war. Albertine, die deutlich jünger als 60 wirkt – porzellanfarbener Teint, schwarzumrandete Augen, rotbraune Haarmähne, schwarze Hose in schwarzen Stiefeln –, ist jetzt also Zeitzeugin. Sie sieht immer noch so aus, als ginge sie gleich zu einem Konzert der Sex Pistols, statt brav aus einem Buch zu lesen.
Was war Punk? Albertine schaut an die Decke und rollt die Augen. »Auf keinen Fall so ein sexy Lichtblickmoment.« Ein typischer Satz für sie: schlagfertig, teenagerhaft überdreht, ironisch bis zur Selbstdemontage, mit einem schmutzigen Humor ausgestattet und erfreulich antinostalgisch. Der Typ Frau, den jeder gern auf ein Bier treffen würde.
Die Aufmerksamkeit gefällt ihr, nach vielen Jahren abseits der Öffentlichkeit, in denen sie, wie sie selbst sagt, wie eine Amöbe lebte. Britisches Understatement, klar, schließlich war sie weitaus mehr in ihrem bewegten Leben: Working-Class-Mädchen, Freundin und Bettgenossin von Sid Vicious, Johnny Rotten und Mick Jones, Hausfrau, Mutter, Aerobiclehrerin, Videoregisseurin, Drehbuch­autorin, Hobbytöpferin, Krebspatientin und jetzt eben Schriftstellerin.
Aufgewachsen ist sie in einer Sozialwohnung im Londoner Stadtteil Muswell Hill, der Vater prügelt und die Mutter erduldet wie so viele Frauen in dieser Zeit ihr Schicksal und versucht, das Beste aus der Kindheit von Viv und ihrer Schwester zu machen. Sie schärft der Tochter ein: »Gib acht, dass du niemals wie ich endest, verlass dich nie auf einen Mann, sondern geh raus und hol dir das Beste für dich selbst.« Was bei der Tochter fruchtet: »Sie machte mich sehr militant.« Doch leider, seufzt Albertine, sei sie »schreckliches Material« gewesen: »Ich war faul, konnte mich nicht konzentrieren, wollte nur Spaß haben und hasste harte Arbeit.«
Perfekte Voraussetzungen, um Punk zu werden. Albertine zieht sich ein T-Shirt an, auf das Vivienne Westwood, die gerade ihre Boutique Sex eröffnet hat, nackte Brüste ­kopiert hat, schnallt sich einen Nietengürtel um den weißen PVC-Rock und stiefelt in wadenhohen Lacklederstiefeln nach West London, damals das Zentrum der Szene. Wenn man Pech hatte, wurde man auf dem Weg zum Sex-Shop auf der Kings Road, Westwoods und Malcolm McLarens Refugium, von den Teddyboys und Skinheads vermöbelt. Die Begleitung von Jungs half auch nicht. Mit denen hing Albertine bevorzugt ab, um sie zu studieren und zu kopieren. »Ich wollte keinen Penis, ich wollte ihr verficktes Leben.«
Ein Konzert der Sex Pistols in der Chelsea School of Art ändert alles. »Endlich sehe ich das Universum vor mir, dem ich immer angehören ­wollte – und dazu auch gleich die Brücke, die hinüberführt«, schreibt sie im Buch. Von den 200 Pfund, die ihr ihre verstorbene Großmutter vererbt hat, kauft sie sich ihre erste E-Gitarre, eine Les Paul Junior, obwohl sie keinen einzigen Akkord spielen kann. Sid Vicious, dem sie wenig später zum ersten Mal begegnet, auch nicht. Vicious und Albertine sind verlorene Kinder: »Die meisten Leute im Punk kamen aus schrecklichen Elternhäusern und hatten eine Persönlichkeitsstörung«, sagt Albertine. »Punk hielt uns davon ab, zu Kriminellen zu werden. Die Kunst ist der einzige Bereich, in dem man mit wenig Fähigkeiten immer noch etwas Gutes machen kann.«
Folgerichtig gründen die beiden Dilettanten die Band Flowers of ­Romance, Viv schmeißt dafür ihr Studium an der Kunsthochschule hin. Es klappt nicht ganz. »Wir haben einen Sommer lang geprobt, aber landeten nirgendwo«, erzählt sie im Rückblick. Später Musikchecker-Ruhm ist dem größenwahnsinnigen Versuch sicher: »Wir spielten nie live, schrieben nie einen Song, aber man kennt uns immer noch«, amüsiert sie sich heute.
Irgendwann hat Sid keine Lust mehr auf Viv. Auch egal: Wenig später gründen sich The Slits. Sie sind in der Szene ein Unikat, weil sie die einzige relevante komplett weibliche Band sind, und touren im Vorprogramm von The Clash. Sie provozieren mit einem Oben-ohne-Cover (das Debütalbum »Cut« von 1979, Post-Punk mit Dub-und Reggae-Einflüssen), schreiben eine Handvoll guter Songs (»Typical Girls« beispielsweise) und lösen sich, wie es sich für eine veritable Punkband gehört, nach wilden Jahren 1982 auf. 2005 ­beleben Ari Up und Tessa Pollitt die Band wieder – ohne Albertine. Als Up 2010 an Krebs stirbt, sind die Slits endgültig Geschichte. Bis heute haftet der Band das Label »einflussreich, innovativ, kommerziell mau und ­irgendwann in der Nische gelandet« an.
Albertines Smartphone summt, ihre Tochter im Teenageralter, Arla, steckt in der Londoner U-Bahn fest. »Fahr nie zur Rushhour mit der Central Line«, schreibt sie. Mutter und Tochter leben in London Fields, Albertine scheint angekommen zu sein. Musik hält sie nicht mehr für ein radikales Medium: »Mich interessiert ein Biomüsli zum Frühstück mehr als ein neues Album irgendeiner Band.«
Trifft sich die Punk-Klasse von 1976 eigentlich heute noch? Kürzlich feierte der ehemalige Bassist von The Clash, Paul Simonon, seinen 60. Geburtstag in einem Club in London. Damon Albarn und Noel Gallagher spielten Songs von den Gorillaz und »Brand New Cadillac« von The Clash, Chrissie Hynde war da, sonst aber »fast nur Männer«, erzählt Albertine. Alle im Anzug, viele Glatzen. Es habe sich sehr männlich angefühlt, erinnert sie sich. »Sie redeten mit mir wie mit einer Frau. In Punk war das Geschlecht irgendwie flüssiger.«
Zum Abschluss des Gesprächs vielleicht doch noch die Chance, ein paar Minuten über »London Calling« von The Clash zu schwärmen? Keine Chance. »Warum denkst du, dass ›The Clash‹ Legenden sind? Dir wurde der patriarchale Mythos von Typen in Lederjacken als etwas Phantastisches und Legendäres verkauft, verstehst du? Sie waren einfach normale Jungs, die Gitarre spielten.«

Viv Albertine: A Typical Girl: Ein Memoir. Aus dem Englischen von Conny Lösch. ­Berlin 2016, Suhrkamp, 478 Seiten, 18 Euro