Krauts und Rüben – der letzte linke Kleingärtner, Teil 6

Kleingärtner trifft Bescheidwisser

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»Das geht nicht. Das habe ich noch nie gehört, das funktioniert auf keinen Fall.« Diese Reaktionen erntete ich, als ich in einer Eisenwarenhandlung zehn Estrichmatten für meinen Erbsenanbau kaufte. Die Matten, die von Bescheidwissern üblicherweise am Bau verwendet werden, sind im Standardformat zwei Meter lang und einen Meter breit. Der Draht ist dünn, leicht und biegsam, was die Verwendung wie den Transport erleichtert. Estrichmatten sind die ideale Rankhilfe für meine Erbsen. In der Regel sind die Matten rostfrei. Sie werden zwischen zwei oder drei Stäben aufgestellt, die ich mit einem Hammer in den Boden klopfe. Manchmal lohnt es sich, die Matten mit einer Schnur an den Stäben zu befestigen. Damit mache ich seit Jahren hervorragende Erfahrungen. Man kann die Drahtmatten jahrzehntelang benutzen. Vorausgesetzt, man hat jahrzehntelang einen Gemüsegarten und baut dort Erbsen an. Ein Kleingärtner denkt immer über die Saison hinaus – so wie es auch gut geführte Fußballvereine machen sollten, egal in welcher Liga. Wahrscheinlich gilt dies auch für andere Sportarten und Lebensbereiche. Da kenne ich mich aber nicht aus. Ich hatte nach dem Kauf darauf verzichtet, dem Bescheidwisser aus der Eisenwarenhandlung nach zwei Monaten ein Foto von der blühenden, wunderbar in die Höhe wachsenden und übervollen Erbsenkultur zu schicken. Ich dachte mir, es sei besser, ihn in seinem Glauben zu belassen. »Was der Bauer nicht kennt, frisst er nicht« – das Sprichwort hat durchaus einen realen gesellschaftlichen Hintergrund. Konrad Adenauer machte daraus in den fünfziger Jahren seinen so legendären wie erfolgreichen Wahlkampf unter dem Motto »Keine Experimente«.
Da ich in der Regel Zuckererbsen anbaue, habe ich nach der Ernte weniger Arbeit mit der Zubereitung, denn Zuckererbsen können mit der ganzen Schote gegessen oder bei großer Ernte auch eingefroren werden. Die Pflanztipps für Zuckererbsen in Gartenbüchern und auf den Saatgutverpackungen sind mit Vorsicht zu genießen. Angeblich sollen die Erbsen erst im April gelegt werden. Ich mache seit Jahren aber beste Erfahrungen damit, sie schon in der ersten Märzhälfte zu legen. Der Ertrag ist um ein Vielfaches größer. Selbstverständlich lohnt es sich auch im April noch, die eine oder andere Reihe Zuckererbsen zu legen, damit man bis in den August oder gar September hinein frische Erbsen hat. Kleingärtnern ergeht es wie ihren Mitmenschen, den Verbrauchern: Ständig werden sie gefoppt, übers Ohr gehauen und auf falsche Fährten gelockt. Es führt kein Weg daran vorbei, selbst nachzudenken, egal was in Gartenbüchern steht, egal was Eisenwarenhändler einem erzählen.
Wenn diese Kolumne erscheint, ist die Ernte der Zuckererbsen bereits in vollem Gange. Neben dem einfachen Anbau und dem üppigen Ertrag haben Erbsen noch zwei Vorteile: Sie wachsen als Schwachzehrer auch auf nährstoffarmen Böden und sie reichern als Leguminosen den in der Luft im Überfluss vorhandenen Stickstoff an ihren Wurzeln an. Wenn man nach der Ernte die Wurzeln mit dem Stickstoff in der Erde lässt, hat die Kultur im Jahr darauf mehr Treibstoff zum Wachsen. Und ich habe mehr Ertrag. Es ist auch ein schönes Beispiel dafür, dass die Ökos mit ihrem Gerede von Kreislaufwirtschaft und Nachhaltigkeit auf dem richtigen Weg sind. Die Alternative zur Anreicherung von Stickstoff aus der Luft ist die künstliche Herstellung von Stickstoffdünger unter der Zuhilfenahme fossiler Energieträger. Der Einsatz dieses Düngers ist in der konventionellen Landwirtschaft weit verbreitet.
Wo ich schon mal beim Wachsen bin: Ohne Wachstum geht im Gartenbau wie auch im sonstigen Leben nichts. Pflanzen müssen wachsen, damit ich Ertrag habe und leckere Dinge essen kann. Auch die Ökos, die unter Landwirten meist »Bios« genannt werden, wollen, dass ihr Umsatz und ihre Höfe wachsen und gedeihen. Bio ist schließlich kein anderes Wirtschaftssystem, sondern eine andere Anbaumethode. Das kapieren viele Verbraucher nicht. Sie glauben ernsthaft, dass ein Biobetrieb eine heile Welt ist mitten im bösen Kapitalismus und nicht dessen Zwang zur Kapitalverwertung unterliegt. Und dann gibt es auch noch konventionelle Landwirte, die einzelne Bioelemente in ihren Betrieb integriert haben wie beispielsweise den Anbau von Leguminosen, eine schonende Bodenbearbeitung oder den Verzicht darauf, Soja aus Ländern der sogenannten Dritten Welt zu verfüttern. Diese Bauern werden aber weiterhin mit dem Etikett »konventionell« versehen und bekommen nicht die moralische und finanzielle Zuneigung der Verbraucher, die dem Etikett »Öko« zugeneigt sind.
Die Kolumne möge mit einer kurzen Gedenkminute des Lesers für eines meiner sechs Hühner enden, das vor zwei Wochen eines natürlichen Todes starb und auf dem Hühnerfriedhof am Rande meines Gartens seine letzte Ruhestätte fand. Der Leser erhebe sich nun und zolle dem verstorbenen Huhn Respekt. Danke.