über Islamismus, Homophobie und die These des „schwulen Selbsthasses“ als Motiv des Attentäters

Tatmotiv gesucht

Der Anschlag auf den Nachtclub »Pulse« in Orlando kann nicht auf schwulen Selbsthass zurückgeführt werden.

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Die ersten Berichte über das Attentat auf den Club »Pulse« in Orlando waren schockierend. Der Anschlag traf die Feiernden, die sich an einem Ort aufhielten, der noch am nächsten Tag in deutschen Medien zögerlich beschrieben wurde: Er »soll bei Homosexuellen beliebt sein«. Der Verlauf der Bericht­erstattung in Deutschland zeigte, wie es um die hiesige Toleranz tatsächlich bestellt ist. Zunächst wurde der spezifische Hass auf Homosexuelle, der sich in dem Anschlag von Beginn an äußerte, verschwiegen oder teilweise verleugnet. Darauf folgte eine Abwägung, ob es sich um einen Akt der Homo­sexuellenfeindlichkeit oder um islamistischen Terrorismus handele. Der Hass auf Homosexuelle ist integraler Bestandteil des Islamismus. Ebenso wie der Hass auf den hedonistischen Westen, die Freizügigkeit, das lustbetonte Nachtleben. In den Medien schlossen sich Berichte an, die sich mit dem Privatleben des Terroristen beschäftigten. Er sei bereits zu Gast im »Pulse« gewesen und nutze Grindr sowie andere schwule Dating-Apps. Gleichzeitig wurde von seinen schwulenfeindlichen Ausfällen in der Vergangenheit berichtet. Derzeit kreisen Kommentare, Berichte und ­Social-Media-Postings um die Frage, ob er den Angriff wohl begangen habe, weil er sich selbst als schwulen Mann hasste. So wird »schwuler Selbsthass« als Tatmotiv angeführt.
Zunächst wurde der Hass auf Homosexuelle geleugnet, dann gegen Islamismus abgewogen, nun tritt er wieder in den Vordergrund. Die entsprechende Annahme passt zu der für die schein­tolerante Gesellschaft symptomatischen Berichterstattung und der Auseinandersetzung mit dem Attentat. Schließlich kann so die Schuld auf den Schwulen und sein Schwulsein ausgelagert werden. Den Motiven – Hass auf Homosexuelle und islamistischer Terror – braucht man sich nicht mehr zu widmen. Es handelt sich diesem Deutungsmuster zufolge bei dem Täter um ­einen Homosexuellen, der mit seiner Sexualität nicht klarkam.
Selbstverständlich ist es die Gesellschaft, die Homosexuelle mitunter dazu bringt, ihre eigene Homosexualität abzulehnen. Doch ist diese Selbstablehnung der entscheidende Faktor für einen solchen Anschlag? Ist es überhaupt relevant, ob der Attentäter nun homosexuell, heterosexuell, bisexuell oder wahnsinnig war? Sein Angriffsziel war, soviel lässt sich festhalten, kein zufälliges und sein Bezug zum islamistischen Terror ist offensichtlich.
Die Überbetonung der möglichen Schwierigkeiten des Attentäters mit seiner sexuellen Orientierung interpretiert den Angriff als Folge seines versteckten Schwulseins. Es ist auffallend, dass gerade Homosexuelle und Transgender in den Social-Media-Kanälen die These, der Täter könne aus Selbsthass gehandelt haben, nahezu dankbar aufnahmen und verbreiteten. Einige hoben hervor, dass sich im Selbsthass die Schwulenfeindlichkeit der Gesellschaft äußere, die es demnach umso mehr anzugehen gelte. Der Hass auf Homosexuelle, der den Anschlag antrieb, wird in dieser Argumentation allerdings unbemerkt in den Hintergrund gerückt. Das Problem liegt nicht in den Schwulen selbst oder ihrem Schwulsein begründet, sondern in der gesellschaftlichen Stigmatisierung, dem Hass und dem heterosexuellen Wahnsinn, der Normalität genannt wird. Schon früh in ihrer Lebensgeschichte wird Schwulen – ebenso wie Lesben und Transgendern – ihre Andersartigkeit bewusst. Zu den Konflikten, die alle heranwachsenden Menschen durchleben, kommt bei Schwulen die Abwertung als ­Andere hinzu. Das Problem ist also die Bewertung von außen, die subjektiv, wenn auch in unterschiedlichem Maße, beeinflusst. Dass nach wie vor ein solches Problem, eine Feindseligkeit, besteht, kann man am besten an Coming-outs sehen. Solange diese noch einen schmerzhaften Prozess darstellen, in dem eine Angst existiert, aufgrund der eigenen Andersartigkeit nicht mehr liebenswert zu sein, ist auch die Schwulenfeindlichkeit nicht passé. Die beschriebene Stigmatisierung, die Angst vor Ablehnung, wird mitunter von Schwulen internalisiert. Das ist kein bewusster Vorgang, sondern eine Zurichtung, die wir der Feindseligkeit und der normativen Zumutung zu verdanken haben. Diese Internalisierung aber, der Selbsthass, ist keine angemessene Erklärung für einen Anschlag, wie er sich in Orlando zutrug. »Schwuler Selbsthass« ist ein Begriff aus der Schwulenbewegung der siebziger Jahre. Er sollte provozieren, aufrütteln und besonders auf Missstände innerhalb der eigenen Subkultur hinweisen. Er drückt sich bis heute auch in der Ablehnung von Schwulen untereinander aus. Diese Ablehnung trifft immer jene, die zu unnormal, zu schwul oder zu tuntig sind. Insofern lässt sich der Selbsthass auf eine Identifikation mit dem Angreifer zurückführen.
Das Attentat im »Pulse« aber war vom Hass auf Homosexuelle eines Islamisten geprägt. Dieser Hass beinhaltet den Wunsch, dass Homosexuelle verschwinden sollen, ein Vernichtungswunsch. Ein solcher wurde in Orlando in aller Brutalität manifest. Möchte man den Aspekt der Selbstablehnung aufgreifen, so reicht bereits ein Blick hinter die schwulenfeindliche Pathologie. In ihr kommt die Ablehnung ­eigener Anteile am Anderen zum Tragen, an dem sie weggehasst werden sollen. Darüber hinaus ein Neid gegenüber jenen, die etwas ausleben, das man sich selbst verwehrt. Es ist so, als würde etwas in den schwulenfeindlichen Männern zutiefst verunsichert, als würde ihnen etwas weggenommen, was sie sich doch am Ende selbst verwehren. Wird daraus Schwulenfeindlichkeit, so ist dies pathologisch. Dieser Hass auf Schwule ist von schwulem Selbsthass aber deutlich zu unterscheiden.
Am Montag vergangener Woche fand in Berlin vor der US-amerikanischen Botschaft eine Trauerveranstaltung zum Gedenken an die Opfer des Anschlags in Orlando statt. Zum Abschied gaben sich zwei Männer einen Kuss und umarmten sich. Daraufhin sagte einer der Besucher der Veranstaltung: »Scheiß Schwule!« Und wiederholte: »Du hast schon richtig verstanden: Scheiß Schwule! Ich finde es schrecklich, dass so viele Menschen umgebracht wurden. Aber zwei Männer, die sich um­armen, das will ich nicht sehen. Das ekelt mich an!« Er empfand also die Umarmung zweier Männer als derart widerwärtig, dass er die Trauer um die Toten störte. Weshalb aber sollte ihn das stören? Der Hass, der Ekel, mit dem er dem Besucher begegnete, muss etwas mit ihm selbst zu tun haben. Er konnte den Anblick kaum ­ertragen. Das Problem sind nicht die Schwulen, sondern es ist der Hass auf Schwule, die Schwulenfeindlichkeit des Mannes und der ­Gesellschaft, die alles andere als ausgeräumt ist. Die Unterscheidung zwischen schwulem Selbsthass und dem Hass auf Homosexuelle ist für die Bewertung des ­Anschlags in Orlando von Bedeutung. Ein Grund für die Hervorhebung der möglichen Homosexualität des Täters mag sein, dass sich manche davor scheuen, den Anschlag als islamistischen Terror zu bezeichnen. Dabei besteht kein Zweifel daran, dass beispielsweise vom »Isla­mischen Staat« (IS) ein Tötungsauftrag erteilt wurde, den auch Einzelne ganz selbständig erfüllen können. Eine hasserfüllte Wendung nimmt diese Bezeichnung in der bekannten Gleichsetzung etwa von Flüchtlingen mit Terroristen. Flüchtlinge pauschal als Terroristen zu bezeichnen, ist rassistisch. Wer mit Islamismus Flüchtlinge assoziiert und dies nicht reflektiert, denkt offenkundig rassistisch. Forderungen allerdings, den Begriff Islamismus zu vermeiden, wirken zuweilen wie ein ­unheilvoller Flirt mit dem Terrorismus, wenngleich (hoffentlich) etwas ganz anderes damit gemeint ist. Die Kritik soll sich gegen rassistische Äußerungen richten, findet jedoch in vielen Fällen den falschen Adressaten.
Der islamistische Terror ist ein politischer und lässt sich nicht mit individualpsychologischen Überlegungen zum Täter erklären. Den Anschlag auf schwulen Selbsthass zurückzuführen, ist Hohn gegenüber den Opfern und Hinterbliebenen und eine Farce angesichts der Gewalt.