Linke drücken sich um eine Auseinandersetzung mit der bigotten Sexualmoral

Die Freiheit in der Wohlfühlblase

Dem Pochen auf die freiwillige Selbstaneignung religiös vermittelten Tugendterrors begegnet die linksliberale Öffentlichkeit mit einer indifferenten bis affirmativen Haltung. Dem gesinnungsethischen Seelenfrieden zuliebe erspart man sich die Auseinandersetzung mit der Rückkehr einer bigotten Körper-, Geschlechter- und Sexualmoral.

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Dem an Oberflächenphänomenen operierenden Verbotsaktionismus konservativer Schule hinsichtlich der Burkini-Verbote setzen die sich progressiv gerierenden politischen und kulturschaffenden Milieus nicht mehr entgegen als Diskursmoden um Selbstbestimmung und Freiheit zum selbstauferlegten, verinnerlichten islamischen Verhüllungsdogma. Emanzipatorische Alternativen gegen jenen Autoritarismus sind damit vorerst leider nicht in Sicht.
Weil ein Rest an revoltierendem, widerständigem Geist, sich der islamistisch-puritanischen Ideologie nicht zu beugen, noch vom republikanischen Konservatismus auszugehen droht, wendet sich eine linksliberale Öffentlichkeit beim Blick in den Spiegel der eigenen Heuchelei degoutiert ab. Den programmatischen Begriff der Freiheit aus fehlender Courage vor der konfrontativen Auseinandersetzung mit der islamischen Reaktion etwa zur »Freiheit des Andersbekleideten« (Taz) umzudeuten, wie es allerorten in liberalen und linken Zeitungen durchscheint, ist wenig hilfreich und martert nur die Luxemburg noch im Grab. Statt die Verteidigung der vorgeblichen Ideale von Freiheit und Gleichheit auf neue Herausforderungen abzustimmen, pflegt man allenthalben die bekannten mentalen Verrenkungen, um im Abwehrkampf den Elefanten hinter Burkini, Hijab und Burka besser verdrängen zu können.
Wo nicht einmal der Säkularismus wirklich durchgesetzt ist, beschränkt sich gesellschaftliche Aufklärung hierzulande auf die tagtägliche Konfron­tation mit den deskriptiv gehaltenen Illustrationen (»Was Musliminnen tragen«) verschleierungstechnischer ­Variationen. Die sexual- und geschlechterpolitischen Vorstellungen und Vorgaben des politischen Islam und seiner Verbandsfunktionäre zur vermeintlich überzeitlichen Bedeckungspflicht sind in Politik und Medien einigermaßen rigide verinnerlicht. Das Nachplappern ideologischer Versatzstücke ist vom Original kaum mehr zu unterscheiden: Dass Badeaufzüge wie der sogenannte Burkini, wie vielfach kolportiert wurde, muslimischen Frauen in einer kollektivierenden Gesamtheit das öffentliche Baden erst ermöglichen, ein Verbot im Umkehrschluss unweigerlich zum kollektiven Ausschluss aller Musliminnen führen müsse, zeigt den Grad der gesamtgesellschaftlichen Habitualisierung an reaktionäre innerislamische Denk- und Wahrnehmungsmuster. Nach der Normalisierung der Verhüllungspraxis arbeitet man so schon an deren affirmativ getragener Normierung mit, unter deren mehr oder weniger sanftem Druck, sich ebenfalls zu bedecken, Frauen in muslimischen Communitys schon heute leiden.
Damit ist im westlichen Ausland Frankreich-Bashing, als eine der Verdrängung der eigenen Heuchelei zuträgliche Ersatzhandlung, zum Sommerhit geworden. Vor allem aus anglophonen und deutschen Medienöffentlichkeiten und ihrem spezifisch kommunitaristischen Verständnis von laissez faire schießt man bissig gegen franzö­sische »Burkini-Cops« und »Sittenpolizei«. Der unterschwellige Tenor: Die Franzosen nerven. Mit ihren Terrorproblemen, vor allem aber mit ihrem tatsächlich hilflosen, verkorksten Versuch, der ideologischen Heimat und Wurzel des Terrors, dem islamistischen Gedankengut, mit dem strikten Laizismus im öffentlichen Raum überhaupt etwas entgegenzusetzen. »Kein Bedarf« an weiterer Ignoranz aus dem Ausland hat Charlie Hebdo angesichts der Selbstzerfleischungen auch im liberalen und linken Lager Frankreichs, »wir machen uns hier ganz gut selbst verrückt, merci«.
Dass der Conseil d‘État in seinem Grundsatzurteil die lokale Strandverordnung zum Burkini genannten Ganzkörperbadeanzug als illegalen Eingriff in die persönlichen Freiheitsrechte kassierte, kann Liberalen und Linken nur oberflächlich Freude bereiten. Die Herausforderung, sich mit fundamentalen Problemen der gesellschaftlichen Realität und ihren Widersprüchen zu befassen, bleibt bestehen. Zu dieser Realität gehört der real existierende po­litische Islam in seinen diversen legalistischen Verbands-, Muslimbruder- und salafistischen Strömungen und Strukturen sowie dessen global expandierende Agenda der (Re-)Islamisierung von Alltag und gesellschaftlichen Aushandlungsprozessen, wie sie in (vormals) säkularisierten Ländern des arabischen Raums oder der Türkei, wie auch in westlichen Einwanderercommunitys, Gesellschaftsdiskursen und politischen Entscheidungsfindungen wirkmächtig ist. Zu den Widersprüchen zählen die diskursprägenden selbstzerstreuenden Freiheitsnarrative einer affirmativen neoislamischen Identitätspolitik einerseits – und die damit verbundene real existierende Partizipationspraxis tatsächlich vieler Burkini- und Hijab-Trägerinnen am gesellschaftlichen Alltag andererseits.
Hierzulande geht man eben »deutlich entspannter« (WDR) mit dem Themenkomplex Islam und Verhüllung um. Dieses bizarre Selbstbild wird schon durch die nur wenige Wochen zurückliegenden aufgeschreckten Re­aktionen infolge der ersten »echten« IS-Anschläge von Würzburg und Ansbach konterkariert, die eilig in der politischen und medialen Dauerberieselung vom psychopathologischen Einzeltäter manisch zerredet und zerstreut werden mussten.
Nun sind Verbote ostentativer religiöser Kleidung am Strand, die im Widerspruch zur Laizität stünden – so vage wie missbrauchsanfällig formuliert –, noch keine Lösung, um Existenz und Machtanspruch des politischen Islam zurückzudrängen. Der konservative Verbotsaktionismus drängt nur dessen stoffgewordene sichtbare Alltagspräsenz zurück – und mit ihr diejenigen muslimischen Frauen, die keine andere Möglichkeit zu schwimmen für sich sehen können. Jene, die aus ideologischer Selbstüberhöhung partout keine Alternative sehen wollen, füttert man noch in der konformistischen Revolte, wie sie sich in den sprunghaften Umsatzsteigerungen bei Burkinis abzeichnete, oder im Verbund mit den alliierten Empörten, in einem Entrüstungssturm der betroffenheitstrunkenen Distanzhudelei vor französischen Konsulaten, etwa in Berlin und London, in Leitartikeln und Aufmachern ausagierte. »So sieht #Liberté aus!« feiert ein nihilistisch-selbstreferentieller Aktionismus sich selbst – und seine »Burkini-Beachparty«-Happenings auf allen Kanälen als heroische Taten gegen »Islamophobie«. Es ist jene postmoderne Weigerungshaltung, die gesellschaftliche Realität und ihre Widersprüche überhaupt zur Kenntnis zu nehmen, die die ganzen Hijab-, »Burkini«- und Burka-Debatten zu einem einzigen Elend aufblähen.
»Der Burkini ist kein Kleidungsstück wie jedes andere!« schaltet sich die frankophone Juristin und Menschenrechtsexpertin Fatiha Daoudi (Huffington Post Maghreb) »en colère«, voller Wut, »aus der eigenen Erfahrung« mit dem Geländegewinn des politischen Islam im marokkanischen Alltag gegen den Relativierungsdiskurs weiblicher Zurichtung ein, die eben kein innerfranzösischer, sondern ein universaler Konflikt sei. Es bleibt den dieser Tage zahlreich protestierenden säkularen, liberalen, linken und feministischen (Ex-)Musliminnen und Muslimen und damit einmal mehr die Rolle der Mar­ginalisiertesten – als besonders bedrohte innermuslimische Minderheit in der Minderheit – aufgebürdet, unerschrocken, aber weitgehend im Diskurs isoliert, vor dem Anspruchsgebaren des politischen Islam nicht einzuknicken, jegliche Konzession als Appeasement weiterer Gebietsansprüche stringent zurückzuweisen.
Die französische Republik konstituiert sich seit 1905 wie keine andere westliche Gesellschaft nach dem Prinzip eines gesellschaftlich erkämpften und geteilten Laizismus, den neben der Freiheit von und zu allen Religionen vor allem auch die Vermeidung jeglicher religiöser Einflussnahme auf Staat und Zivilgesellschaft kennzeichnet. Laut einer Umfrage für das Comité national d’action laïque (CNAL) befürworten 84 Prozent der französischen Bevölkerung den Laizismus als wich­tiges konstitutives Moment des Zusammenlebens. 81 Prozent sehen den Laizismus zugleich in Gefahr. Dass der islamistische Terror von Januar und November 2015 Einfluss auf die hohe Zustimmung gehabt haben könnte, wird in der Erhebung nicht ausgeschlossen. Man kann also nur vor diesem Hintergrund die gesellschaftspolitische Sprengkraft ermessen, die der wochenlangen Debatte um den Burkini als Ausdruck einer rigiden islamistischen Haltung zu eigen ist. Von den pathosgeladenen Solidaritäts- und Widerstandsbekundungen der gemeinsamen Verteidigung von liberté, die auf die ersten beiden großen islamistischen Anschlagswellen vom 7. Januar und 13. November 2015 international folgten, ist heute nur die Enttäuschung über die Worthülsen übrig – und Verdrängung dieses selbstauferlegten Anspruchs im In- und Ausland. Nach anderthalb Jahren Terror, der in immer kürzeren Abständen und mit immer neuer Perfidie in den Ausführungsmodalitäten und -örtlichkeiten zuschlägt, bei gleichzeitigem ostentativem Beharren auf dem stoffgewordenen ­islamistischen Prüderiekult noch an Orten der Anschläge wie am Strand von Nizza, sei Frankreich, gefühlt »am Ende«, bringt es die feministische französische Soziologin Elisabeth Badinter im Interview mit dem Schweizer Tagesanzeiger desillusioniert auf den Punkt. Wem diese Einschätzung zu pessismistisch ist, der kann sich am widerständigen und kämpferischen Anarchohumor von Charlie Hebdo erfreuen. Auf dem Cover der aktuellen »Burkini«-Ausgabe tanzt eine geschlechtergemischte, selbstentrückte Personengruppe aus Kulturschaffenden und der Justizministerin von der Parti So­cialiste untergehakt und verklärt dreinblickend – die Fäuste in klassenkämpferischer Manier erhoben – im Burkini am Strand. »Der Kartoffelsack, der die Linke eint« lautet die zugehörige Überschrift. Wenn noch irgendwo Hoffnung auf gesellschaftliche Emanzipation und Aufklärung besteht, dann wohl doch gerade in Frankreich.