Die Geschichte des Saxophons

Der blecherne Troublemaker

Eine folgenschwere Erfindung der Musikgeschichte entsprang dem Hirn eines größenwahnsinnigen Belgiers: Adolphe Sax. An seinen Instrumenten scheiden sich seit jeher die Gemüter.

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Unser Heinz spielt heute auf der goldenen Klarinette«, sagt Gurki im Roman »Fleisch ist mein Gemüse« – und moderiert so seinen Mitmusiker an, Nachname Strunk, der mit einem Sopransaxophon auf der Bühne steht. Über 100 Jahre nach Erfindung des Instruments hatte sich noch immer nicht herumgesprochen, dass nicht jedes Saxophon krumm sein muss. Aber mangelnde Kenntnis stand der Urteilsfindung noch nie im Wege: Das Image des Saxophons – der Rotzkanne, wie das Horn auch liebevoll unter Musikern genannt wird – hat über die Jahre gründlich Schaden genommen. Man hat ihm übel mitgespielt. Die schmierigsten Solos von Altrockern in Lederhosen musste es über sich ergehen lassen; es baumelte von den Hälsen sonnenbebrillter Typen in Fußgängerzonen und wurde in so manchem Schmuddelfilmchen immer dann ins Spiel gebracht, wenn es romantisch zur Sache gehen sollte.
Kurioserweise scheint das Instrument schon immer einen schweren Stand gehabt zu haben – seit es dem Hirn eines ebenso größenwahnsinnigen wie genialen Belgiers entsprungen ist, der im Schatten der dörflichen Stiftskirche einen Pakt mit dem Teufel einging.
Dinant liegt im Süden Belgiens. Nimmt man die falsche Ausfahrt, findet man sich rasch in Frankreich wieder. Knapp 13 000 Menschen leben heutzutage in dem Örtchen, das sich malerisch an der Maas entlangschlängelt. »Monsieur Sax, richtig, wir haben ein kleines Museum«, sagt die Frau im Tourismusbüro. »Was Sie sich aber auf keinen Fall entgehen lassen sollten, ist unsere Hauptattraktion: das Kastell.« Altes Geröll, wirklich wahnsinnig interessant! Und gerade als man sich denkt, die anderthalbstündige Fahrt womöglich umsonst gemacht zu haben, tauchen sie plötzlich auf: Saxophone, wohin man blickt. In den Fensterauslagen der Patisserien, die Spekulatiussaxophone verkaufen, vor allem aber als kunterbunt bemalte Skulpturen auf der Maasbrücke. Für jedes EU-Mitgliedsland wurde ein eigenes Saxophon gestaltet, erzählt Ronald Pirlot, der Pressesprecher des städtischen Kulturzentrums. Seit 2010 stehen die überdimensionalen Hörner hier aufgereiht, Belgien hatte damals den EU-Vorsitz inne.
Ein Staatsakt zu Ehren eines Mannes, der Kontroversen auslöste – an einem Ort, den er bereits in jungen Jahren verließ und der 1814, als er das Licht der Welt erblickte, noch unter niederländischer Herrschaft stand. »Mein kleiner Antoine, er wird wohl nicht sehr lange leben«, soll seine Mutter über ihn gesagt haben. Glaubt man den Geschichten, die über ihn erzählt werden – und davon gibt es einige –, muss geradezu ein Fluch auf ihm gelegen haben. Antoine, der sich später Adolphe nennen sollte, kommt als ältestes von elf Kindern zur Welt. Nur vier seiner Geschwister werden das 25. Lebensjahr erreichen. Kaum kann er einen Fuß vor den anderen setzen, stürzt er eine Treppe drei Stockwerke hinab und schlägt hart mit dem Schädel auf. Er verschluckt eine Stricknadel, trinkt dann versehentlich Schwefelsäure und wird von einer Schießpulverexplosion verbrannt. Es folgen: Ein Ziegelstein, der ihn beinahe erschlägt, und eine Rettung aus der örtlichen Schleuse, in die er geplumpst war.
Sax’ musikalische Begabung führt ihn nach Brüssel, an die Ecole Royal du Musique, wo schon bald Klarinettenstücke für ihn komponiert werden. Zugleich geht er bei seinem Vater in die Lehre, der als Instrumentenbauer eine Werkstatt in Brüssel betreibt. Sax übernimmt sie im Alter von 20 Jahren, fertigt Klarinetten nach eigenen Vorstellungen an und führt 1841, im Rahmen der Brüsseler Industrieausstellung, neun neue Instrumente vor. Nur eines, so will es die Legende, ein mysteriöses Holzblasinstrument aus Messing mit einem Klarinettenmundstück, hält er vorerst geheim.
Beim Gedenken an Sax lässt man sich in Dinant nicht lange bitten. Vor allem die International Adolphe Sax Association kümmert sich um das Erbe des berühmtesten Sohns der Stadt. Ist die Ausstellung im Maison de Monsieur Sax – das nicht sein Geburtshaus ist, sondern lediglich ein Gebäude, das dort steht, wo der kleine Mann zur Welt gekommen ist, in einer Straße, die der Deutlichkeit halber Rue de Sax genannt wurde – auch etwas mickrig geraten, so organisiert die Vereinigung das ganze Jahr über musikalische Veranstaltungen zu Ehren von Sax’ – von Popmusik bis Jazz. »Die renommierteste Veranstaltung ist der Internationale Saxophonwettbewerb für klassische Solisten«, sagt Marc Terwagne, der Direktor der Vereinigung. Vor einigen Jahren habe Dinant es ins Guinessbuch der Rekorde geschafft, erzählt Pirlot. Über 1 000 Saxophonistinnen und Saxophonisten hätten damals gemeinsam auf dem Platz vor der Nôtre Dame de Dinant gespielt.
Auf dem Bürgersteig der engen Rue Grande lässt man andere Passanten höflich vorbeitreten. »Dinant wird immer touristischer«, sagt Pirlot. Was keinesfalls kritisch gemeint ist. Die Verantwortlichen haben sich eine Menge einfallen lassen, um den Ort attraktiver zu machen. Da wäre zum Beispiel die acht Tonnen schwere Glasskulpur »Monsieur Sax Klep­sydra« vor dem Rathaus, die der belgische Künstler Bernard Tirtiaux gestaltet habe. »Der Laster konnte nur 10 km/h fahren«, erzählt Pirlot und schwärmt davon, wie das gläserne Horn erst in der Dunkelheit aussehe, wenn es illuminiert wird.
Huldigungen dieser Menge und Größenordnung sind in Paris nicht zu finden. Und das, obwohl Sax die meiste Zeit seines Lebens in der Stadt an der Seine verbracht hat. Im Alter von 28 Jahren folgte er dem Hilferuf des Komponisten Jacques Fromental Halévy: »Beeilen Sie sich mit der Fertigstellung ihrer neuen Instrumentenfamilie und kommen sie den armen Komponisten, die etwas Neues suchen, sowie dem Publikum, das danach verlangt, zu Hilfe, auch wenn es sonst nichts Neues gibt.« Mit 30 Franc in der Tasche, wie sollte es auch anders sein, begibt sich der junge Sax nach Paris und spielt Hector Berlioz seine Instrumente vor. Der große Komponist ist begeistert, seine überschwängliche Kritik im Journal des débats zieht Kreise und man spricht über Sax. Er komplettiert seine Saxophonfamilie, stellt Sopranino-, Sopran-, Alt-, Tenor-, Bariton-, Bass- und Kontrabasssaxophon am Konservatorium vor und wird schlagartig berühmt. Die Nachfrage zieht an, schnell ist die bescheidene Wohnwerkstatt zu klein. Er gründet eine Fabrik mit über 100 Beschäftigten, lässt Broschüren und Kataloge drucken, um für seine Instrumente zu werben. Schließlich lädt König Louis Philippe ihn zum Vorspielen nach Versailles ein. Bescheidenheit ist Sax’ Stärke nicht. »Stolz kann ich sagen, dass die Instrumentenherstellung in Frankreich nichts war, bevor ich gekommen bin. Ich habe sie in unerreichte Höhen geführt«, wird er zitiert. Sax ist ambitioniert, seine Konkurrenten und Gegner fürchten ihn im gleichen Maße, wie die Zeitungen ihn verspotten.
Das Instrumentenmuseum in Brüssel, ein äußerst dekoratives Jugendstilgebäude auf dem Mont des Arts, von dessen Dachterrasse im zehnten Stock sich ein fabelhaftes Panorama der Stadt bietet, verfügt über eine umfangreiche Sammlung. Eine wichtige Meldung aus der Zeitung: Die belgische Königsfamilie hat in diesem Museum im Juli 2016 einen »netten Nachmittag« verbracht. Den Royals scheint gefallen zu haben, wie hier auf Details, systematische Aufarbeitung und Didaktik weitestgehend verzichtet wird. Im Gegensatz zum Sax-Haus in Dinant, wo Reproduktionen »im Geiste von Sax« ausgestellt sind, findet man hier authentische Instrumente: Saxhörner und Saxophone in allen Formen und Ausmaßen. Von rätselhaft verästelten Trichtergebilden bis zu langgezogenen Wundertröten – bei einigen könnte man denken, Sax hätte sich in der örtlichen Motorradwerkstatt inspirieren lassen. Darstellungen des Erfinders lassen sich hier einige finden: Neben großen Vitrinen in Leuchtkästen, auf diversen Mitbringseln, die im Museumsshop angeboten werden, meist als Karikatur oder zumindest stark stilisierte Zeichnung. Verhöhnt man das Genie etwa, wiederholt sich die Geschichte?
Zu Sax’ Lebzeiten wollen viele den Erfolg des Erfinders verhindern. Seine Instrumente werden »barbarisch« genannt und Gerüchte über seine Zahlungsunfähigkeit in die Welt gesetzt. 1845, ein Jahr bevor er das Saxophon patentieren lässt, wendet sich Sax an die französische Regierung. Er ist auf der Suche nach Absatzmöglichkeiten und schlägt vor, die Militärkapellen mit Saxhörnern und Saxophonen auszustatten. Auf dem Champ de Mars kommt es zum Wettstreit, einem battle of the bands. Der Eiffelturm steht noch nicht, man darf ihn sich aber aus dramaturgischen Gründen dazu denken. Zwei Orchester, jeweils 45 Musiker, sollen gegeneinander antreten. Eines mit herkömmlicher Besetzung, das andere mit einer nach Vorstellung von Sax. Doch in den Reihen des ­Erfinders fehlen sieben Musiker: Skandal, man hat sie bestochen! Sax rast durch die Stadt, sackt einige von ihnen mit der Kutsche ein – und muss auf dem Champ de Mars doch selbst zu den Hörnern greifen und gleich zwei Instrumente abwechselnd spielen. Eine fabelhafte Geschichte, von Zweifeln an ihrem Wahrheitsgehalt sollte man sich nicht beeindrucken lassen. Sax’ Reformvorschlag jedenfalls wird einen Tag später angenommen. Die Regierung schreibt die Verwendung der Sax’schen Instrumente für alle französischen Militärorchester vor. Sax rückt geradezu in den Stand eines Staatsmannes auf.
Auch in Dinant bekommt man vorwiegend humoristische Darstellungen des Mannes zu sehen. Traut man diesem Sax nicht ganz über den Weg, hat ihn lieber als Maskottchen denn als Nationalhelden? Terwagne stellt klar: »Sax ist eine Ikone Belgiens.« Sein Konterfei zierte Banknoten, Münzen und Briefmarken – was als Beweis taugt, dass er es in seinem Land zu mehr als einem Tellerwäscher oder Clown gebracht hat. Ein wallonischer Daniel Kehlmann aber, der dem Erfinder literarisch ein Denkmal setzen und den Belgiern zu großem Stolz verhelfen könnte, hat sich bislang nicht finden lassen. Vielleicht auch, weil Sax doch ein bisschen verrückter war als Humboldt und Gauß. Und das Unglück ihn immer wieder fand.
Sax reist durch Europa, um seine Instrumente zu präsentieren. 1847 eröffnet er seine eigene Konzerthalle in Paris, wird während der Revolution verhaftet; König Louis Philippe verbietet seine Instrumente, Napoleon III. erlaubt sie kurz darauf wieder und man versucht, Sax zu töten. In den kommenden Jahren wird er diverse Male Konkurs anmelden, von einem dicken schwarzen Krebsleiden an der Oberlippe heimgesucht werden. 1877 ist seine Firma end­gültig bankrott. Die Firma ist bankrott und Sax zieht sich ins Privat­leben zurück. Seine Frau ist schon lange tot, gestorben im Alter von nur 30 Jahren. Sax zeichnet Pläne für eine gigantische Orgel, von einer Dampfmaschine betrieben und errichtet auf einem Berg vor den Toren der Stadt, um ganz Paris die Musik des Komponisten Giacomo Meyerbeer zu Ohr bringen. Er stirbt 1894, verarmt und einsam. Die Werkstatt bleibt bis 1928 in Familienbesitz, bis der Unternehmer Maurice Selmer sie übernimmt. Zu diesem Zeitpunkt hat sich das goldene Horn schon längst in aller Welt ausgebreitet.
In den USA traf es auf geringen Widerstand. Über die patriotischen Blas­orchester von Patrick Gilmore, dem »Vater der amerikanischen Konzertkapelle«, und John Philip Sousa, über die Minstrel Shows, Zirkusse und den Vaudeville gelangt es in die Hausmusik des frühen 20. Jahrhunderts und vor allem in die Tanzkapellen. Nach dem Ersten Weltkrieg setzte in den USA ein Phänomen ein, das mit dem Boom der E-Gitarre in den sechziger Jahren vergleichbar ist: der saxophone craze. Binnen eines Jahrzehnts werden fast eine Million Saxophone in den USA verkauft und das Instrument wird geradezu zu einem Symbol individualistischer Freiheitsbestrebungen. Ragtime, Blues, Dixieland – in New Orleans wird der Jazz geboren, in den dreißiger Jahren wird allerorten von den Bigbands des Swing gesprochen.
Doch das Saxophone ist ein troublemaker, schreibt Michael Segell in seinem sachkundigen Werk »The Devil’s Horn«. Vielerorts macht sich verdächtig, wer es zu spielen weiß. Im Vatikan etwa: Dem Papst und seinem Gefolge sind die Saxophonisten suspekt, in ihrem Staat wollen sie das Instrument nicht haben. Immer wieder erregt das Saxophon Anstoß bei Religionsvertretern, ständig bringt man es mit der lockeren Moral der roaring twenties in Verbindung. In Russland haben Schostakowitsch und Prokofjew das Saxophon in ihre Kompositionen aufgenommen. Was Maxim Gorki nicht daran hindert, Anfang der dreißiger Jahre mit dem Instrument abzurechnen: Nach dem Besuch eines Jazzkonzerts schreibt er, das Saxophon habe einen entsetzlichen Krach gemacht. Unter Stalins Großem Terror werden viele Saxophonisten verfolgt und finden sich in Sibirien wieder. Auch in Japan fand zwischen den Weltkriegen eine Säuberungskampagne statt, deren Ziel es war, das Land von der Musik des Feindes, vom Jazz, zu befreien.
Und die Deutschen? Sie taten sich schwer mit dem Horn, das aus dem verhassten Frankreich über sie gekommen war. Den Gipfel der Verachtung erfuhr das Saxophon – oder vielmehr das, was man mit ihm verband – unter den Nazis. Ein Jahr nachdem viele bildende Künstler in der Ausstellung »Entartete Kunst« diskreditiert worden waren, wandte sich Joseph Goebbels der Musik zu und ließ die Reichsmusiktage im Mai 1938 in Düsseldorf organiseren. Auf dem Titel der Broschüre und dem Werbeplakat ist die rassistische Karikatur eines schwarzen Musikers zu sehen, die Titelfigur der Oper »Jonny spielt auf« von Ernst Krenek. Am Revers trägt der Mann einen Davidstern, in der Hand: ein Saxophon.
In der öffentlichen Darstellung Dinants, zwischen den bunten Skulpturen, den heiteren Zeichnungen und dem Gebäck, spielt dieser Teil der Geschichte keine Rolle. Wieso sollte er auch? Auf die polarisierende Wirkung des Saxophons angesprochen, kommt Terwagne auf die Verruchtheit des Instruments zu sprechen: »Das Saxophon wird häufig in Verbindung gebracht mit einer Reihe von Jazzmusikern, die reichlich abenteuerliche Leben führten. Und mit dem Nachtleben generell.« Lässt man die eingangs erwähnten musikalischen Verbrechen außer Acht und hört sich beispielsweise John Coltrane an, wie er das Tenorsaxophon im New Yorker Jazzclub Village Vanguard zu kreatürlichem Schnattern brachte, ihm ein protestierendes Kreischen abrang, möchte man dem Direktor der Vereinigung beipflichten. Auch nach Jahrzehnten klingen diese Sounds widerspenstig, aufrührerisch, sexy. Oder bedrohlich und fiebrig wie in »Taxi Driver« oder »Naked Lunch«, dessen Durchgeknalltheit und psychedelische Wirkung durch das Saxophonspiel Ornette Colemans noch verstärkt wurde.
Die Verballhornung des Instruments in schlechten Komödien, wo das Saxophon loströtet, sobald die Tür des Stripclubs aufgestoßen wird, setzte erst später ein. Abseits des Mainstream, vor allem im Jazz, wurde selbstverständlich weiterhin ernsthaft mit dem Instrument gearbeitet, Spielweisen wurden weiterentwickelt.
Die gestiegene Durchlässigkeit zwischen den Musikszenen hat dazu geführt, dass das Saxophon seit einigen Jahren selbst im Indie-Bereich wieder anzutreffen ist. Bands wie Battle Tracks begeistern das Publikum und verwenden das Teufelshorn auf eine Weise, die Adolphe Sax im Traum nicht eingefallen wäre. Der Kanadier Colin Stetson, bei dem das Saxophonspiel – die Beatmung eines riesenhaften Horns, dem er seltsam flatternde Arpeggien entlockt – nach Schwerstarbeit aussieht, spielt vor ausverkauften Sälen und einem Publikum, dessen Durchschnittsalter unter dem vieler Punkkonzerte liegt. Das Saxophon werde heutzutage als »warmes« Instrument wahrgenommen, sagt Terwagne. In den Händen von Lisa Simpson und Bill Clinton mag das stimmen. Bei Mats Gustafsson hingegen weist es noch immer alle guten Qualitäten eines Troublemakers auf. Ganz hat man es noch immer nicht kleingekriegt.