Ein neuer deutscher Gruß

Der neue deutsche Gruß

Über eine aktuelle Erscheinungsform kommunikativer Gewalt.
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Floskeln erleichtern nicht nur das Leben, sie tragen auch erheblich zu dessen Zivilisierung bei. Niemand, der den Nachbarn oder Bürokollegen morgens mit »Wie geht’s?« begrüßt, erwartet eine ehrliche Antwort. Wer sich nach einer Geburtstagsfeier von Verwandten mit dem Satz »Es war schön, euch mal wieder zu sehen« verabschiedet, muss das nicht unbedingt wörtlich meinen. Und das Abschiedsritual, mit dem sogar konventionskritische linke Wochenzeitungen Mitarbeiter, die den Job wechseln, in die Freiheit entlassen, dient immer auch der Sublimierung wenig feierlicher Affekte wie Missgunst, Neid oder Häme. Ehrlichkeit, ohnehin keine allzu empfehlenswerte Tugend, hat demgegenüber die Tendenz, höfliche Umgangsformen zu durchbrechen, um brutal und plump zur Sache zu kommen. Auf die Frage »Darf ich ehrlich zu dir sein?« empfiehlt sich die ehrliche Antwort: »Lieber nicht.«
Die zerfallende bürgerliche Gesellschaft aber entledigt sich der Floskeln, die schon in der hohen Zeit des Bürgertums nicht nur als nützlich, sondern wegen ihrer zeitraubenden Zeremonialität auch als hinderlich wahrgenommen wurden. Dabei entstehen Redefiguren, die ihrer Form nach Floskeln zu sein scheinen, jedoch alle zivilisierende Konventionalität abgestreift haben. Sie verhindern die Affektsublimierung, statt sie zu befördern. Ein ­solcher Fall ist das von Eckhard Henscheid entdeckte »Okay«, mit dem Leute halb ungeduldig-drängelnd, halb autoritär-billigend alle Aussagen zu quittieren pflegen, durch die ihre Nebenmenschen ihnen die Zeit rauben. Dieses »Okay« ist keine höf­liche Geste der Anteilnahme, obwohl der Gesprächspartner intellektuell und emotional längst abgeschaltet hat, sondern es signalisiert permanent: »Hab’ verstanden, komm zum Punkt!« Je nach Intonation kann es das Gesagte auch kumpelhaft-jovial in Frage stellen oder (wie das gleichermaßen unerträgliche »Da bin ich ganz bei dir«) eine unter Vor­behalt des Widerrufs formulierte Zustimmung ausdrücken. In jedem Fall steht es nicht im Dienst der Vermittlung, sondern des verstockten, halbbewussten und darum tendenziell tyrannischen ­Affekts.
Ein drastisches Beispiel für solche Formeln ist das teils als Frage, teils als Feststellung intonierte »Alles gut«, das im neudeutschen Alltag inzwischen fast so häufig zu hören ist wie seinerzeit der deutsche Gruß. Es scheint geradezu dessen zivilgesellschaftliche Erscheinungsform zu sein. Kein Tag vergeht, ohne dass ­einem Fremde, Kollegen oder Freunde diese mit grundlos-alternativloser Affirmation imprägnierte Sprach­ohrfeige verpassen – ohne sich zu entschuldigen, ohne zu stocken, ja ohne überhaupt zu bemerken, dass sie sich soeben als Unmenschen zu erkennen gegeben haben, mit denen sich jeder weitere Umgang verbietet. Kaum hat man sich vom morgendlichen »Alles gut?« erholt, mit dem der Nachbar einen beim Verlassen der Wohnung fast zu Fall gebracht hat, muss man sich dem »­Alles gut!« der Bäckersfrau stellen, mit dem sie signalisieren will, man brauche ihr kein Kleingeld zu geben. »Und – alles gut?!« schmettert einem eine halbe Stunde später wie ein die Soldaten musternder Offizier der Kollege auf dem Gang entgegen, kurz darauf steckt die Büronachbarin ihren Kopf zur Tür herein und fragt: »Alles gut?« Um den drohenden Nervenzusammenbruch abzuwenden, erkundigt man sich, wie es mit ihrer Arbeit vorangehe, und erhält »Alles gut!« zur Antwort. Auf diese Weise ist man, wenn die Mittagspause ansteht, bereits dermaßen fertig, dass man auch gleich nach Hause gehen kann – wo einen dann die ­Lebensgefährtin, weil man heute so schlecht aussieht, mit einem zweifelnden »Alles gut?« begrüßt.
Der Vergleich mit dem deutschen Gruß kommt nicht von ungefähr. Zum »Alles gut« gibt es außerhalb der deutschen Sprache keine Korrespondenz. Am ähnlichsten scheint ihm das französische »Ça va« zu sein, das ebenfalls die Frage nach dem Befinden wie die Feststellung dessen sein kann, dass alles (mit einem weiteren Unmenschenwort gesagt) rund läuft. So oder so schwingt im »Ça va« jedoch eine Zurückhaltung mit, in der die Gewissheit bewahrt ist, dass eben keineswegs alles gut ist, bloß weil alles seinen Gang geht. »Ça va« zielt als Frage wie als Feststellung eher auf die Aufrechterhaltung einer prekären Normalität als auf die den anderen und sich selbst abverlangte Begeisterung für das ei­gene Elend, die sich im »Alles gut« Bahn bricht. Überhaupt ist »Alles gut« schon deshalb nicht allein Schrumpfform, sondern zugleich das Gegenteil einer Floskel, weil in ihm, ob es nun fragend oder feststellend formuliert ist, immer der an sich selbst und die anderen ausgegebene Befehl mitschwingt, zu allen Erbärmlichkeiten ja zu sagen, jede Enttäuschung zu schlucken, jede abgefeimte Lüge noch zu überbieten und sich jede Erniedrigung als persön­liche Herausforderung zuzueignen. Zu alldem – und das heißt: zu allem – jederzeit bereit zu sein und von jedem anderen zu erwarten, dass er es auch ist: Nichts anderes wird mit »Alles gut« eingefordert und bekundet. Keine authentische Floskel aber hat jemals Befehlscharakter. Im Gegenteil: Indem sie die rohe Unmittelbarkeit mildern oder ins Leere laufen lassen, stehen Floskeln dem Befehl entgegen. Im »Alles gut« ist die Floskel, ihres zivilisierenden Gehalts vollends entleert, selbst zum Befehl geronnen.
Von Floskeln unterscheidet sich das »Alles gut« auch dadurch, dass es von jedem gegenüber jedem bei fast jeder Gelegenheit vorgebracht wird und solcherart Privates und Öffentliches, Familie und Freunde, Beruf und Beziehung miteinander verkleistert. Es erlaubt keine Differenzierung der Distanzen, sondern bleibt der immer gleiche, alles gleichmachende, von jedermann an jedermann ergehende Befehl: ein genuin deutscher Befehl zur eiskalten Munterkeit. Immer bei Laune sein, immer pünktlich auf der Matte stehen, jeden Misserfolg wegstecken und noch den allerletzten Geistesschrott als Horizonterweiterung ­begrüßen: Das bedeutet »Alles gut!«. Sich selbst jederzeit für große Klasse halten und die verblödeten Verwandten, intriganten Kollegen und klatschsüchtigen Freunde als prima Kumpel behandeln, nie großzügig sein und niemals selbstvergessen, keiner Erinnerung und keiner Zukunft treu: Das ist die Räson, an die das »Alles gut?« appelliert. Es ist die Erkennungsformel eines emotional verstümmelten, intellektuell verkommenen, unverwüstlich optimistischen Menschenschlags, dessen grundlos selbstbewusste Angehörige mit aufgeräumter Zackigkeit vermelden, dass sie noch mächtig viel vorhaben und nicht bereit sind, sich dabei von irgendjemandem die Laune vermiesen zu lassen.
»Alles gut« ist der Marschbefehl, mit dem die neuen Deutschen, lustig und weltzugewandt, offen für alles und ansprechbar für nichts, bar aller Schuld und aller Besinnung, die Herzen der Weltgemeinschaft im Sturm nehmen.