In der Reproduktion wird Arbeit oft mit Liebe verwechselt

Arbeit oder Liebe

Putzen, Waschen und Windeln Wechseln sind kein Spaß. Wenn Fürsorgearbeit mit Sinn angereichert wird, kann sie allerdings Erfüllung bieten. Dass dabei gern Arbeit mit Liebe verwechselt wird, erfüllt durchaus einen moralischen Zweck.

Seit einigen Jahren erfährt Fürsorgearbeit unter dem englischen Begriff Care besondere Aufmerksamkeit. Immer wieder wird betont, dass es die Frauen seien, die den überwiegenden Anteil der Fürsorgearbeit unbezahlt verrichteten. Dadurch entstünden für sie Nachteile auf dem Arbeitsmarkt. Die Frage, aus welchem Grund ausgerechnet mit der Durchsetzung des freien Verkaufs von Arbeitskraft der erstaunlich stabile Zusammenhang zwischen Fürsorge und Geschlecht bestehen bleibt, wird häufig mit dem Verweis auf die besondere Vielschichtigkeit unbeantwortet gelassen. Zwar ergeben sich die Gründe für die Aufteilung von Tätigkeiten aus Strukturproblemen, weil zentrale Erfordernisse der Versorgung von Menschen der Verwertungslogik entgegenstehen. Aber nur weil Menschen die Fähigkeit besitzen, Tätigkeiten mit Sinn anzureichern, erhalten bestimmte Tätigkeiten – beispielsweise die Fürsorge – eine über ihren unmittelbaren Zweck hinausgehende geschlechtliche Bedeutung. Entsprechend dieser Zuschreibung wird die Sorge für andere in erster Linie von Frauen verlangt, von ihnen geleistet und mit Sinn angereichert. Und auch erst mit dieser Sinnanreicherung vollzieht sich eine Vergeschlechtlichung der Tätigkeit. Verallgemeinert sich die geschlechtliche Zuschreibung einer Tätigkeit, wirkt sie nicht nur auf die Menschen zurück, sondern verselbständigt sich auch als Wesenseigenschaft und wird zu einem strukturierenden Geschlechtsmerkmal. Die Tätigkeit mit Bedeutung aufzuladen, dient dann der in der Paarbeziehung oft unausgesprochenen Begründung für die Arbeitsteilung. Entsprechend der Verteilung von Tätigkeiten in der Partnerschaft, die im Alltag anfallen, sammeln Männer und Frauen bestimmte Tätigkeitserfahrungen, durch die ihre Deutung der Geschlechterdifferenz bestätigt oder verändert wird. Daher erzeugen auch Frauen den Zusammenhang zwischen Weiblichkeit und Fürsorge. Doch die Strukturen, in denen Frauen und Männer ihre Tätigkeiten verrichten, verändern sich. Männliche Sinnfindung durch Erwerbsarbeit wird immer prekärer. Das männliche Ernährermodell verliert zwar nicht an Gewicht, aber an Legitimation. Die Bedeutung von Erwerbsarbeit wird dabei nicht in Frage gestellt. Vielmehr werden auf sie zunehmend Ansprüche von kollektiver Erfahrung und Bestätigung in der Gemeinschaft gerichtet. Doch wie verändern sich Paarbeziehungen, Familien und Freundinnenkreise, wenn sie immer weniger als Ort von Sinngebung begriffen werden? Die Soziologin Christine Wimbauer beschreibt Paarkonflikte, die nicht durch Interaktionen zwischen den Partnern ausgetragen werden. Sie entstehen, weil die Partner ihre persönliche Sinnstiftung nicht in der Paarbeziehung, sondern im Beruf suchen. Damit müssen sie langfristig scheitern, weil Individuen in Arbeitsorganisationen meist nicht mit der Anerkennung als einzigartige, nicht ersetzbare Personen rechnen können. Das Streben nach Sinnstiftung am falschen Ort führt zur Erschöpfung. Erst der sogenannte Burn-out und die damit einhergehende Einsicht, dass die Karriere nicht weiter zu verfolgen ist, lenkt den Blick zurück auf die Paarbeziehung. In einer Studie der Soziologinnen Cornelia Koppetsch und Sarah Speck tauchen Männer auf, die verweigerte Karrieren in der Erwerbsarbeit mit Coolness in der Beziehung kompensieren. Sie versuchen ihren Statusverlust auszugleichen, gefährden aber damit die verbleibende Quelle ihrer Sinnstiftung: die Liebesbeziehung. Verweigerte Karrieren werden von Männern und Frauen unterschiedlich verarbeitet. Durch ihren Rückzug aus der Erwerbsarbeit und die Fokussierung auf Liebe und Fürsorge erwarten Frauen nicht nur persönliche Sinnstiftung, sondern auch gesellschaftliche Anerkennung. Für Männer ist Fürsorge meist noch immer ein unerschlossener Ort der Sinnstiftung. Da Abhängigkeit von Fürsorge aber der Regelfall menschlichen Daseins ist und diese nicht nur in schwierigen Lebenslagen benötigt wird, ist die Verweigerung männlicher Fürsorge in der Paarbeziehung schwierig, aber vor allem ist sie auch ein gesellschaftliches Problem.

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