"Selbst", das neue Buch von 'Thomas Meinecke

Wer redet da eigentlich gerade?

Klassischer Liebesroman oder Traktat über die Sexualität? In »Selbst« fragt Thomas Meinecke, ob es so etwas wie Identität überhaupt geben kann.

Als Die Goldenen Zitronen 2001 den veritablen Viva-Smash-Hit »Flimmern« ablieferten, waren die beiden ersten Romane Thomas Meineckes, »The Church of John F. Kennedy« (1996) und »Tomboy« (1998), bereits erschienen. Was man darin gelesen hatte, war durchaus neu. Zumindest im verquasten bundesdeutschen Literaturbetrieb, für den der Begriff Pop mehr mit Herbert Grönemeyer und Udo Lindenberg als mit avancierten Theorien über Identitätsbildung und deren unablässig zwischen Selbstzerstörung und Selbstermächtigung changierenden Ausprägungen in Ton, Bild, Schrift und auf der Bühne zu tun hatte.
Es ist daher nicht verwunderlich, dass Meineckes Bücher nur kurzzeitig zum großen Literaturtrend des ausklingenden Jahrtausends gezählt wurden. Die deutsche Popliteratur wurde durch Autoren wie Benjamin von Stuckrad-Barre, Christian Kracht und Elke Naters vertreten, die in ihren Büchern Popkultur eher als Oberflächenphänomen thematisieren, anstatt sich, historischer deutschsprachiger Vorläufer wie Jörg Fauser und Rolf Dieter Brinkmann eingedenk, »mit dem auseinanderzusetzen, was hier tatsächlich los ist«, wie es Dietmar Dath 1996 in einem Interview formulierte.
Während im Videoclip zum Song der Goldenen Zitronen verschiedene Tonspuren, Sprachfetzen und Sounds aufeinandertreffen und durch die Darstellung banaler Einrichtungszerstörung und Sitzkreis­esoterik imprägniert werden, so dass für den Zuschauer tatsächlich der Eindruck des Flimmerns entsteht, erzeugt Meinecke in seinem neuen Buch »Selbst« einen ähnlichen Effekt, jedoch auf andere Art.
Der Autor und Mitbegründer der Avantgardeband F.S.K., der seit den achtziger Jahren auch als DJ tätig ist, bedient sich musikalischer, in die Literatur transponierter Mittel, die für weiche Strukturen und fließende Übergänge sorgen, was umso bemerkenswerter ist, da es sich bei den verhandelten Themen um eher schroffes Material handelt: Geschlecht und Sexualität, Bettina von Arnim und Goethe, historische Spuren deutscher Kolonisierung in Texas, Mode, kommunistische Männerbünde, immer wieder Musik und Musiker – und wie all das zusammenhängt und sich gegenseitig bedingt. Die Vermutung liegt nahe, Meinecke habe eine Collage, gar einen Kolportageroman zusammengeschustert. Nichts könnte weniger zutreffen als diese Annahme. Denn der Text weist eine Notwendigkeit auf, die dem auf jeder Seite mitschwingenden Hauptthema geschuldet ist. Der Frage danach, was denn eigentlich Identität sei, woraus sie sich bildet oder gebildet wird und zu welchem Zweck und wie man, falls es sie gibt, mit ihr zurechtkommt.
Die Figuren in »Selbst« kann man leicht als bloße Platzhalter oder Stichwortgeber auffassen, als willenlose Marionetten, die nur den Mund aufmachen, um die aus den verschiedensten Epochen entliehenen Theorien und Texte auszuspeien. Die drei adretten und weltläufigen Freundinnen Genoveva, Eva und Venus, die eigentlich Karin heißt, leben in Frankfurt am Main gemeinsam in einer WG, lesen, diskutieren, gehen aus und veranstalten Fotoshootings im Rohbau der EZB. Die beiden männlichen Begleiter, Henri und Sirius, sind zwar als Liebhaber angelegt, indes kommt es in den häufigen Bettszenen nur zu sexuellen Handlungen in der Form, dass über diese geredet wird. Ein ironischer Twist: Die Welt scheint aus Papier erschaffen. Wie könnte das Fleisch da die Oberhand gewinnen?
Die Form des Textes trägt dem Inhalt Rechnung und bleibt unkonkret. Die Überblendung dient dabei als Stilprinzip, das den Inhalt sowohl organisiert, als auch stetig in Frage stellt. Es gibt nur selten harte Schnitte. Nicht nur die oben genannten Themen wechseln sich permanent in einem Vexierspiel miteinander ab. Der Leser befindet sich auch ständig in der Lage, nicht genau sagen zu können, wer da gerade spricht oder ob es nicht doch der als Figur in den Text hineingewachsene Autor ist, dessen Stimme man wahrnimmt.
Einen Plot im herkömmlichen Sinn sucht man im Verlauf des – wahrscheinlich aus Verkaufsgründen dennoch als Roman bezeichneten – Textes vergeblich. Die offene Form gibt Raum für Diskurse, die im Korsett der Konvention womöglich verstummen müssten. Dass »Selbst« zu großen Teilen aus Zitaten besteht, die der Autor verbindet und in überraschende Zusammenhänge setzt, fällt im Verlauf des Lesens immer weniger auf. Die altbackene Analogie zum DJ-Set, bei dem die Stücke ineinanderlaufen, um am Ende des Abends als Kunstwerk dazustehen, wirkt im Falle Meineckes umso unbeholfener, als dieser selbst als DJ arbeitet. Dennoch liefert der Vergleich eine vernünftige Grundlage, um zu verstehen, wie »Selbst« funktioniert.
Dies hängt unter anderem damit zusammen, dass alles gleichrangig behandelt wird. Nicht nur die Quellen stehen auf formal einheitlichem Niveau, auch die genuin erfundenen Passagen gliedern sich nahtlos ein, sodass bald kaum noch eine Unterscheidung möglich und, im Sinne des Themas, auch gar nicht wünschenswert ist. Denn die Frage nach der Identität trägt immer auch die Frage nach der Bedeutung von Echtheit, von Authentizität in sich.
Auf diese Weise stellt sich beim Leser mit der Zeit ein angenehmer Flimmereffekt ein. Man fragt sich zum Beispiel, ob die autodidaktische Sexualwissenschaftlerin Genoveva wirklich »zwei, drei Thesen aus Cecilia Noveros Aufsatz ›The lesbian angel with a penis‹« rekapituliert, »wo es heißt: The constant talk of fashion in Meinecke, the pastiche-like quotations, the serial questions that make up his novel ›Tomboy‹ would as such confirm its classification as postmodern, at least at first look.« Oder ob die Romanfigur nur als Platzhalter herhalten muss, um einen Cameo-Auftritt des Autors im eigenen Buch zu rechtfertigen. Andererseits löst sich solch eine Detailfrage schnell in ihren umfassenderen Verflechtungen auf, denn alles im Buch, sofern es Zitat ist, lässt sich außerhalb des Buches überprüfen. Und man ist sich selten sicher, wo das Zitat endet und die Erfindung beginnt, beziehungsweise ob es sich bei einer bestimmten Stelle um ein echtes oder um ein fingiertes Zitat handelt.
So stehen seitenlange Passagen aus historischen Werken, die die Kolonisierung Texas’ und die Geschichte der deutschen Siedler ebendort behandeln, neben Abschriften von Youtube-Videos und den darunter befindlichen Kommentaren, die ihrerseits immer wieder von den Figuren kommentiert werden. Facebook-Einträge wechseln sich mit Briefen der Dichterin Bettina von Arnim an ihren Bruder Clemens Brentano ab. Beinahe im Vorbeigehen geht es um die Frage nach der Identität in den verschiedenen Epochen. Dass diese Frage auch immer ein Kampf um die Selbstdefinition der eigenen Person ist, insbesondere, wenn sie von weiblichen oder von der Gesellschaft als weiblich identifizierten Protagonisten aufgeworfen wird, macht Meinecke ebenfalls deutlich. Es gibt kein Selbst ohne den Spiegel des Anderen.
Was sich in der Nachlese womöglich recht anstrengend ausnimmt, ist während der Lektüre geradezu ein Vergnügen. Bei aller theoretischen Versiertheit gelingt es Meinecke, »Selbst« in jenem lockeren Parlando-Ton zu halten, der den Leser dazu nötigt, immer wieder umzublättern und doch noch die nächsten Absätze zu lesen. Und dann über eine Anekdote zu stolpern, die sich des stets prekären Verhältnisses von Wahrheit und Wirklichkeit auf ebenso anschauliche wie absurde Weise entäußert.
Auf dem Frankfurter Messegelände fotografiert Thomas, also die Romanfigur Thomas Meinecke, eine Gedenktafel für die Opfer der Reichspogromnacht 1938. Die Inschrift lautet: »In der Festhalle wurden in der Nacht vom 8. zum 9. November 1938 Hunderte von Frankfurter Juden zusammengetrieben und schwer mißhandelt. Von hier gingen die ersten Massentransporte in die Konzentrationslager.«
Die Inschrift sei »noch 1991 in der Sprache der Täter verfasst«, bemerkt Thomas und kritisiert damit die Verwendung des aus der Tierwirtschaft stammenden Begriffs des »Zusammentreibens«. Die Tafel sei darüber hinaus falsch datiert. »Wegen der speziellen Gusstechnik konnte das richtige Datum (die Nacht vom 10. auf den 11. November 1938) nicht mehr eingearbeitet werden. Hätte man sonst alles nochmal anfertigen müssen.«
Das ist inzwischen auch geschehen. Im Juni 2015 wurde an derselben Stelle eine neue Gedenktafel enthüllt, das Datum wurde korrigiert. Aber auch auf dieser neuen Tafel spricht man von Juden, die »zusammengetrieben« wurden.

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Thomas Meinecke: Selbst. Suhrkamp, Berlin 2016, 472 Seiten, 25 Euro