Das verlorene Paradies der Familien-Finca

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In Kolumbien bemisst sich der Erfolg eines Buchs nicht zuletzt an der Zahl kursierender Raubkopien. Auf den Straßen von Bogotá, sagte Hector Abad im Deutschlandradio Kultur, riefen die Straßenhändler: »Ich habe ›La Oculta‹! Ich habe ›La Oculta‹!« Nicht so schön für den Verlag, aber schmeichelhaft für den Autor des 2014 erschienenen Bestsellers.
Bekannt wurde Abad mit »Brief an einen Schatten«, einem Erinnerungsbuch an seinen Vater. »La Oculta« nun ist zwar ein Roman, der aus der Perspektive dreier Geschwister die fiktive Familiengeschichte sowie die der titelgebenden Familien-Finca »La Oculta« erzählt. Gleichwohl wurde die in den tropischen Bergen angesiedelte Handlung stark inspiriert vom Leben des ­Autors, der gleich fünf Schwestern hat und in dessen Familienbesitz sich ebenfalls eine Finca namens La Ines befindet.
»La Oculta« lebt vom erstaunlichen Einfühlungsvermögen Abads. Es ist ein Roman von großer melancholischer Wärme, der tief blicken lässt in die traumatischen Erfahrungen der Geschwister. Anlass des literarischen Erinnerns ist der Tod der fast 90jährigen Mutter Ana Ángel. Von hier aus spinnt Abad dramaturgisch geschickt seine parallel gezogenen Erzählfäden. Antonios großes Thema etwa ist die Homosexualität, für die er brutal angefeindet wurde. Eva wäre um ein Haar von ­einer Bande Paramilitärs ermordet worden. Pilars Sohn wurde von der Guerilla entführt.
Die Geschichte Kolumbiens ist bekanntlich voller Gewalt. Abad beschreibt den Niedergang des Landes am Beispiel des Verlustes eines Paradieses im Grünen wegen des Bürgerkriegs und mafiös organisierter Bodenspekulanten. Doch die Rolltreppe führt nicht nur abwärts. Ihre Lebenslust verlieren die Geschwister jedenfalls nicht.
Hector Abad: La Oculta. Berenberg-Verlag, Berlin 2016, 304 Seiten, 25 Euro