Eine Antwort auf von Kristof Schreuf

Riss in meiner Selbstbeherrschung

Kerstin Grether antwortet auf Kristof Schreufs Kritik am neuen Doctorella-Album »Ich will alles von dir wissen«.

Als ich zwölf Jahre alt war, Ende der achtziger Jahre, wurde der Song »Twist in My Sobriety« auf allen Kanälen gesendet und bis ins letzte Provinznest getragen. Die Songschreiberin und Sängerin Tanita Tikaram kam mit einem kräftigen, dunklen Timbre daher, ihr Lied blitzte geheimnisvoll und war voller abgründigem Begehren. Es war ein klassischer »Ich und Du«-Song, der sein Gegenüber großspurig mit ­erfahrenem Leid schocken wollte: »Look your love has drawn red from my hands.« Wo man auch hinhörte und hinlas, in den Zeitungen, Musikzeitschriften und im Radio: Die hiesigen Kritiker fanden das Lied grauenvoll. Tikaram und ihr Song seien eine Zumutung! Was bildete sich diese unverschämte, pummelige, naseweise Göre eigentlich ein, nach Leonard Cohen zu klingen, und damit auch noch die Charts zu erobern? Ein Sakrileg – handelte es sich bei Cohen doch um eine hochartifizielle, un­antastbare männliche Dichter-Ikone! Aha. Ich versuchte, mich in Tikaram hineinzuversetzen: Was sie wohl dachte, wenn sie so etwas über sich las? Ich stellte mir vor, wie stolz sie wohl auf ihren Song war. Für mich, wie für Millionen anderer Menschen auf dieser Welt, war es eine absolute Utopie, so einen Song schreiben zu können. Und selbst wenn ich so ein Lied schreiben könnte, dachte ich, die ich mich damals schon mit dem Gedanken trug, selber Sängerin zu werden, dann wüssten sie es trotzdem nicht zu schätzen. Instinktiv fühlte ich, dass da Sexismus im Spiel war, eine neidische Abwertung weiblichen Talents. Es war einer dieser Momente, in denen ich, ganz altklug, wütend und pummelig, beschloss, erst mal selber Musikkritikerin zu werden, mit der heimlichen Hoffnung, die Musikerinnen vor der Selbstüberschätzung männlicher Kritiker beschützen zu können.
Als vor drei Wochen die Lyrics (und damit alle Songs) des zweiten Albums meiner Band Doctorella in der Jungle World verrissen wurden – Leonard Cohen war gerade gestorben und Donald Trump plötzlich Präsident –, musste ich wieder an die Tikaram-Sache denken, an diesen frühpubertären Riss in meiner Selbstbeherrschung. In dem Text von Kristof ­Schreuf (»Verborgene Könnerschaft«) wurde natürlich, wie kann es anders sein, an unserem Genie gezweifelt. Was bilden die sich auch ein, den männlichen Geniebegriff auf sich selbst anzuwenden und zu dekons­truieren? Darüber hinaus: Die Songs seien zu melodiös und was soll überdies ein »Ich« und ein »Du« in jedem Songtext? Klar, das kann ja nur mit dem Teufel zugehen. Zumal wir das nur so gemacht hätten, um in die Charts zu kommen, argwöhnte Schreuf. Die Charts! Das klassische Totschlagargument. Davon abgesehen: Wenn man Musiker und Musikerinnen vorwirft, dass sie ein »Ich« und ein »Du« in ihren Lyrics verwenden, könnte man den gesamten Back­katalog der Popkultur in den Wind schießen, wahrscheinlich würden überhaupt nur noch drei Songs von Funny van Dannen übrig bleiben und natürlich das Gesamtwerk der Kolossalen Jugend, der Hamburger Diskursrockband des Autors selber.
Der Diskurs über Musikerinnen wird hierzulande immer noch mithilfe des völlig unbrauchbaren Gegensatzpaares »schräg« versus »seicht« geführt. Die Musikerinnen laufen ständig Gefahr, ganz egal, welche Musik sie machen, entweder als zu schräg beziehungsweise als unhörbar oder als zu kommerziell beziehungsweise zu seicht rezipiert zu werden. In beiden Kategorien gibt es für die Musikerin nichts zu gewinnen. Der Reflex, mit dem auf eine der beiden Zuschreibungen zurückgegriffen wird, ist das ästhetische Äquivalent zu der moralischen Dichotomie »Hure« oder »Heilige«, der Frauen immer noch ausgesetzt sind. ­Anstatt Musikerinnen mit etwas mehr Vertrauen zu begegnen, ihnen zu gestatten, souveräne künstlerische Entscheidungen zu treffen, weiß der Musikkritiker natürlich besser, was die eigentlich wollen und können. Der sofortige Vorwurf, »zu kommerziell« zu sein, sobald die Songs auch nur eine Sekunde aus der Kellerecke raus und ein wenig geschlif­fener sind (also gerade mal nicht mehr »schräg« und »unhörbar), ist die Art und Weise, wie die Jungs in der deutschen Independent-Szene das Wort »Schlampe« sagen oder eben nicht sagen.
Ich schickte also Cohen ein Stoßgebet und ein Zitat von Diedrich ­Diederichsen in den Himmel hinterher: »Popmusik war und ist ja oft nichts anderes als der Versuch, die männliche Mode, die männliche Selbstmarkierung und die männliche Performance im öffentlichen Raum zu organisieren.«
Popmusik ist also männliches Hoheitsgebiet, immer noch. Die eigene Sprechposition zu reflektieren, galt im »Race, Class, Gender«-Diskurs der Poplinken mal als Grundvoraussetzung, um überhaupt mitdiskutieren zu dürfen. Ob die fanatischen Spex-Leser der neunziger Jahre überhaupt irgendetwas begriffen haben von den politischen Forderungen, die wir damals in das Blättchen reingeschrieben haben? Jedenfalls fällt mir immer wieder auf, dass sich kaum ein Musikkritiker mit intersektionellen feministischen Diskursen, der aktuellen Fortsetzung dieser Cultural- Studies-Diskurse der neunziger Jahre, beschäftigt. Warum auch? Man kann ja auch so wunderbar unter sich bleiben, wenn sich »privilegierte Typen weiter ihre Plätzchen sichern« (Parole Trixi). Weiße Männer stellen auch alle Chefredakteure aller Musikzeitschriften und Musikfeuilletons in diesem Land. (Fast) alle A&Rs, Booker, Indielabel-Besitzer, Radioplaylist-Bestimmer und so weiter. Like Cultural Studies never happened. ­Musikerinnen auf ihre Plätze als – in erster Linie – Aussehenswesen zu verbannen, hat dabei Tradition.
Als in den fünfziger Jahren die Teenager- und Jugendkultur auch im Nachkriegsdeutschland erfunden wurde, mithilfe der Film-, Musik-, vor allem aber auch der aufblühenden Schönheitsindustrie, entstand eine Zeitlang ein Missverhältnis der Geschlechter. Die Mädchen durften und sollten sich plötzlich schminken, die Wimpern tuschen und am besten auch noch die Haare dauerwellen und colorieren, während die Jungs von dem neuen Markt noch vernachlässigt wurden und mit dem Gefühl, mausgrau unmarkierte Masse zu sein, durch die Straßen stolperten. Sie erfanden den Rock ’n’ Roll neu und gründeten an jeder Straßenecke eine Band. Die Grenzlinie zwischen Abgrenzung und Ausgrenzung von Frauen aus den aktiven Zirkeln ist seither sehr schwer zu ziehen. Die Lippenstift-Ladys wurden gleich mitgecastet: Sie »durften« als Fans, Groupies und Freundinnen am Bühnenrand und in den Backstage-Räumen Platz nehmen. Sie sind »Suzanne«, nicht Tikaram. Die Popkultur hatte ihre erste Rollenverteilung gefunden und nie mehr grundsätzlich davon abgelassen. Auch heute noch liegt die Männerquote bei Rockfestivals um die 92 Prozent. In den Festival­katalogen sieht man die Frauen auch 2016 noch vor allem mit offenen Blusen und Mündern vor der Bühne. Pop war immer ein Battle verschiedener Musikrichtungen und Lebens­stile gegeneinander und gegen das Establishment. Oft machen sich aber gerade die weißen heterosexuellen männlichen Jungs aus der Mittelschicht diesen rebellischen Charakter zu eigen, um alles wegzubeißen, womit sie sich nicht absolut unmittelbar identifizieren können. Spricht man sie auf ihre Privilegien an, fühlen sie sich nicht selten in ihrer Punkrocksozialisation verarscht. Der Gedanke, dass sie nicht die Ausgegrenzten sind, sondern die, die durchaus selbst die Macht haben, auszugrenzen und zu vernichten, ist im rebellischen Habitus nicht vorgesehen.
In Kanada, Schweden, Amerika, England, Australien, Island, Norwegen und so weiter, in Ländern also, in denen sich das Musikgeschäft seit 20 Jahren schon auf Pop- und Queer-Feminismus einlässt und Musikerinnen nicht mit ganz so angstvoller Skepsis und Herrenmenschenhabitus begutachtet wie hierzulande, hat sich immerhin ein Wandel vollzogen, der dazu führt, dass Popkritiker es heutzutage nicht mehr wagen, all die von dort kommenden Musikerinnen als altklug, unverschämt und pummelig abzuqualifizieren. Mit der Rolle, selber mal eine Band an der nächsten Ecke zu entdecken, tun sie sich aber im Gegensatz zu ihren Kollegen aus angloamerikanischen Ländern schwer.
Und wenn sie dann mal female bands aus Deutschland hypen, dann wird man das Gefühl nicht los, dass sie diese für eine angebliche Minderwertigkeit schätzen: Kaum ein Artikel über Schnippo Schranke, der ihre Musikalität ins Zentrum hievte, stattdessen: Weil die auch über (dirty) Sex singen, sind die irgendwie gut und eklig. Kein Artikel über die frühe Heiterkeit, in dem sich die Kritiker nicht daran aufgeilten, dass da ganz junge Mädchen mit ganz langen Haaren »ganz schlecht« ihre Instrumente spielen. Wenn das angeblich so ist, was hat die Kritiker dann daran gehindert, die etwas erfahreneren Mädchen, die besser spielen oder singen können und die besser riechen, zu hypen? Warum haben sie dann nicht Zuckerklub, Naima Husseini, Woog Riots, Kitty Solaris, Louise Pop, JaKönigJa, Celina Bostic, Half Girl, Tubbe, Candelilla, Helikon, Jolly Goods in diesem Ausmaß gehypt und weiter begleitet? Weil sie sich der Überlegenheit des männlichen ­Musikers über den weiblichen hysterisch versichern mussten? Und was ist eigentlich mit den Pop-Feministinnen und ihren Magazinen los, die sich des Siegeszugs des Feminismus anhand von amerikanischen Übersuperstars versichern wollen und dabei übersehen, dass es bei ihnen um die Ecke ganz, ganz viel Talent gibt, das leider ohne kontinuierliche Millioneninvestitionen auskommen muss. Tja, um es mal mit dem berühmten Brecht-Diktum zu sagen: Viele Pop-Feministinnen sehen nur die im Licht, die im Dunkeln seh’n sie nicht. So war’s übrigens nicht gemeint mit dem Pop-Feminismus. Nein, der Feminismus im Pop hat nicht gesiegt, immerhin: Es gibt ihn überhaupt.
Die männlichen Musiker können sich sicher sein, dass sie bei den kleinsten Anzeichen von Talent mit den größten Dichtern, Provokateuren und Bands aller Zeiten verglichen werden. Bei den Frauen bevorzugen viele Vergleiche mit Figuren aus der Sesamstraße, aus Kinder­büchern, Cartoons und der Klatsch- und Promipresse, egal wie groß das Talent ist.
Also ein letztes Mal zum Mitschreiben: Wir sind individuelle und vielfältige Musikerinnen, deren musikalischen Entscheidungen man durchaus vertrauen sollte. Wenn wir Pop, Folk, Chanson, Americana, Soul oder Disco machen, dann darf man das auch Pop, Folk, Chanson, Americana, Soul oder Disco nennen! Es ist keine Mädchenmusik, es sind keine Kinderlieder oder Schlager. Hört auf, die als minderwertig empfundenen Musikrichtungen an die Frauen zu delegieren. Hört auf, der Musikerin die Gesetze der kosmetischen Warenwelt (ja, wir wissen es, Bilder von Frauen werden gerne abgedruckt) als selbstverschuldet in die Schuhe zu schieben. Wir können nämlich sonst mit den Absätzen unserer High Heels auch ganz andere Sachen machen, als auf ihnen zu singen, Gitarre zu spielen und zu tanzen. Oder um es mit Tanita Tikarams Jahrhundertsong zu sagen: Alle Kinder Gottes brauchen Wanderschuhe. Auch Musikerinnen haben ein Recht auf festen Boden unter den Füßen.
Kerstin Grether ist Mitglied der Band ­Doctorella und eine Protagonistin des Pop-Feminismus in Deutschland. Sie ist Schriftstellerin (»An einem Tag für rote Schuhe«), feministische Aktivistin, schreibt seit ihrer Jugend für »Spex« und hat gerade mit ihrer Band Doctorella das zweite Album »Ich will alles von dir wissen« (Bohemian Strawberry/ZickZack) veröffentlicht.

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