Neuschwabenland, Teil 19 – Neue Rechte, alte Rechte und die »Alt-Right«

Stahlhelm im Herzen

Diese Kolumne berichtet über das Milieu der »Neuen Rechten«. Notizen aus Neuschwabenland, Teil 19: »Alt-Right«, Götz Kubitschek und die alte Rechte

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Der Aufschwung des Rechtspopulismus in Deutschland hinterlässt auch in der neurechten Szene seine Spuren. In den letzten Wochen des vergangenen Jahres haben zwei Blogs der Neuen Rechten ihre Websites neu aufgesetzt. Als Vorbild diente ihnen unverkennbar die erfolgreiche Propagandaoffensive rechter Blogger in den USA.
Die Blaue Narzisse präsentiert sich in neuer Aufmachung. Inhaltlich bleibt sie sich treu und ernannte Richard Spencer, den Leiter des National Policy Institute (NPI) der rassistischen »Alt-Right«-Bewegung in den USA, zum »Metapolitiker des Jahres«. Im Kampf der Ideen sei die »alles entscheidende Frage die der Führung«, weshalb dem »weißen Separatisten« aus Boston im Gefolge Donald Trumps und seines Chefstrategen Stephen Bannon viel Aufmerksamkeit gilt. Allerdings birgt die starke Identifikation mit der »Alt-Right« auch eine Schwierigkeit. Da diese unter anderen juristischen und historischen Rahmenbedingungen handelt, werden die hierzulande sorgsam gepflegten Grenzen zum offenen Neonazismus in den USA schon mal ignoriert. Spencers »Sieg-Heil«-Rufe beim Jahreskongress des NPI waren daher der Sache nicht dienlich, weshalb sich die Blaue Narzisse schnell um Bagatellisierung bemühte. Doch ganz an sich halten kann auch der Autor des Beitrags, Johannes K. Poensgen, nicht. In einem anderen Text lobt er Dwight D. Eisenhower dafür, »einer der wenigen US-Präsidenten« gewesen zu sein, »der den Juden einmal auf die Finger gehauen« habe. ­Poensgen schreibt nun auch vermehrt in Götz Kubitscheks Zeitschrift Sezession. Jüngst prägte er dort den Aphorismus: »Irgendwo im Herzen jedes Deutschen liegt ein Stahlhelm herum.«
Die Sezession will ihre gestiegene Bekanntheit nutzen und hat ebenfalls ihr Erscheinungsbild professionalisiert. Die Reihe ­ständiger Autoren wurde unter anderem um den jüngst wegen Volksverhetzung mit einem Strafbefehl bedachten Akif Pirinçci ­erweitert. Zudem werden seit einiger Zeit auch Videoclips von »Laut Gedacht« eingebunden, einer Art rechter Comedy. Die Anschubfinanzierung des identitären Duos Philipp Thaler (Halle) und Alexander Malenki (Leipzig) kam von der rechten NGO »Einprozent«. Ebenfalls verlinkt wurde das »Varieté Identitaire«, in dem sich die szenebekannte Sängerin Melanie Halle an identitären Chansons versucht. Das Angebot zielt auf ein breiteres Publikum als bisher. Dem entgegen steht die neue Bezahlschranke für »Premiumartikel«. Eine erste Zwischenbilanz der Redaktion dazu Anfang Februar fiel positiv aus. Man habe neue Abonnenten werben können. Längerfristig muss sich aber zeigen, ob der Schritt die ­gerade vergrößerte Reichweite des Mediums nicht wieder reduziert. Immerhin droht Konkurrenz durch die angeblich geplante deutsche Ausgabe des rechten US-Portals Breitbart.
Ungeachtet solch unternehmerischer Erwägungen dürfte sich der Chefredakteur der Sezession Götz Kubitschek, in einem dauerhaften Stimmungshoch befinden. Erst erreichte er eine einst­weilige Verfügung gegen den sachsen-anhaltinischen SPD-Landesvorsitzenden Burkhard Lischka. Dieser konnte seine Behauptung, Kubitschek werde vom Verfassungsschutz beobachtet, nicht belegen. Vor allem aber schlug der Spiegel Kubitschek in einem sechsseitigen Porträt zum »dunklen Ritter« und ging damit dessen Selbstdarstellung völlig auf den Leim. Das Wissen, dass auch im Faschismus die Form bereits Inhalt ist, ging wohl verloren. Bald ­darauf befragte ihn das Magazin zur Dresdner Rede Björn Höckes über die »dämliche Bewältigungspolitik«. Im Gespräch darf der ­offenbar nun zum Gedenkexperten avancierte Kubitschek behaupten, es gehe lediglich um eine »heilsame Ergänzung der Erinnerung« durch die Einbeziehung Dresdens. Der Spiegel schaffte es nicht, darauf hinzuweisen, dass die Dresdner Rede systematisch die geschichtspolitischen Positionen der extremen Rechten abarbeitete. Offensichtlich hat die Redaktion vergessen, dass die der­zeitige deutsche Vergangenheitspolitik eher eine sehr späte »heilsame Ergänzung« zum jahrzehntelang vollkommen selbstbe­zogenen Gedenken der Deutschen in Ost und West war. Auch ein Verweis auf die Tatsache, dass die Shoah in Kubitscheks Sezession seit deren Gründung praktisch nicht thematisiert wurde, wäre eine angemessene Erwiderung gewesen. Einmal mehr zeigte sich das Dilemma, dass große Medien noch keinen Weg gefunden haben, über die Neue Rechte zu berichten, ohne deren Spiel mitzuspielen. Material, Kubitschek mit sich selbst zu widerlegen, gibt es genug. Statt sich jedoch einzuarbeiten, glaubt man ihm einfach seine vorgeblich moderaten Töne.
Dabei hat sich gerade erst wieder gezeigt, welches Spiel der »dunkle Ritter« mit der Öffentlichkeit spielt. Die von ihm stets beschworene Distanz zur NPD war nichts als Theater. Der Taz ­wurde ein gehackter Facebook-Chat Arne Schimmers zugespielt, der belegt, dass dieser unter Pseudonym in der Sezession publiziert hat. Schimmer ist ein alter Weggefährte Kubitscheks, mittlerweile fungiert er als Chefredakteur der NPD-Zeitschrift Hier & Jetzt und ist Mitglied des NPD-Bundesvorstands. Offiziell endete die Zusammenarbeit beider mit Schimmers Parteiaktivitäten. Der Leak zeigt nun, dass das nicht stimmt. Bei der Sezession wusste man um die Brisanz des Versteckspiels: Schimmer berichtet, er sei »eingeschworen« worden, niemals seine Autorenschaft offenzulegen.
Nun ist bestätigt, was kritischen Beobachtern schon lange klar ist: Der vielbeschworene Graben zwischen alter und Neuer Rechter ist nicht sehr tief. Allerdings stellt sich die Frage, ob diese ­Bestätigung in Zeiten von Björn Höckes AfD als NPD 2.0 noch irgendeine Bedeutung hat. Wo doch schon die Herzen wieder Stahlhelm tragen.