Honoré de Balzac als Medienkritiker

Zoologe des Pressewesens

Erstmals ist Balzacs Studie über Journalismus und Zeitungen aus dem Jahr 1843 auf Deutsch erschienen. Sie geizt nicht mit ebenso scharfzüngigen wie hellsichtigen Erkenntnissen.

Anzeige

Sind »Fake News« tatsächlich ein brandneues, noch nie dagewesenes Phänomen, gegen das nur professioneller Journalismus etwas vermag? So will es fast scheinen, jedenfalls klingt diese Botschaft in fast allen etablierten Medien ähnlich. Nun ist aber gerade der Journalismus seit jeher kein Metier, das von widerstreitenden Interessen, Lüge und Täuschung frei wäre. Niemand wusste das besser als der französische Schriftsteller und Verfasser der »Menschlichen Komödie« Honoré de Balzac, der sich auch als Journalist, Redakteur und Verleger betätigte. Und die Sitten waren durchaus roh in der Zeitungswelt des frühen 19. Jahrhunderts, gerade in Paris, der Stadt der Presse. Émile de Girardin, der berüchtigte Herausgeber von La Presse, zwang noch im Jahre 1836 den Herausgeber des National, Armand Carrel, zum Duell – und erschoss seinen Konkurrenten.
Mit dem Sieg des französischen Bürgertums 1830 gedieh die freie Presse. In der neuen Branche war schnelles Geld zu machen, das anzeigenfinanzierte Zeitungswesen entwickelte sich rasch. Nicht unüblich war es aber auch, sich mittels simpler Erpressung auf dem Markt der Meinungen und Gerüchte zu behaupten. Wer nicht in der Öffentlichkeit zerrissen werden wollte, musste bezahlen. Davon ließ sich teils besser und teils schlechter leben. Balzac hatte (wie auch Guy de Maupassant in »Bel Ami«) in verschiedenen seiner Romane diese Halbwelt der Presse geschildert – man denke nur an Figuren wie Etienne Losteau, Emile Blondet und Lucien de Rubempré oder das berühmt skrupellose Feuilleton in »Verlorene Illusionen«.
Nun liegt erstmals auf Deutsch Balzacs 1843 veröffentlichte »Monographie de la presse parisienne« vor, unter dem Titel »Von Edelfedern, Phrasendreschern und Schmierfinken. Die schrägen Typen der Journaille«. Der Übersetzer Rudolf von Bitter hatte das Werk Ende der siebziger Jahre nach eigener Aussage im Ramschverkauf gefunden, aber lange Zeit interessierte sich kein Verlag dafür. Nun endlich hat sich der Zürcher Manesse-Verlag dieser Schrift angenommen, in der Balzac eine Typologie der Charaktere vorlegt, welche die eigentümliche Welt der Presse bevölkern: Die skrupellosen Verleger, die staatsmännischen Chefredakteure, die Verfasser von Leitartikeln ohne Haltung außer der vorgegebenen, die kleinen Zeilenschinder, die Verbreiter von Klatsch und Tratsch, die Gesellschafts- und Geltungssüchtigen, die Verschrobenen, ja selbst die Autoren mit Überzeugungen – sie alle hat Balzac in einer synoptischen Tafel als »Klasse der Schriftsteller (Auszug aus der Naturgeschichte des Zweihänders in Gesellschaft)« beschrieben. Doch trotz aller Unterschiede: in der Nacht sind alle Journalisten blau – auch diese Aussage wird Balzac zugeschrieben.
Die Beschreibungen der einzelnen Typen sind von charmanter Bösartigkeit. So gibt es beispielsweise in der zweiten Ordnung – »Kritiker« – als eine der fünf Gattungen den »jungen blonden Kritiker« (man muss »denn auch nicht unbedingt helle Haare haben, um ein blonder Kritiker zu sein«) und innerhalb dieser Gattung als dritte Art neben dem »Leugner« und dem »Spaßvogel« den »Lobhudler«. Dessen »Grundstimmung ist das Loblied«. Er »hat für jeden Fall sein Rezept, er entblättert die Rose und breitet sie mit der Anmut eines Parfümerielehrlings über die Breite von drei Spalten aus. (…) Das ist langweilig, aber angenehm für den, um den es geht. Die Zeitungsdirektoren schätzen sich glücklich, einen solchen Redakteur im Haus zu haben.« Und unter den »großen Kritikern«, einer weiteren Gattung, gibt es beispielsweise den Typus des »Scharfrichters«, den Balzac wie folgt beschreibt: »Für seine Zeitgenossen ist er ein literarischer Foltermeister. Besonders liebt er es, den Toten Gerechtigkeit widerfahren zu lassen; er lobt sie, indem er ihre Absichten herausstellt und bei ihnen eine Menge Ideen entdeckt, die sich bei Gegenwartsautoren nicht finden.« Mit sanftem Spott skizziert Balzac eines dieser eigentümlichen Zeitungsgeschöpfe nach dem anderen, deren Nachfahren heute noch die Redaktionen bevölkern.
Was Balzac mit seinem Zeitgenossen Karl Marx verband, war die Abscheu vor dem in der Julimonarchie herrschenden juste milieu. Diese Verachtung erst hat ihn den Zusammenhang der Presse mit den Mechanismen des freien Marktes erkennen lassen. Der Soziologe Wolfgang Pohrt beschreibt in seinem wunderbaren Buch »Honoré de Balzac. Der Geheimagent der Unzufriedenheit« – mit bissigen Seitenhieben gegen Jürgen Habermas – die Situation der Presse wie folgt: »In jener Öffentlichkeit, die Balzac um 1830 beschreibt, herrschen hingegen weder stickiger Kränzchengeist noch kleinstädtischer Biedersinn oder bildungsbeflissene Vereinsmeierei, kein redlicher Meinungsaustausch und kein ehrliches Ringen um die Formulierung beim gemeinsamen Beschlussprotokoll, sondern dort wetteifern korrupte, von politischen Intriganten gekaufte professionelle Journalisten mit ebenso hinreißenden wie verlogenen Feuilletons um die Gunst einer nach Abwechslung und Unterhaltung gierenden, Skandale und Sensationen bevorzugenden Masse.« Auch das hat sich in unseren so glorreichen wie zivilisierten Zeiten – wo die als Journalismus getarnte Deponie für geistigen Sondermüll namens Bento.de noch zu den harmloseren der zahlreichen Zumutungen zählt – kaum geändert.
Balzac wählte zur Beschreibung die Form der Typologie, eine dem Biologen Carl von Linné nachempfundene Art der Systematisierung. Eine Zoologie des journalistischen Lebens, so könnte man Balzacs Darstellungsmethode nennen. Die Gesellschaft erscheint Balzac als natürlicher Lebensraum des Individuums. Alles, was es ist, was es tut, folgt den Naturgesetzen der Gesellschaft. Nur dadurch, dass Balzac diesen Schein der Gesellschaft affirmiert, kann er ihn durchdringen. Balzacs Schilderungen in seinen Romanen und auch in der »Typenlehre der Pariser Presse« sind so besonders, weil das Individuum nicht als unabhängig und isoliert, sondern in der allseitigen Abhängigkeit und in dem Zwang, eine bestimmte Funktion zu erfüllen, geschildert wird. Das Individuelle wird Balzac zum Typischen. Er denunziert nicht das Individuelle, er denunziert die Gesellschaft, die das Individuelle nur als Typisches erscheinen lässt. Balzacs Geschichten demonstrieren, wie Adorno bemerkte, die »soziale Unmöglichkeit von Wohlgeratenheit und Integrität«. Wer kein Verbrecher ist oder sich prostituiert, muss zugrunde gehen; das ist das soziale Gesetz einer Gesellschaft, die den bestraft, der nicht alle zur Verfügung stehenden Mittel für das eigene Fortkommen nutzt. Verbrecher und Hure sind bei Balzac aber keine Gegenbilder zum Bürgertum, sie sind das Bürgertum selbst: Im vermeintlichen Gegenteil erscheint dessen Wesen.
Worauf Balzac aber auch hinweist, ist die Nichtidentität von gesellschaftlicher Funktion und empirischem Individuum. Deswegen auch seine Vorliebe für das Genre der Komödie, welches wie kein anderes den Zwang der gesellschaftlichen Rollen zeigen kann – so wie es die in Neuübersetzung erschienene furiose Komödie, »Mercadet oder Warten auf Godeau«, mustergültig vorführt, auf die nicht nur im Titel Samuel Becketts »Warten auf Godot« verweist. 
Die kritische Einsicht in den gesellschaftlichen Zwangszusammenhang ist heute der ebenso resignierten wie auftrumpfenden Akzeptanz dessen gewichen, dass wir ja alle Theater spielen und ein jeder und eine jede in ihren Eigenheiten auch respektiert werden müssten. Statt Nichtidentität mit der Rolle gibt es Performance der eigenen Identität. Das enthebt dann auch der Zumutung zu sehen, dass die Gesellschaft eben mehr und anderes ist als eine Masse anerkennungswütiger atomisierter Individuen. Balzac aber treibt die Dialektik von Individuum und Gesellschaft bis an den Punkt, wo die Übermacht der Gesellschaft zur Darstellung kommt und somit zur kritischen Einsicht – beispielsweise über das Pressewesen.

Honoré de Balzac: Von Edelfedern, Phrasendreschern und Schmierfinken. Die schrägen Typen der Journaille. Aus dem Französischen von Rudolf von Bitter. Manesse-Verlag, Zürich 2016, 320 Seiten, 19,95 Euro

Honoré de Balzac: Mercadet oder Warten auf Godeau. Aus dem Französischen von Erika Tophoven. Verbrecher-Verlag, Berlin 2017, 128 Seiten, 16 Euro