Ein Gespräch mit Emmanuel Guillén Lozano über Journalistenmorde in Mexiko

»Viele Menschen haben Angst vor der Wahrheit«

Emmanuel Guillén Lozano ist freiberuflicher Fotograf aus Pachuca, Mexiko. Er arbeitet unter anderem für die »New York Times«, das Reportageportal »Vice« und die Nachrichtenagentur AP. Für seine Arbeit mit den Angehörigen der vermissten Studenten aus Ayotzinapa wurde er 2016 mit dem Emerging Lens Award der Menschenrechtsorganisation Art Works Projects aus­gezeichnet.

Anzeige

In der Nacht vom 26. zum 27. September 2014 griffen Polizisten und Mitglieder des Drogenkartells »Guerreros Unidos« in der südmexikanischen Stadt Iguala Busse an, in denen Studenten des Lehrerseminars aus Ayotzinapa reisten. Sechs Menschen wurden in jener Nacht getötet, 43 Studenten gelten bis heute als vermisst. Sie haben als Fotograf über zwei Jahre hinweg die Suche nach den Vermissten begleitet. Was hat Sie dazu bewegt, den Fall zu dokumentieren?
Als die Lehramtsanwärter aus Ayotzinapa verschwanden, war ich selbst noch Student in Mexiko-Stadt. Dadurch habe ich mich sofort mit ihnen verbunden gefühlt. Zugleich gab der Fall Ayotzinapa dem gesamten Thema der Verschwundenen in Mexiko eine völlig neue Dimension. Dass die Drogenkartelle weitreichende Verbindungen bis hinauf zur Landesregierung haben, war den meisten Mexikanern auch vorher bewusst. Doch Ayotzinapa war der erste Fall, der diese Verbindungen offensichtlich machte. Alle Ermittlungen wiesen von Anfang an darauf hin, dass die Polizei am gewaltvollen Verschwinden der Studenten beteiligt war. Gleichzeitig wurde immer deutlicher, dass die Behörden aktiv versuchten, die Ermittlungen zu behindern und in eine andere Richtung zu lenken. So wollten sie von ihrer Mittäterschaft ablenken.

»In Mexiko ist das gesamte Land ein Krisengebiet. Es gibt keinen Ort, an dem man sich wirklich sicher fühlen kann.«
 

Was weiß man bis jetzt darüber, was in dieser Nacht geschah?
Sicher ist, dass die offizielle Version der Regierung falsch ist. Angeblich ließ der lokale Bürgermeister die Studenten angreifen – aus Angst, dass sie gegen eine Rede seiner Ehefrau protestieren könnten. Verschiedene unabhängige Ermittlungen kommen jedoch zu dem Schluss, dass der Anführer eines lokalen Drogenkartells der Polizei offenbar explizit den Auftrag gegeben hatte, die Busse der Studenten aufzuhalten. In zweien der Busse soll Heroin im Wert von etwa zwei Millionen US-Dollar versteckt gewesen sein, das die Polizisten wiederbeschaffen sollten. Dieser Version nach verschwanden die Studenten, weil sie die Beamten beim Entladen des Heroins erwischten.
 

Worin sehen Sie die Bedeutung Ihrer Arbeit als Fotograf bei Ereignissen wie dem Verschwinden der Studenten?
Wenn Ereignisse wie die in jener Nacht in Iguala passieren, müssen wir sie mit allen uns zur Verfügung stehenden Mitteln dokumentieren. Denn nur wenn wir öffentlich und vor allem international bekannt machen, was in Mexiko passiert, wird in irgendeiner Form Druck auf die Regierung ausgeübt. Doch gleichzeitig ist es sehr schwierig, solche Themen zu bearbeiten. Ich habe lange gebraucht, einen Zugang zu dem Fall zu finden – denn wie fotografiert man jemanden, der verschwunden ist? Ich konnte nicht den Moment des Verschwindens fotografieren, es gab auch keine Leichen.

Wie sind Sie vorgegangen, um den Fall zu dokumentieren?
Ich habe mich zunächst darauf konzentriert, den sozialen und politischen Kontext in Iguala zu fotografieren – also die Suche nach den Vermissten und die Proteste der Angehörigen, ihren Kampf für die Wahrheit. Erst nach einigen Monaten bin ich direkt nach Ayotzinapa gefahren und habe die Schule besucht. Durch diesen langsamen Annäherungsprozess ist es mir gelungen, mir das Vertrauen der Angehörigen zu erarbeiten. Schließlich erklärten sie sich auch bereit, sich von mir in ihrem privaten Umfeld, teils gemeinsam mit den Erinnerungsstücken ihrer vermissten Söhne und Brüder, porträtieren zu lassen. Dabei habe ich vor allem versucht, das Gefühl der Leere zu vermitteln, das das Verschwinden dieser Menschen und die Ungewissheit über die genauen Abläufe und Zusammenhänge hinterlassen hat.

Nach Angaben der Nichtregierungsorganisation Reporter ohne Grenzen ist Mexiko der gefährlichste Ort für Journalisten in der gesamten westlichen Hemisphäre. In den vergangenen Jahren wurden mindestens 99 Journalisten in direktem Zusammenhang mit ihrer Arbeit getötet. Wie ist es, als Fotograf über ein politisch so sensibles Thema wie die verschwundenen Studenten zu berichten?
Das Absurde ist, dass man als Fotograf im Grunde sicherer ist, wenn man in Krisengebieten wie Afghanistan oder dem Irak arbeitet, als in Mexiko. Denn in diesen Ländern gibt es bestimmte Gefahrenzonen und andere Gebiete, in die man sich zurückziehen kann. Außerdem weiß man, von welchen Gruppen die Gefahr ausgeht und von welchen Gruppen man nichts zu befürchten hat. In Mexiko ist die Situation anders: Einerseits ist das gesamte Land ein Krisengebiet. Es gibt keinen Ort, an dem man sich wirklich sicher fühlen kann. Andererseits weiß man aber auch nicht, von welchen Seiten Gefahr droht – ob von Drogenkartellen, anderen kriminellen Banden oder Bürgerwehren oder ob es der Staat selbst ist, der dich umbringen lassen will. All diese Gruppen sind zudem miteinander verwoben und haben Verbindungen in allen Bevölkerungsschichten, die nicht einfach als solche zu identifizieren sind. Gerade wenn man zu Themen wie Ayotzinapa arbeitet, ist man diesen Gruppen natürlich ein Dorn im Auge. Ich habe in den vergangenen Monaten mehrfach Anrufe bekommen, in denen ich direkt bedroht wurde. Unter anderem deshalb werde ich jetzt für einige Zeit in die Vereinigten Staaten gehen, um die Situation zu entschärfen.

Ist die Flucht in die USA die einzige Möglichkeit für bedrohte Journalisten aus Mexiko, sich selbst zu schützen?
Bis vor einigen Jahren galt Mexiko-Stadt als Rückzugsort für alle bedrohten Journalisten des Landes, als eine Art sicherer Hafen. Dann wurde 2015 der Fotograf Rubén Espinosa gemeinsam mit vier Frauen, darunter die Menschenrechtlerin Nadia Vera, in einer Wohnung in Mexiko-Stadt gefoltert und ermordet. Espinosa und Vera waren erst kurz zuvor aus Veracruz geflohen, wo sie wegen ihrer Kritik an der Politik des damaligen Gouverneurs Javier Duarte bedroht worden waren. Die Ermordung Espinosas änderte alles: Nicht nur, dass er wahrscheinlich wegen eines einzigen Fotos getötet wurde, das Duarte in negatives Licht rückte – er war auch der erste Journalist, der in der Hauptstadt ermordet wurde. Mit einem Mal konnten sich Journalisten und Fotografen nirgendwo in Mexiko mehr sicher fühlen, die Vorstellung vom sicheren Hafen Mexiko-Stadt war zerstört. Deswegen versuchen viele Kollegen, im Ausland ins Exil zu gehen. Die USA sind da natürlich allein schon aufgrund der geographischen Nähe naheliegend. Seit dem Amtsantritt von Donald Trump ist es jedoch nicht nur schwieriger geworden, in die USA zu fliehen. Auch die Vorurteile und Schikanen, denen man als mexikanischer Migrant ausgesetzt ist, haben in den vergangenen Monaten zugenommen.

Vergangene Woche stellte die Zeitung Norte aus der Grenzstadt Ciudad Juaréz nach 30 Jahren ihre Arbeit ein, da die Risiken für die Journalisten zu hoch seien. In den Tagen zuvor waren drei Journalisten anderer Zeitungen ermordet worden. Wie gehen Sie und Ihre Kollegen mit der konstanten Bedrohung um?
Ich versuche stets, meine Arbeit auf die bestmögliche Art und Weise zu erledigen – ohne dabei unnötig die Aufmerksamkeit bestimmter Gruppen auf mich zu lenken. Leider ist es in Mexiko so, dass Journalisten, die besonders herausragen und bekannt sind, auch besonders häufig Opfer von Drohungen und Gewalttaten werden. Wie wir in Mexiko sagen: Wenn du den Kopf zu weit hebst, machen sie dich einen Kopf kürzer. Es ist besser, sich bedeckt zu halten und einfach still seine Arbeit zu erledigen. Das bedeutet leider auch, dass man manchmal den Kopf einziehen muss, um sich selbst zu schützen.

Das heißt, viele Journalisten und Fotografen zensieren sich zu ihrem eigenen Schutz lieber selbst?
Ja, leider. Andererseits gewöhnt man sich irgendwann an die Drohungen. Man kann einfach nicht dauerhaft in der Angst leben, dass man jederzeit angegriffen werden kann. Das würde heißen, dass man sein ganzes Leben von den Drohungen bestimmen lässt. Genau das ist es ja auch, was die kriminellen Banden und letztlich der Staat wollen: dass wir uns einschüchtern lassen und uns nicht mehr trauen, die Missstände zu kritisieren. Denn im Grunde ist es doch so, dass das Einzige, wovor diese Gruppen wirklich Angst haben, die Wahrheit ist. Der beste Beweis, dass in Mexiko viele Menschen Angst vor der Wahrheit haben, ist, dass so viele Journalisten ermordet werden. Deswegen sind wir es unseren getöteten Kollegen einfach schuldig, weiterzuarbeiten und alle Missstände öffentlich zu machen, die wir dokumentieren können.