Eine Kritik der Serie „Good Girls Riot“

Leg’ es gefälligst selbst auf den Kopierer!

In der Serie »Good Girls Revolt« begehren Journalistinnen im New York der späten sechziger Jahre gegen ihre Chefs auf.

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Dass Journalistinnen in einer Redaktion mal als Puppen bezeichnet wurden, ist heutzutage schwer vorstellbar. Aber genau so, nämlich »the Dollies«, wurden Frauen Ende der sechziger Jahre beim US-amerikanischen Nachrichtenmagazin Newsweek genannt. Irgendwann hatten die Journalistinnen die Nase voll und begannen eine Revolte.
Um sie geht es in der Amazon-Serie »Good Girls Revolt«, die dieses weitgehend unbekannte und unrühmliche Kapitel der US-amerikanischen Pressegeschichte beleuchtet. Die Serie spielt in einer fiktiven Zeitungsredaktion namens News of the Week – angelehnt an die echte Zeitschrift Newsweek – im New York der ausgehenden sechziger Jahre. Was bei der in Plot und Stil ähnlichen Fernsehsaga »Mad Men« Peggy Olson (Elisabeth Moss) und Joan Harris (Christina Hendricks) waren, die sich von Don Drapers Sekretärinnen zur Copywriterin beziehungsweise Agen­tur­teil­haberin hocharbeiteten, ist hier eine Gruppe von Journalistinnen, in deren Mittelpunkt die resolut-hippieske Patti Robinson (Genevieve Angelson), die sich nicht als Journalistin zweiter Klasse abspeisen lassen will, und ihre Kolleginnen Jane Hollander (Anna Camp) und Cindy Reston (Erin Darke) stehen. Sie haben es ähnlich schwer wie die Frauen aus »Mad Men« in der Werbeagentur auf der Madison Avenue, von den Männern an ihrem Arbeitsplatz ernstgenommen zu werden.
Die geringe Wertschätzung, die man der Arbeit dieser »Good Girls« entgegenbringt, äußert sich darin, dass sie nicht nur schlechter bezahlt werden, sondern dass sie in Redaktionskonferenzen gern mal vom Chefredakteur düpiert oder ihre Artikel und Vorschläge belächelt werden. Als »Rechercheassistentinnen« werden sie abwertend bezeichnet. Egal wie sehr sich die Frauen anstrengen und wie gut ihre journalistischen Leistungen sind, ihre Arbeit wird nicht gewürdigt. Als Patti eine investigative Recherche über die Ausschreitungen während des 1969 vom Management der Rolling Stones organisierten Festivals Altamont Free Concert abliefert und damit einen Scoop landet, steht hinterher eben doch ihr Kollege und Liebhaber Doug Rhodes (Hunter Parrish) als Autor über dem Bericht.
Die Serie basiert auf dem gleichnamigen Buch der US-Amerikanerin Lynn Povich, einer Newsweek-Journalistin, Jahrgang 1943, die ihren Arbeitgeber mit 59 Kolleginnen 1970 wegen sexueller Diskriminierung verklagte. Sie waren vor Gericht erfolgreich und bewirkten damit, dass künftig auch Frauen als Reporterinnen eingesetzt wurden. Ein einschneidendes Urteil – von dem aber die wenigsten US-Amerikaner überhaupt wissen, so selbstverständlich ist es mittlerweile, dass auch Frauen diese Position in Redaktionen besetzen. Passenderweise erschien am 16. März 1970 eine Coverstory in Newsweek mit dem Titel »Frauen in der Revolte«, die sich ausführlich mit der Unzufriedenheit vieler Frauen mit ihrer Rolle in der Gesellschaft befasste. Es war ein richtungsweisendes Jahr für den US-amerikanischen Journalismus.
»Good Girls Revolt« ist ein bis ins Detail akribisch in Szene gesetztes period drama. Das ist ein Trend, auf den auch etliche andere US-Serien der jüngsten Vergangenheit setzten. Am erfolgreichsten gelang das mit »Mad Men«, der Geschichte der fiktiven Werbeagentur Sterling & Cooper. Aber auch »Masters of Sex« über die Sexualwissenschaftler William Masters und Virginia Johnson oder »Vinyl« von Martin Scorsese und Mick Jagger über einen Plattenboss im New York der siebziger Jahre schwelgten in der Vergangenheit. Besonders die sechziger und siebziger Jahre, diese in den USA so ereignisreichen Dekaden, in denen die Friedens- und Frauenbewegung enorm an Bedeutung gewannen, beflügeln die Serienmacher, kann man eine in dieser Epoche angesiedelte Spielhandlung doch vor dem Hintergrund vieler signifikanter gesellschaftlicher Umbrüche ansiedeln.
Alle diese Serien haben gemeinsam, dass sie wahre Ausstattungsorgien sind, ungehemmt nostalgisch. Auf den ersten Blick erliegen sie der Faszination einer Zeit, in der Männer im Anzug ins Büro kamen und Frauen mit akkurat toupiertem Haar, Lidstrich und Etuikleid ihre Weiblichkeit unterstrichen. Umso wichtiger ist deshalb, dass ein gutes Drehbuch, ein überzeugender Plot und facettenreiche Figuren der Versuchung widerstehen, sich allein in solchen Äußerlichkeiten zu verlieren und einem nostalgischen Zeitgeist zu huldigen. »Mad Men« ist das phantastisch gelungen, weil die Charaktere differenziert gezeichnet waren.
Bei »Good Girls Revolt« liegen die Dinge anders. Als Zuschauer merkt man schon in der ersten Episode, dass zu viel Handlung in zu wenig Serienzeit gepackt wurde, und der moralische Zeigefinger so deutlich erhoben wird, dass es nervt. Patti Robinson will sich nicht nur in ihrer Redaktion emanzipieren, nein, sie muss auch noch ihre Schwester von einer in Pattis Augen unseligen Eheschließung abbringen, damit diese nicht als Hausfrau und Mutter endet. Ostentativ stellen die Drehbuchautoren hier ihre pädagogische Intention zur Schau. Ein wenig mehr Understatement täte der Serie durchaus gut.
Dennoch sind viele Aspekte, die in »Good Girls Revolt« verhandelt werden, wie Gleichberechtigung der Geschlechter oder Sexismus, gegenwärtig relevant: Auch wenn das Setting historisch ist, sind die Themen immer noch aktuell. Noch immer sind Frauen in Führungspositionen von Medien, ob Print, Online, Radio oder Fernsehen, deutlich unterrepräsentiert. Ein Frauenanteil von 30 Prozent, wie ihn etwa der Verband Pro Quote anstrebt, erscheint in naher Zukunft mehr als unrealistisch. Oft ist immer noch von der »gläsernen Decke« die Rede, an die Frauen unweigerlich stoßen, wenn sie aufsteigen wollen. Die flexiblen Arbeitszeiten und die allgegenwärtige Verfügbarkeit, die im Journalismus gefordert werden, stellten gerade Frauen vor das Problem, eine Familie und Kinder mit diesem Beruf zu vereinbaren. Nicht selten besetzen männliche Chefs, die in den höheren Redaktionspositionen dominieren, Leitungsfunktionen mit Vertretern ihres Geschlechts – eben, weil sie manchmal einem Mann eher zutrauen, dieser Verantwortung gerecht zu werden.
Noch etwas ist bei »Good Girls Revolt« besonders: Im Vergleich zu einem Großteil der erfolgreichen US-amerikanischen Serien der vergangenen Jahre fungiert hier nämlich eine Frau als Schöpferin beziehungsweise als sogenannte Showrunnerin, Dana Calvo. Sie kennt das Metier und arbeitete selbst als Journalistin, bevor sie als Drehbuchautorin beim Fernsehen landete. Um »Good Girls Revolt« zu finanzieren, musste sie an viele Türen klopfen und wurde von etlichen Produzenten abgelehnt, meist mit der Absage, dass Journalisten in einer Serie keine guten Helden abgeben würden. Doch Calvo blieb hartnäckig und war am Ende erfolgreich. Ihr ging es um die weibliche Perspektive, denn: »Die meisten Geschichten werden von einem männlichen Standpunkt aus erzählt.«
Aus eben diesem Blickwinkel mit vielschichtigen weiblichen Charakteren zu erzählen, das ist durchaus ein Verdienst der Serie, wenngleich die Erzählweise eher konventionell ist und keine Experimente wagt. Eine Neuerfindung des Seriengenres sollte man also nicht erwarten. Dennoch lässt »Good Girls Revolt« unterhaltsam den Kampf um Errungenschaften aufleben, die heutzutage als selbstverständlich gelten.