Judith Butlers Analyse von Versammlungen ist nicht schlüssig

Was sich nicht alles ansammelt!

Herrschaftskritik brauche keine politischen Inhalte: Judith Butlers »Anmerkungen zu einer performativen Theorie der Versammlung« sind nicht überzeugend.

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Performativität – seit Beginn der neunziger Jahre, als Judith Butler die Geschlechterverhältnisse untersuchte, kreist das Denken der  US-amerikanischen Philosophin um diesen Begriff. Butler interessiert sich seitdem für sprachliche und nichtsprachliche Handlungen, die mitunter unbeabsichtigte Folgen nach sich ziehen. In ihrem jüngsten Buch widmet sie sich öffentlichen Versammlungen.

Das Erstarken autoritärer, rechtspopulistischer Parteien in den vergangenen Jahren aber hat gezeigt, dass ökonomische Unsicherheit nicht zwangsläufig emanzipatorische Haltungen befördert.

Es handele sich um »anarchistische Momente«, schreibt Butler, wenn Menschen kollektiv auftreten, obgleich es ihnen juristisch oder moralisch verboten ist. Allein die Tatsache ihrer Zusammenkunft stelle die bestehende Ordnung in Frage. Wenn Transpersonen in Polen gegen Abtreibung demonstrieren oder Flüchtlinge in Gruppen die Grenzen sogenannter sicherer Drittstaaten überqueren, komme Performativität zum Tragen: Das bloße Auftreten bestimmter ­Personengruppen genüge bereits, grundlegende politische Fragen aufzuwerfen. Butler bringt spontane Versammlungen mit dem anarchistischen Unmittelbarkeitsanspruch in Verbindung und argumentiert für politisches Handeln: »Um an der Politik teilzunehmen, um Teil konzertierter und kollektiver Aktionen zu werden, darf man nicht nur Gleichheit fordern (…), sondern muss auch im Sinne der Gleichheit handeln.«

So schwierig es auch sein mag: Die Vermittlung zwischen der Macht ­bestehender Normen und trotzdem möglichem, unerwartetem Verhalten ist nach wie vor die Stärke ihres Denkens. Allerdings weist ihre Theorie der Versammlung bereits im Ansatz Schwächen auf.

Butlers Argumentation zufolge können die herrschenden Verhältnisse herausgefordert werden, ohne dass Forderungen artikuliert würden. In diesem Zusammenhang schreibt sie von einer »pluralen und verkörperten Performativität« und klammert Fragen nach politischen Inhalten aus. Jeder Protest, »egal wogegen er sich richtet«, sei immer auch eine Forderung nach Versammlungsfreiheit. Sie umgeht politische Inhalte – und widmet sich ihnen auf verkürzte Weise dennoch, denn Performativität sei verbunden mit Prekarität.

Bereits in ihrem 2010 veröffentlichten Buch »Raster des Krieges. Warum wir nicht jedes Leid beklagen« hatte sie das »Gefährdetsein« einerseits als »allgemeine Bedingung« menschlichen Lebens beschrieben, andererseits aber betont, dass einige Personengruppen besonderen Gefahren­lagen ausgesetzt seien. Wie die allgemeine mit der besonderen Prekarität verknüpft ist, bleibt in Butlers jüngstem Buch unklar. Stattdessen legt sie nahe, dass die Gefährdung bestimmter Gruppen zu bestimmten politischen Effekten führe. Sexuelle Minderheiten, Opfer neoliberaler Politik, sie alle machen ihr »Gefährdetsein« Butler zufolge durch das kollektive und körperliche Erscheinen zum Thema – und fordern die Politik heraus. »Es kann keinen Eintritt in die Erscheinungssphäre ohne eine Kritik an den differenziellen Machtstrukturen geben, die die ganze Sphäre konstituieren«, schreibt sie. Ein Fehlschluss. AKP-Anhängerinnen auf dem Taksim-Platz, die sich sonst nicht in der ­Öffentlichkeit blicken lassen, Pegida-Anhänger in Dresden, die sonst keinerlei öffentliche Repräsentationsmöglichkeiten haben – hier gibt es Beispiele zu Hauf. Die Versammlung, das kann immer auch der Mob sein.

Am Anfang des Buchs geht Butler kurz auf Pegida ein, dann aber widmet sie sich vor allem emanzipatorischen sozialen Bewegungen, den »Versammlungen der Gefährdeten«. Dass es zwischen »verschiedenen Arten des Protests zu unterscheiden« gelte, bemerkt sie zwar, nennt hier aber nur die Bewegung gegen Prekarisierung, Black Lives Matter und jene Gruppen, die sich für den Erhalt öffentlicher Bildung einsetzen – ­also im weitesten Sinne Protest von Linken.

Dass es aber nicht »eine kritische Allianz« ist, »in der sich die Unberücksichtigten, die Untauglichen – die Gefährdeten – verbünden, um neue Erscheinungsformen zu etablieren«, kommt Butler nicht in den Sinn. ­Diese Leerstelle teilt sie mit anderen Ansätzen zur Prekarität. Der britische Ökonom Guy Standing etwa beschreibt in seinem Buch »Prekariat. Die neue explosive Klasse« Verunsicherte und Ausgegrenzte als Personen, die »ein minimales Vertrauensverhältnis zu Kapital und Staat haben« und dieses mangelnde Vertrauen auch auf irgendeine Weise befreiend artikulieren. Das Erstarken autoritärer, rechtspopulistischer ­Parteien in den vergangenen Jahren aber hat gezeigt, dass ökonomische Unsicherheit nicht zwangsläufig emanzipatorische Haltungen befördert.
Fraglich bleibt außerdem, warum Butler, wenn sie schon nicht an ­Inhalten interessiert ist, ihren Fokus auf politische Demonstrationen verengt. Was ist mit den Massen, die an heißen Sommertagen am Baggersee dösen? Oder mit denen, die sich jedes Wochenende im Fußballstadion treffen? Dass Butler einen Fehler ­begeht, wenn sie Sinn und Zweck von Versammlungen außer Acht lässt, wird klar, wenn man Versammlungen miteinander vergleicht.

Bestimmte Kundgebungen sorgen, wie sie wiederum zu Recht meint, »für eine Neubestimmung dessen, was als Öffentlichkeit und was als politischer Raum gilt«. Das allerdings kann kaum als originäre Einsicht gelten. Aufgebracht wurde dieser Gedanke in den neunziger Jahren von Sonia Álvarez, Evelina Dagnino und Arturo Escobar, fand dann Einzug in die Erforschung sozialer Bewegungen in Lateinamerika und wurde als cultural politics breit diskutiert. Unter anderem ging es um die Frage, wie Handlungen, die nicht als politisch gelten, in Machtverhältnisse eingreifen. Bei allen Aspekten nichtintentionalen Handelns wurden damals vor allem konkrete Mobilisierungsprozesse als wirkmächtig betrachtet. Nicht aber eine allgemeine »nicht beachtete Abhängigkeit« zwischen allen Menschen, die Butler demgegenüber zum Ausgangspunkt für eine »neue Körperpolitik« machen will. Zu wissen, dass Menschen verletzlich und aufeinander angewiesen sind, führt politisch zu gar nichts – weder auf die linksradikale Demonstration noch zum Stammtisch im Biergarten.

Judith Butler: Anmerkungen zu einer ­performativen Theorie der Versammlung. Aus dem amerikanischen Englisch von Frank Born. Suhrkamp, Berlin 2016, 312 Seiten, 28 Euro