Platte Buch

Rausch und Nebel

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Als der Jamaikaner Osbourne Ruddock, besser bekannt als King Tubby, in den späten sechziger Jahren begann, instrumentale Versionen der A-Seiten-Songs für B-Seiten von Reggae-Singles zu produzieren, ahnte er sicherlich nicht, welche Entwicklung er angestoßen hatte. Ruddock modi­fizierte die Perkussion und die Bassläufe und verlieh ursprünglich radiotauglichen Popsongs eine geradezu rauschhafte Wirkung. Sein Fokus auf Rhythmus und Wiederholung traf den Nerv der tanzenden Menge.
Wäre Dub zu einer anderen Zeit aufgekommen, vielleicht hätte man ihn als »Post-Reggae« bezeichnet. Ob man es als Omen werten darf, dass ein eben erschienenes Album von King Tubbys Label Jahtari als »post-tribalistisch« beworben wird? Eher nicht, denn auf WaqWaq Kingdoms »Shinsekai«, japanisch für »Neue Welt«, wird weniger mit den Geistern der Vergangenheit als den

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Verheißungen der Zukunft geflirtet.
Sängerin Kiki Hitomi von den UK-Dubbern King Midas Sound hat sich für dieses Unterfangen mit zwei recht unterschiedlichen Künstlern zusammengetan. Shigeru Ishihara produziert unter anderem als DJ Scotch Egg mit Gameboy-Sounds beladenen Gabber; Andrea Belfi arbeitet als freier Perkussionist auch mit Größen des Alternative Rock wie Carla Bozulich, Mike Watt oder Aidan Baker zusammen. »­Shinsekai« ist geprägt von quirligen Keyboardläufen, alternierenden Rhythmen und Subbasswänden, die einen Nebel erzeugen, durch den Hitomis Stimme mit eingängigen Hooks wabert. Entstanden ist ein psychedelisches Amalgam aus Reggae, Electronica und experimentellem Pop.

Mögen auch einige Versatzstücke musikalisch nicht zueinander finden, WaqWaq Kingdoms »Shinsekai« ist eine der bemerkenswertesten Aktualisierungen des Dub in der jüngeren Vergangenheit. Anders als die epischen Songs von The Bug ­bespielsweise benötigen WaqWaq Kingdom keinen ohrenbetäubenden Lautstärkepegel, um dem Dub neues Leben einzuhauchen.
WaqWaq Kingdom: ­Shinsekai (Jahtari)