20 JAHRE Lesen und staunen: Hanno Harnisch, stellvertretender Pressesprecher der Links­fraktion im Bundestag, im Interview über Wendezeiten und Aufmüpfigkeiten

»Neutralität war noch nie die beste Daseinsform«

Hanno Harnisch (64) war 1997 war er Pressesprecher der PDS. In der ersten Ausgabe der »Jungle World« verurteilte er das Vorgehen des Geschäftsführers der »Jungen Welt«, Dietmar Koschmieder.

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Als der Geschäftsführer der »Jungen Welt« 1997 die Chefredaktion absetzte, sprachen Sie von einem »Putsch von oben«. Warum haben Sie sich als PDS-Pressesprecher auf die Seite der undogmatischen Westlinken geschlagen?
Das hatte mit den Leuten zu tun, die die Jungle World gründeten: Sie wollten wirklich etwas bewegen – und haben nur schweren Herzens darauf verzichtet, eine Tageszeitung herauszugeben. Den Bruch mit der alten Redaktion sahen sie als besten Weg, das fortzuführen, was sie politisch transportieren wollten. Weil ich das so ähnlich sah, habe ich mich behutsam in den Streit eingeklinkt. Außerdem war Neutralität für mich noch nie die beste aller Daseinsformen, so dass ziemlich schnell klar war, dass ich eher auf Seiten der Jungle World stehe. Das wurde mir seitens der Jungen Welt etwas übel ­genommen, aber auch nicht bis zum jüngsten Tag.

Wie würden Sie die »Junge Welt« vor dem Bruch 1997 charakterisieren?
Ich kannte alle Redakteure – die aus der DDR und jene, die nach der Wende aus dem Westen dazugestoßen waren. Das war zwar nur eine Handvoll, aber die hatten das Sagen. Als ich sie näher kennenlernte, bin ich schon ein bisschen skeptisch geworden. Nicht, weil sie misstrauisch gegenüber der Partei waren, das ist ja in Ordnung. Aber am Schluss war da zu viel Misstrauen. Bei der Jungle World hingegen gab es plötzlich die Hoffnung: Hey, hier könnte etwas entstehen, mal sehen. Dass einige von euch dann rechts ausgeschert sind: sei’s drum. Die kriegt man auch nicht mehr eingefangen.

Mochten Sie die antistalinistische Ausrichtung der »Jungle World«?
Mit diesen Rastern kommt man, glaube ich, nicht weiter. Selbst in der Jungen Welt in ihrer heutigen extremen Form herrscht nicht purer Stalinismus.

Lesen Sie heute beide Zeitungen?
Ja, und ich finde es gut, dass es beide noch gibt. Nicht nur die Junge Welt, sondern auch die Jungle World hat ja einige Metamorphosen durchgemacht, mit denen ich nicht so glücklich bin. Aber Zeitungen werden nun einmal von Menschen gemacht – so funktioniert Presse, so ist das Leben.

Nach der Wende hing an Ihrer Bürotür im Karl-Liebknecht-Haus der Ausspruch Bertolt Brechts: »Das Chaos ist aufgebraucht. Es war die beste Zeit.«
Den Slogan kann man nicht jedes Jahr neu auflegen, aber damals stimmte er. Das war die Zeit, als wir alle unser Knospenknallen hatten, wenn auch in verschiedene Richtungen: Aus arbeitsamen DDR-Propagandisten der Weltanschauung der Arbeiterklasse wurden plötzlich richtige Journalisten. Und aus Westjournalisten wurden wohlmeinende Beratungspapis, die uns erzählten, wie wir es nun mal richtig machen sollten.

Knallen die Knospen heute noch?
Na klar! Tief drin steckt nicht nur Erinnerung an diese Zeit, sondern weiter ein bisschen Aufmüpfigkeit. Dieser Geist lässt doch keinen, der ihn einmal hatte, wieder los. Da kann man nicht einfach zum Berufsbeamtentum übergehen. Und wer sich mit der Gesellschaft, so wie sie ist, zufriedengibt, der ist tief zu bedauern.

Auch die »Jungle World« entstand im Umbruch. Fühlten Sie sich bei Ihrer Parteinahme 1997 angezogen durch deren inspirierendes Chaos?
Inspiriert durch Chaos? In der DDR gab es einen Witz: Kontinuität statt Erneuerung. Die Losung lautete eigentlich: Kontinuität und Erneuerung. Und die Jungle World bedeutete gegenüber der Jungen Welt eben mehr Erneuerung als Kontinuität, also eine Bruchstelle. Und die war wohl nötig zu jener Zeit.

Sie waren einst Musikredakteur beim DDR-Radiosender DT64, 2001 wurden Sie Kulturchef des »Neuen Deutschland«. War dort mehr Kontinuität angesagt oder mehr Erneuerung?
Wir brachten Streitbares – und ich habe auf Kontinuität gesetzt. Schließlich war das ND-Kulturfeuilleton schon zu DDR-Zeiten ein sehr gutes. Ich habe aber auch Dissidenten dort schreiben lassen, um es nicht nur als Nostalgieblatt zu pflegen.

Was ist heute anders als vor 20 Jahren – politisch wie publizistisch?
Damals war der Ausgang offen. Welcher Ausgang ist denn heute noch offen? Jetzt ist doch alles irgendwie festgelegt. Allenfalls die Zukunft Europas ist heute offen, aber auch in eine Richtung, die keiner, der von links kommt, so richtig will. Also muss man weiter mit seinen eigenen Vorstellungen aufwarten, und darf nicht anderen hinterherhecheln.

Was bedeutet das für linken Journalismus?
Er muss brennen im Herzen – auch wenn Journalismus jetzt im Netz stattfindet, weil nicht mehr genügend ­Papier in die Hand genommen wird. Aber wer Journalismus nur betreibt als etwas, das erledigt werden muss, sollte eine andere Arbeit machen.