Kollegen von Bild, Vice, Graswurzelrevolution, Playboy u. a. geben der Jungle World zum Geburtstag gutgemeinte Ratschläge

Protipps von echten Profis

Wir haben richtig echte Profis zur Blattkritik eingeladen und sie gefragt, was wir tun müssten, damit die »Jungle World« endlich professionell und erfolgreich wird. Lesen Sie hier die erstaunlichen Antworten.

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Mehr Krawall!
Von Dirk Hempel

Als Boulevardjournalist (bei Bild, ­jawohl!) schaue ich natürlich zuerst auf die Titelseite. Klar, die Seite 1 der Jungle World muss keinen profanen Kaufreiz auslösen, keine Sensationslust oder niedere Instinkte ­befriedigen. Zum Glück. Aber die Titelseite darf – nein, sie muss – ein prägnantes Aushängeschild sein. Un­verwechselbar! Provokant! Politisch! Bedeutet: Diskussionsstoff bieten! Auch mal ein ganz eigenes Thema setzen, abseits der Nachrichtenlage!
Ich weiß, ich weiß – das ist verdammt viel Arbeit. Stundenlang hat es damals oft in den ersten verqualmten Redaktionsräumen der Jungle World (wird bei euch eigentlich immer noch so viel geraucht?) gedauert, unterschiedliche Varianten und Text-Bild-Kombinationen auszuprobieren – ein Kampf bis zur letzten Minute.

Mein Eindruck der letzten Zeit: Der Tageszeitung gelingt es oft besser, mit ihrer Seite 1 gezielt Akzente zu setzen. Mal mit Augenzwinkern, mal ein Eingriff in den Politdiskurs, mal ein ganz bewusst gesetztes ­Thema …
Das kann die Jungle World auch – vermutlich sogar besser! Was ich mir deshalb wünsche: Mehr Krawall! Mehr Provokation! Zeichen und Themen setzen! Deutlich Position be­ziehen!
In diesem Sinne freu ich mich auf spannende Titelseiten der nächsten 20 Jahre …

Dirk Hempel ist Politikredakteur bei Bild.de und Mitbegründer und Mitherausgeber der Jungle World.

 

Herrschaftsloser!
Von Bernd Drücke

Es hat mich gefreut, als ich gelesen habe, dass Mitglieder der Jungle World-Redaktion am Quiz »Political Compass of the Revolution – Who are you in 1917 Russia?« teilgenommen haben: »Von elf Teilnehmern … (sind) sieben Anarchisten, womit diese eindeutig in der Mehrheit sind.« 

Leider war von diesen anarchistischen Tendenzen in den einschlägigen Jungle-Artikeln bisher nicht viel zu bemerken. Es ist keineswegs anarchistisch, wenn man über den Anarchismus Antianarchisten schreiben lässt, die vom Thema keine Ahnung haben.

Anregend finde ich die Auseinandersetzung der Jungle World mit rechten und antisemitischen Tendenzen überall, auch bei den Linken. Übel finde ich die Kriegspropaganda, die sie insbesondere für die katastrophalen Bush-Kriege gegen Afghanistan und Irak betrieben hat. Krieg ist ein Verbrechen an der Menschheit.

Eine Jungle World, die mir besser gefallen würde, wäre eine grundsätzlich herrschaftskritische Wochenzeitschrift. Ein Blatt, das nicht für Staaten und Regierungen Partei ergreift, sondern für emanzipatorische soziale Bewegungen von unten. Wir brauchen ein Sprachrohr, dessen Maximen »Nie wieder Faschismus!« und »Nie wieder Krieg!« sind. Würde die Jungle World in diesem auch antimilitaristischen Sinne agieren, wäre das noch keine Anarchie. Es wäre ein Anfang.

Dr. Bernd Drücke ist Redakteur der anarchistischen Monatszeitschrift Graswurzelrevolution.

 

Konsequenter!
Von Wolf Lotter

Eines vorweg: Meine Lieblingsszene aus Walt Disney’s Lustigen Taschenbüchern, Abteilung Donald Duck, spielt im Büro von Onkel Dagobert. Der Alte sitzt an seinem Schreibtisch und guckt missmutig ins Bild. Dahinter eine Wandstickerei mit seinem Lebensmotto: »Mir hat auch niemand gesagt, wie man Kapitalist wird«. Mir geht’s genauso.

Nicht, dass ich der Jungle World nicht einen gewaltigen Erfolg am Markt wünschen würde, weil es ein – meistens jedenfalls – kluges Blatt ist. Aber Klugscheißen ist keine Lösung, und abgesehen davon, dass es für Businessberatung im Mediengeschäft wirklich Berufenere als mich gibt, ist die Wahrheit einfach – was die Sache ja so schwierig macht.

Es gibt keine Erfolgsrezepte außer dem, dass man das, was man gerne tut und für richtig hält, auch tun soll, und zwar mit einem gewissen Starrsinn. Ich kenne kein Medienprodukt, das mit Opportunismus jemals Erfolg hatte. Auf der Suche nach dem verlorenen Leser, Seher, Hörer machen die meisten aber genau das, vielleicht auch, weil Existenzangst nicht schlauer macht (mir ging es jedenfalls immer so). Sie glauben, dass man seine Kunden nur fragen muss, was sie gerne wollen – und dann klappt es auch. Marktforschung, Umfragen, Leserreporter oder die Meinung der Gäste von der letzten Gartenparty – das treibt viele an. Das ist für die Katz. Ein gutes Medium, glaube ich, mag man oder man mag es nicht. Ich freue mich immer wahnsinnig, wenn ich einen guten Text lese, und ich denke, den meisten Leuten, die Zeitschriften kaufen, geht es so. Niemand kauft etwas, was er schon hat. Fragt deshalb nicht, was eure Leser für euch tun können. Sondern seid, wer ihr seid. Das kaufen wir euch ab.

Was die Jungle World auszeichnet, ist, dass sie außerhalb (auch des linken) Mainstreams steht, in dem die Forderung nach »Einigkeit« nichts mit Solidarität, aber viel mit Rückversicherung zu tun hat. Das ist eine Medienkrankheit; Silke Burmester hat zu Recht über die »Schisser und Anpasser« in unserer Branche geredet. Werdet bloß nicht so wie die, vor denen ihr uns warnt.

Mein Protipp: Bleibt, wie ihr seid, nur noch deutlich konsequenter. Das heißt, dass ihr für eine freie – und nicht einheitliche – Linke steht, die den Liberalismus nicht als Bedrohung oder nur temporären Partner, sondern als engen Verwandten akzeptiert. Beschäftigt euch mit der wichtigen Frage, dass Zivilgesellschaft auch Zivilgesellschafter braucht, also selbstbestimmte

Individuen, und dass Selbstbewusstsein kein bürgerlicher Defekt ist. Links sein heißt, den Freiheitsgrad des Einzelnen zu erhöhen, für umfassende Emanzipation einzutreten – und damit gegen Bevormundung. Macht euch dafür zuständig. Das ist der USP überhaupt. Und echt zu sein, ein Original, das man nicht verwechseln kann, ist Erfolg.

Wolf Lotter ist Gründungsmitglied, ­Redakteur und Leitessayist des Wirtschaftsmagazins Brand Eins.

 

Mehr Eigenes!
Von Volker Steinhoff

Stell dir vor, es ist Faschismus und die Jungle World … ? In Frankreich steht der Faschismus vor der Tür, der »Linke« Mélenchon kann sich nicht zu einem Aufruf für Macron bequemen, und in der Jungle World? Lese ich eine brave Zusammenfassung. In Washington hat der Gelegenheitsfaschist Trump 100 Tage hinter sich (und uns) gebracht, und in der Jungle World? Nichts zum Thema Trump. Doch, es gibt noch Eigenes: das Aufspießen der Orwellianischen Facebook-Verfolgung durch Minister Maas und seine politisch braven Freunde etwa, wenngleich der Artikel etwas übers Ziel hinausschießt. Mein Wunsch also: mehr Eigenes, was ich nicht überall finde! Weniger Zusammenfassungen!

Volker Steinhoff ist Redaktionsleiter des NDR-Magazins Panorama.

 

Ostdeutscher!
Von Wolfgang Hübner

Wie kann die Jungle World im Osten mehr Leser gewinnen? Also natürlich: noch mehr Leser? Ganz einfach, liebe Kollegen: Indem ihr dem Ossi ein klein wenig Heimat bietet. Ja, Heimat ist ein schlimmes Wort (oder wie der Sachse sagt: furschtbor). Aber trotzdem: Das Heimatgefühl, es will bedient werden. Also erstens: ab und zu aus Orten wie Doberlug-Kirchhain, Klingenthal-Mühlleiten oder Vehlefanz berichten, auch wenn dort nichts weiter los ist. Einfach nur so, wegen Heimat.

Zweitens: Verwechslungen vermeiden. Freiburg/Freyburg, Harz/Hartz, Lothar/Thomas (de Maizière), Miele/Mielke. Da ist der Ossi allergisch. Passiert euch nicht? Okay. Drittens: Gründet neben der Betriebsgruppe für deutsch-amerikanische Freundschaft auch eine für deutsch-russische Freundschaft. Druschba! Viertens: In der Schlussredaktion ein paar ostdeutsche Codewörter über die Ausgabe streuen. Kaufhalle, Engpass, Nasszelle, Erntekapitän, Haushaltstag, Ehrenbanner – solche Sachen. Sie müssen keinen Sinn ergeben, sondern nur im Unterbewusstsein wirken. Fünftens: Führt eine 60/40-Quote für innenpolitische Themen ein, so wie in der DDR, nur umgekehrt. Damals sollten in Diskotheken höchstens 40 Prozent Westmusik gespielt werden; ihr könntet euch auf mindestens 40 Prozent Ostthemen einigen.

Aber sonst: Alles tipptopp. Weiter so!

Wolfgang Hübner ist Mitglied der ­Chefredaktion der Tagezeitung Neues Deutschland.

 

Schmuddeliger!
Von Tim Wolff

Ich hatte eine schwere Kindheit: Ich bin in der Pfalz aufgewachsen. Im Schatten des Kohl’schen Oggersheim. Und weil das noch nicht Schaden genug war, bin ich für eine Weile in die BASF gelaufen. Macht man da so. Am Tor 1 gab es einen Kiosk. Dort fiel mir eine in blassen Farben schreiende, steile Thesen launig begründende Zeitung auf. Im Gegensatz zur Arbeiterschaft ging ich noch nicht gesenkten Hauptes ins Werk. Das Blatt las ich dann auf dem Klo, wo ich meine Arbeitstage verbrachte.

20 Jahre später bin ich Chef der Titanic, eines anderen Printüberbleibsels im heiteren Kampf gegen die Beschädigungen des falschen Lebens. Dem Magazin, bei dem das ehema­lige revolutionäre Subjekt den Kopf immerhin schüttelt und das in puncto Klolektüre der werberelevanten Zielgruppe die meisten Publikationen übertrifft. Ich bin also gut geeignet, der Jungle World zu erklären, wie sie von der Studenten-Zeit, die sich gut auf dem WG-Tisch macht und deren gestapelte Dossiers man ganz bestimmt bald mal alle nachliest, zum (wieder) gerne durchgeblätterten Klo-Hit wird. So nämlich: Unsaubere Seitengestaltung, Merkel-Grimassen, Christenschmähungen, den Ruf, gleichzeitig zu islamfreundlich und zu philosemitisch zu sein, Austauschanzeigen mit Schmuddelblättern, stets den Eindruck nähren, früher besser gewesen zu sein, und mindestens ein Rieseneselpenis pro Ausgabe. Gern geschehen.

Tim Wolff ist Chefredakteur des Satire­magazins Titanic.

 

Mehr Spargel!
Von Rudi Raschke

»Was fehlt in der Jungle World, was können wir besser machen?« Das waren die Fragen, mit denen mir ein Kommentar zum 20jährigen schmackhaft gemacht wurde. Hintergedanke: Tipps zu geben, die aus »ganz anderen Pfarreien« kommen. Schließlich hatte ich das unzweifelhafte Vergnügen, von den 20 Jahren eurer Existenz insgesamt 15 bei zwei Jungsträumen abzuleisten, die eine Hälfte beim deutschen

, die zweite bis vor kurzem beim Kampf- und Spaßclub SC Freiburg.

Das verschaffte mir die launige Wiederbegegnung mit einem gut gemachten Blatt. Eines, das ohne staatstragende Seitenköpfe und Ressortzuteilungen auskommt. Und auf Einrahmungen verzichtet, die »Vorsicht, eigene Meinung!« zu warnen scheinen. Ein zwei Jahrzehnte altes, haltungsstarkes Projekt, das Selbstironie kennt und auch ansonsten für den im Linkssein nicht immer üblichen Einsatz von Herz und Humor steht. Sportseiten gibt es dort ohnehin, fehlt vielleicht der Sex? Ach, die neuesten Kopulier-Trends sind bei Bento unterm Jan-Fleischhauer-Konterfei abwechslungs­reicher aufgehoben. Was also empfehlen?

Der Detailteufel wollte es, dass ausgerechnet Ivo Bozic sich mit der Idee bei mir gemeldet hatte. Ich kannte ihn nicht persönlich. Wohl aber seine ausdauernde, alljährlich erneuerte Hetze gegen einen, der es definitiv nicht verdient hat – den Che Guevara des Gemüses, den heiligen Gral unter den Stängeln, die Mutter Maria unter Tage: den Spargel. Aus unerfindlichen Gründen führt Bozic seit Jahrzehnten eine einfallsreiche Vendetta, um das Geschöpf mittels allerhand Wahnvorstellungen auszurotten. Woher dieser Hass? Woher rührt die abstrakte Ablehnung? Warum bedient er sich argumentativ bei

Ressentiments im Stile von »Och, 22 Männer und nur ein Ball« oder »Jo, immer mit dem Auto im Kreis rumfahren«? Warum? Es müssen Traumata sein.
Allein deshalb nutze ich diese Zeilen zum Sturm auf die Geschmacksbarrikaden: Jungle World, bekennt euch im Blatt zum Genuss! Zieht euch eine schöne Flasche Weißburgunder auf und verputzt ab und zu was Schönes. Klarer Wunsch für die nächsten 20 Frühlingsgefühle: Mehr Spargel wagen!

Rudi Raschke war bis 2007 Redakteur beim Playboy, anschließend Pressesprecher des SC Freiburg und ist nun Redaktionsleiter beim regionalen Magazin netzwerk Südbaden und freier Autor.

 

Solidarischer!
Von der AK-Redaktion

Aus einer Besetzung entstanden – das ist natürlich erstmal wow! Was in den 20 Jahren danach kam, war dann oft nicht so wow. Eine linke Zeitung, die für den Krieg zu sein wieder salonfähig gemacht hat (in Teilen der Linken), bei der »Islamkritik« immer mal wieder die Grenze zum Rassismus überschreitet und die bei der Auseinandersetzung mit anderen Linken statt nach solidarischen Wegen der Kritik lieber den Schulterschluss mit Neoliberalen sucht – das nervt schon ziemlich. Jetzt kann man natürlich drüber streiten, inwieweit zu nerven auch seine produktiven Seiten hat, und das haben wir in der AK-Redaktion fleißig getan. Ergebnis? Kein Ergebnis! Wir sind an der Aufgabe, als AK-Redaktion einen gemeinsamen Geburtstagsgruß an die Jungle zu formulieren, gescheitert – ­herz­lichen Glückwunsch, ihr Nerven­sägen.

Redaktion der Monatszeitung AK – Analyse & Kritik.

 

Schmerzfreier!
Vom Michael Wuliger

Kein Geringerer als Stalin hat 1931 den Antisemitismus als »Überrest des Kannibalismus« charakterisiert. Auch wenn er sich selbst praktisch nicht an diese Erkenntnis gehalten hat, war Josef Wissarionowitsch damit intellektuell und ethisch weiter als ein Großteil der antiimperialistischen, postmodernen und postkolonialistischen Linken heute. Gegen deren antizionistischen Chor singt die Jungle World seit 20 Jahren unbeirrt mit einem Solo der linken Israelsolidarität an. Neben vielen anderen positiven Konsequenzen rettet diese Haltung progressive Juden hierzulande vor Vereinsamungsgefühlen. Alleine das rechtfertigt schon die Existenz der Zeitung.

Schade nur, dass es das Blatt nicht schon früher gab, als ich, Jahrgang 1951, mich aus Verzweiflung und Ekel von einer deutschen Linken abgewandt habe, in der für Juden mit ­einem Rest von Selbstachtung kein Platz mehr war. Vielleicht wäre ich sonst heute noch links.

Es könnte natürlich auch sein, dass eine Jungle World mit ein paar Jahrzehnten zusätzlicher Lebenserfahrung sich heute selbst nicht mehr als linkes Blatt begreifen würde. Falls ihr, liebe Kolleginnen und Kollegen, also in den kommenden Jahren einen Verlust an bisherigen Gewissheiten bemerken solltet: keine Angst. Es tut nur am Anfang weh.
Michael Wuliger ist Kolumnist der ­Jüdischen Allgemeinen.

 

Mehr LSD!
Von Matern Boeselager

Was ja nicht so viele wissen: Vice und die Jungle World haben eine Menge gemeinsam. Zum Beispiel, dass wir von der Welt da draußen missverstanden werden. Unsere Leser beschimpfen uns mal als »Hipster-Bild«, mal als »linksgrün-versifftes Rothschild-Organ«. Und über die Jungle World erzählt man sich, dass sie gleichzeitig ein linksextremes Kampfblatt und ein neoliberales Israel-Pamphlet sei. Dabei ist die Wahrheit viel simpler: Wir wollen beide einfach nur geliebt werden.

Es gibt ja auch gut Gründe, die Jungle World zu lieben: zum Beispiel neulich das Interview mit dem Historiker Dan Diner. Oder die lange überfällige Erinnerung, dass »Entrepreneure« nicht die Welt, sondern vor allem sich selber retten wollen. Oder wenn sie eine Reportage vom Kottbusser Tor bringt, die die Zustände dort zeigt, wie sie wirklich sind (haben wir natürlich prompt nachgemacht).

Aber die Jungle World ist nicht perfekt. Was zum Beispiel fehlt, sind investigative Selbstversuche. Sowas wie: Auf LSD einen Merkava auseinander- und wieder zusammenschrauben, Dynamitfischen auf den Bahamas, mit Arafat-Tanga auf einer antideutschen Sexparty. Ehrlich: Sowas würde ich retweeten und liken und sharen, ohne mit der Wimper zu zucken. Also, ihr wisst, was ihr zu tun habt, an die Arbeit!

Matern Boeselager ist Redakteur bei Vice.