Der Sechstagekrieg und seine Folgen

Die Rückkehr des Sakralen

Vor 50 Jahren gewann Israel den Sechstagekrieg gegen die arabischen Armeen. Der Sieg veränderte den jüdischen Staat. Seine Konsequenzen reichten aber auch weit über den Nahen Osten hinaus und sind bis heute zu spüren.

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Von Zeit zu Zeit werden ganz konkrete Hinterlassenschaften des Sechstagekriegs sichtbar. So wie im Falle der sterblichen Überreste dreier jordanischer Soldaten, die vor wenigen Tagen bei Straßenarbeiten in Sur Baher, einer kleinen Ortschaft im Osten Jerusalems, entdeckt wurden. 50 Jahre nach ihrem Tod übergab man sie den Behörden Jordaniens, wo sie »mit aller Würde« bestattet werden konnten, wie es Michal Maayan, der Pressesprecher des israelischen Außenministeriums, formulierte. Doch nicht jedes Vermächtnis der Ereignisse vom Juni 1967 lässt sich auf derart unkomplizierte Weise regeln. Zwar konnte Israel damals mit seinem militärischen Triumph über die Armeen seiner Nachbarstaaten deren Vernichtungspläne vereiteln. Zugleich aber gerieten der Sinai, das Westjordanland, der Gaza-Streifen sowie Ostjerusalem und die Golan-Höhen unter die Kontrolle des jüdischen Staates, und mit ihnen eine beträchtliche arabische Bevölkerung. All das hatte tiefgreifende Folgen, für die israelische Gesellschaft genauso wie für die arabische Welt und auch über die Weltregion hinaus.

Ihren überraschenden militärischen Triumph von 1967 empfanden die Israelis wie ein Wunder. Die Tageszeitung Yediot Ahronoth schrieb damals »die Hand Gottes müsse«, angesichts des Ausgangs des Kriegs mit im Spiel gewesen sein. Fortan drang das Sakrale tatsächlich mit voller Wucht in die Politik des jüdischen Staates. Zuvor waren sowohl der sozialistische als auch der revisionistische Zionismus weltlich orientiert und fast alle politischen Protagonisten erklärtermaßen Atheisten. Das änderte sich nach 1967. »Mit diesem Jahr ward Israels große Verwandlung angezeigt«, bringt es der Historiker Dan Diner auf den Punkt. »Mit der Eroberung des biblischen Kernlandes brach der zuvor einer im wesentlichen säkularen Emblematik verpflichtete jüdische Staat vollends ein in die Gewölbe mystischer Zeit.« Infolgedessen fand eine Revision zionistischer Werte statt – ein Prozess, der bis in die Gegenwart andauert und im Bau von Siedlungen seinen materiellen Ausdruck fand.

Dass sich Israels Linke durch ihr Bekenntnis zur Zwei-Staaten-Lösung definiert hat und es nicht vermochte, eine Alternative zu entwickeln, ist zugleich Ursache für ihre politische Schwäche heute.

Beispielhaft lässt sich dies an den politischen Vertretern der eher traditionell eingestellten oder jüdisch-orthodoxen Israelis beobachten. Vor dem Sechstagekrieg hatte Mafdal, die mittlerweile aufgelöste Partei der Nationalreligiösen, mit den Zionisten der Arbeiterpartei wunderbar zusammengearbeitet. Man war primär darauf bedacht, dass ethische Prinzipien des Judentums in die Sozialgesetzgebung einflossen. Damit war es nach dem Sechstagekrieg schnell vorbei. Fortan lautete das Mantra, die Besiedlung des Landes sein ein göttliches Gebot. Vor allem die im nationalreligiösen Umfeld 1974 entstandene und messianisch ausgerichtete Siedlerbewegung Gush Emunim (Block der Getreuen) betrachtete sich dabei als Avantgarde. »Die Religion wurde vom Nationalismus quasi verschluckt«, meint der Historiker Gershom Gorenberg. »Es ist so, als hätte eine Schlange einen riesigen Mungo gefressen und dessen Gestalt angenommen«, so der Autor des Buchs »Accidential Empire«, in dem er detailliert beschreibt, wie die Zionisten der Arbeiterpartei diese Entwicklung begünstigten. Weil sich die Mehrheit der Israelis kaum für neue Siedlungen begeistern konnte, ließen sie die Mitglieder von Gush Emunim einfach gewähren. »Die alte Garde fühlte sich damals zurückversetzt in die Zeit vor 1948«, so Gorenberg. »Sie alle vergaßen, dass sie nun aber die politisch Verantwortlichen eines Staates waren. Trotzdem begannen Shimon Peres, Golda Meir, Moshe Dayan, Yisrael Galili und Levi Eshkol, mit den Siedlungen Fakten zu schaffen, als ob man noch zu Zeiten des Mandats leben würde und es darum ginge, der britischen Verwaltung eins auszuwischen.«

Mittlerweile hat bei den Nationalreligiösen ein Generationenwechsel stattgefunden. Ihre politische Heimat ist heute die nationalreligiöse Partei HaBayit HaYehudi (Jüdisches Heim) und Naftali Bennett, Erziehungsminister im Kabinett Benjamin Netanyahus, deren Vorsitzender. Sein Plan: Er will die Vorstellungen der Siedlerbewegung verstärkt in die Mitte der israelischen Gesellschaft tragen. Deshalb treibt er die Öffnung der Partei für konservative und weniger religiöse Israelis voran, die vom Likud enttäuscht sind. Das könnte sogar funktionieren. »Denn die Verrückten von einst stehen nicht mehr an der Spitze dieser Bewegung«, meint Moshe Halbertal. »Das Projekt der Siedlungen hat sich als äußerst beständig erwiesen«, so der Philosoph und Mitverfasser des Verhaltenskodexes der israelischen Streitkräfte. »Heute ist es nicht mehr allein das Thema einer radikalen Avantgarde, sondern bereits im Mainstream angekommen. Und schon längst geht es nicht immer allein um messianische Phantasien.«

In diesem Zusammenhang kommt Ayelet Shaked eine Schlüsselrolle zu. Die 41jährige Justizministerin ist das frische und nicht­orthodoxe Gesicht von HaBayit HaYehudi. »Wir wollen die Werte des religiösen Zionismus beim ganzen israelischen Volk verbreiten«, sagte sie. Zudem vertritt Shaked ebenso wie Bennett eine annexionistische Linie, wenn es um die Frage der im Sechstagekrieg eroberten Gebiete geht: »Die Palästinenser sind meiner Meinung nach längst kein Thema mehr«, äußerte sie einmal lapidar. »Heute weiß doch jeder, dass es keinen Frieden geben wird, weil auf palästinensischer Seite niemand zu finden ist, mit dem man reden kann.« Deshalb sollten große Teile des Westjordanlandes dem israelischen Staatsgebiet kurzerhand einverleibt werden – aber ohne die urbanen Ballungsräume der Palästinenser. Die Zwei-Staaten-Lösung ist für sie aus Gründen der nationalen Sicherheit mausetot.

Nationalreligiöse wie Shaked und Bennett sowie Teile des Likud, die der Zwei-Staaten-Lösung kritisch gegenüberstehen, wissen eine wachsende Zahl der Israelis auf ihrer Seite. Aber nicht deshalb, weil diese das 1967 begonnene Siedlungsprojekt befürworten, sondern weil sie den Palästinensern einfach nicht mehr trauen. Zwar demonstrierten noch Ende Mai rund 15 000 Israelis in Tel Aviv für die Zwei-Staaten-Lösung. Dabei wurde auch eine Grußbotschaft von Mahmoud Abbas verlesen. »Wir müssen endlich in Frieden, Harmonie, Sicherheit und Stabilität zusammenleben«, sagte der greise Palästinenserpräsident. Doch angesichts der uneindeutigen Haltung von Abbas gegenüber dem palästinensischen Terror will diesen Worten kaum jemand mehr Glauben schenken.

»Es ist an der Zeit, einen kalten, harten Blick auf die Realität zu werfen: Wir haben verloren«, so das Fazit des Psychologen und Publizisten Carlo Strenger. Die Tatsache, dass sich Israels Linke über Jahrzehnte durch ihr Bekenntnis zur Zwei-Staaten-Lösung definiert hat und es nicht vermochte, eine Alternative zu entwickeln, ist zugleich Ursache für ihre politische Schwäche heute. Der suizidale Terror der Zweiten Intifada und der Raketenbeschuss aus dem Gaza-Streifen haben die Israelis zu sehr traumatisiert.

»Israelis haben seitdem geradezu eine Allergie gegenüber dem Wort ›Frieden‹entwickelt«, so Strenger. Ein Rückzug auf die Grenzen vor dem Sechstagekrieg ist deshalb für die absolute Mehrheit der Israelis eine Horrorvorstellung, vor allem angesichts der Stärke des politischen Islam.

Denn 1967 markiert gleichfalls den Einzug des Sakralen in die Politik von Israels arabischen Nachbarn – wenn auch in einer anderen, unvergleichlich radikaleren, weil eliminatorisch ausgerichteten Variante. Zwar hatte es Islamismus, Jihadismus und Terrorismus bereits vorher gegeben, aber die Niederlage der arabischen Armeen im Sechstagekrieg bedeutete das schlagartige Ende der Dominanz von eher säkularen Ideologien wie dem Panarabismus und dem Sozialismus Nasser’scher Prägung. An deren Stelle trat fortan die Religion. »Wirklich jeder einzelne Islamist, den ich bis heute interviewen konnte, erklärte mir, dass für ihn das Jahr 1967 einen Wendepunkt darstellte«, schreibt Professor Fawaz Gerges, Autor des Buches »The Far Enemy: Why Jihad Went Global«. »Für sie war der Ausgang des Sechstagekrieges ein brutales Erwachen, das die Erkenntnis mit sich brachte, dass die sozialistischen Politiker der arabischen Welt sie alle betrogen hätten.«

Parallel zu der Rückbesinnung auf den Islam entstand sukzessive eine neue Dynamik. Ihr Markenzeichen: die Selbstmordattentate. Und das Territorium Israels sollte so etwas wie das Versuchslabor für den bald weltweit agierenden Jihadismus werden. Dabei waren die Anfänge alles andere als islamischer Natur. In den siebziger Jahren begannen die säkular und in der typischen Pose einer Dritte-Welt-Befreiungsorganisation auftretende PLO sowie ihre oftmals sich marxistisch gerierenden Rivalen, bewaffnete Gruppen in Marsch zu setzen, wohl wissend, dass kaum einer der Beteiligten lebend zurückkehren würde. Von der Teilnahme an solchen Himmelfahrtskommandos zum reinen Selbstmordanschlag war es also nur ein kleiner Schritt. Aus dem Guerillakämpfern für die Befreiung Palästinas wurden bald Märtyrer im Namen Allahs und aus den Nationalisten oder arabischen Sozialisten plötzlich Islamisten. Auch die schiitische Hizbollah bombte mit ihren Selbstmordattentätern zuerst die Amerikaner und Franzosen, dann die Israelis aus dem Libanon. Ihre Aktionen wurden so etwas wie die Blaupause für das, was heute im Bagdad, Berlin und Manchester geschieht.