Krauts und Rüben – der letzte linke Kleingärtner, Teil 22

Widerliche Krähen

Krauts und Rüben – der letzte linke Kleingärtner, Teil 22

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»Diese Kolumne wird Ihnen präsentiert von ›Amerikanischer Brauner‹ und ›Rucola‹.« Erst mal einen leckeren Salat aus meinem Kleingarten der Vielfalt gegessen, dann diese Kolumne geschrieben. Rucola ist eine Salatsorte, die in den vergangenen Jahren schwer in Mode gekommen ist. Ihr Vorteil besteht darin, dass sie auf fast jedem Boden wächst und meist zackig kurz nach dem Säen aufgeht. Die Art und Weise ihres Wachstums erinnert fast schon an den preußisch-militärischen Stechschritt. Aber man kann nicht klagen. Der Geschmack entschädigt für die irritierende Zackigkeit.

Wo Licht ist, gibt es natürlich auch Schatten. So schnell Rucola auch Blattwerk zum Essen erzeugt, so schnell ist es mit ihrer Herrlichkeit vorbei: Sie wächst ratzfatz aus. Ende Gelände. Die Salatsorte »Amerikanischer Brauner« ist vom Namen her sicherlich gewöhnungsbedürftig. Es handelt sich um einen Pflücksalat, der im Gegensatz zu Rucola nicht so schnell auswächst und stattdessen über ­Wochen hinweg eine enorme Menge an Blattwerk erzeugt. Ich pflücke jede Pflanze bis auf ihr Herz ab. Das muss stehen bleiben, weil es dafür sorgt, dass nach ein- bis eineinhalb Wochen schon wieder üppiges Blattwerk auf den Kleingärtner wartet. Er gehört in die aus Lifestyle-Magazinen bekannte Kategorie der »knackigen, frischen Salate«. Das sind die Salatsorten, die gesundheitsbewusste Metro­polenbewohner ohne Bezug zum Land oder gar zur Arbeiterklasse – die es zwar nicht mehr gibt, was sich aber jetzt gerade gut anhört – bevorzugt goutieren, bevor und nachdem sie aus dem Fitnessstudio kommen.

Und was für diese Schickimickis gut ist und auf deren Teller kommt, ist mir recht. Denn insgeheim träumt doch jeder Kleingärtner davon, so zu sein, wie »die da« in der Stadt. Der Name dieser Sorte, die seit Jahren mein Lieblingssalat ist, bezieht sich auf die rotbraune Färbung des üppigen Blattwerks. Wer an­dere Assoziationen hat, kann auch glücklich werden auf Erden, liegt aber daneben.

Über die bewegenden Gefühlsausbrüche der Gewinner beim Fotowettbewerb um den »schönsten Kleingarten« beim Öffnen ihrer Geschenke zu berichten, verbietet die kleingärtnerische Diskretion. Allein, dass die Jury des Wettbewerbes – also ich – sowie die Junge World-Redaktion darum wissen, reicht. Solche Gefühlsausbrüche bleiben der Privatsphäre vorbehalten und werden nicht öffentlich breitgetreten.

Die meistgestellte Frage zu dieser Kolumne: Was machen die Hühner? Ach, wie sentimental. Natürlich können nur Städter und Städterinnen das fragen. Dort, wo die Menschen ob ihres kärglichen Metropolendaseins strukturell völlig entfremdet sind von der pflanzlichen und tierischen Nahrungsproduktion, nur dort entsteht solche Anteilnahme. Nur dort? Oder doch etwa auch im ländlichen Raum? Die Angleichung der Lebensverhältnisse ist ja beileibe nicht allein eine materielle Frage. Herrje. So schön es ist, durch Denken zu neuen Ufern zu kommen, so lästig ist es im Einzelfall. Und manche Ufer sind zwar neu, aber sehr steil und glitschig, weshalb man immer wieder abrutscht. Das bringt einen nicht weiter. Also verharrt man im Althergebrachten.

Deshalb in aller Kürze: Ja, die fünf Hühner gibt es, sie arbeiten tagsüber im Zweischichtbetrieb. Dreischichtbetrieb habe ich noch nicht hinbekommen, da sie nachts schlafen, besser gesagt auf der Stange im Hühnerstall sitzen und sich morgens freuen, wenn ich ihnen Futter bringe und sie rauslasse. Arbeiten meint, dass sie Eier legen, den Boden im Garten freischarren, Schnecken fressen – was jedem Kleingärtner Freude bereitet – sowie ab und an den Boden düngen. Ich glaube, Dreischichtbetrieb ohne Personalwechsel wäre ein Fall für die Hühnergewerkschaft. Und mit der möchte ich nichts zu tun haben. Bei allem Arbeitsethos und dem stetigen Zweischichtbetrieb der Hühner, sensibel sind die Tierchen. Ich musste einen Futterwechsel vornehmen, weil ihr Lieblingsfutter kurz­fristig nicht lieferbar war. Wums, Eierstreik nach zwei Tagen – aber für zwei Wochen.

Und dann legten sie wieder Eier. Aber komischerweise konnte ich abends nur ein bis zwei oder auch mal keins einsammeln. Wie das? Fressen die ihre eigenen Eier? Nicht ganz: Krähen fliegen ins Gehege, das etwas abseits des Hauses steht, laufen in den Unterstand, kommen mit dem Hühnerei im Schnabel heraus und fliegen davon. Drecksvieh. Diese widerlichen schwarzen Vögel – puh, was sind die hässlich – darf man noch nicht mal schießen oder ihnen mit dem Luftgewehr die Grenzen aufzeigen. Sie stehen unter Naturschutz. Das haben die Ökos und ihre Lobbyisten hinbekommen. Gut, ich bin auch irgendwie ein bisschen öko, aber nur ein bisschen. Man darf es schließlich nicht übertreiben. Immer nur ein bisschen und sich nicht so stark festlegen, das sind die besten ­Voraussetzungen, um sich durchs Leben zu langweilen und bei einer NGO oder Partei unterzukommen.

In diesem Sinne, haltet Euch Wacker und nicht vergessen: »Diese Kolumne wurde Ihnen präsentiert von ›Amerikanischer Brauner‹ und ›Rucola‹.« Guten Appetit. Der Kampf geht weiter. Im Garten.