Die Jubiläumsfeierlichkeiten zum »D-Day« in der Normandie

Wo auch deutsche Flaggen wehen

Bei den Jubiläumsfeierlichkeiten zum »D-Day« in der Normandie sind längst auch deutsche Politiker und Soldaten anwesend. Die Bekämpfung des Nationalsozialismus droht in dieser Form der Erinnerungspolitik in Vergessenheit zu geraten.
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Das Cover des Programmheftes sieht aus wie das eines beliebigen Stadtfestes. Zu sehen ist ein kleiner Junge, auf seinem Kopf eine lederne Fliegermütze, um den Hals ein zu großer Schal, wahrscheinlich von Papa, der Himmel ist erleuchtet von Feuerwerk. Lediglich der abgebildete Bomber der britischen Streitkräfte weist darauf hin, dass es um das diesjährige »D-Day-Festival« in der Normandie geht. Das im Heft beschriebene Rahmenprogramm zu den traditionellen Gedenkveranstaltungen und Kranzniederlegungen ist sehr familientauglich. Wer möchte, kann in den Tagen um das historische Datum unter anderem der nachgestellten Landung eines US-amerikanischen Truppentransporters beiwohnen, sich bei »Utah Beach« an einem Tandemfallschirmsprung versuchen, Rekon­struktionen deutscher und US-amerikanischer Camps besuchen und Militärfahrzeuge der Alliierten bestaunen – in Originalgröße oder in Miniaturausführung im Rahmen einer Modellbauausstellung.

Man kann im Rückspiegel schon mal die Stoßstange eines alten Truppentransporters erblicken, auf dessen Kühlerhaube die Worte »Hitler, here we come« zu lesen sind.

Die Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg ist ohne Frage immer noch wichtig in der Normandie. Angesichts des Kriegsverlaufs ist das nicht verwunderlich. Mit der Landung der Aliierten in der Normandie begann am 6. Juni 1944 das Ende der Naziherrschaft in Westeuropa. Deutschland hat zu diesem Zeitpunkt zwar bereits im Osten den Krieg verloren, doch der Vorstoß in Frankreich verkürzte das Morden der Deutschen entscheidend und verschaffte nicht zuletzt der Sowjetunion eine Entlastung. Beteiligt waren neben britischen und US-amerikanischen Truppen Soldaten aus Polen, Frankreich, Kanada und Neuseeland. Etwa 130 000 meist sehr junge Männer mussten sich an jenem Tag die Landung an der gut befestigten Steilküste bitter erkämpfen. Die genauen Opferzahlen auf Seiten der Alliierten sind schwer zu bestimmen. Historiker gehen von ungefähr 3 000 Toten allein am ersten Tag der Landung aus. Der Weg bis zur Befreiung von Paris im August 1944 sollte weitere 50 000 alliierte Soldaten das Leben kosten. Allein in der Normandie starben im Zuge der Kampfhandlungen zudem 20 000 Zivilisten, häufig im Hagel der Bomben und Granaten, aber auch durch die Hand der Deutschen, die noch während ihres Rückzugs aus Frankreich zahlreiche Verbrechen verübten. In Oradour-sur-Glane etwa machten SS-Einheiten als »Vergeltungsaktion« mehr als 600 Einwohner nieder.

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Es gibt kaum einen Ort in der Gegend ohne Museum, Denkmal oder Soldatenfriedhof. Und es gibt kaum einen Abschnitt des damals umkämpften Küstenstreifens, der von den Überresten der deutschen Bunkeranlagen des sogenannten Atlantikwalls gezeichnet ist. Zum diesjährigen 6. Juni, dem 73. Jahrestag der Landung, präsentieren sich Dörfer und Städte in den Farben der an der Landung beteiligten Alliierten des Zweiten Weltkriegs. An Privathäusern, in den Innenstädten und Rathäusern wehen neben vielen anderen die Fahnen der USA, Großbritanniens, Kanadas, Polens und selbstverständlich jene Frankreichs. Daneben ist auch die Flagge der EU zu sehen.

Mittlerweile soll an alle Beteiligten des Krieges erinnert werden. Auf dem zentralen Friedhof der amerikanischen Truppen sind auch Soldaten der Bundeswehr anzutreffen.

Mit dem Auto geht es nach Arromanches-les-Bains, dort sollen die zentralen Feierlichkeiten der Briten stattfinden. Auch hier sind die Häuser mit Wimpeln und Fahnen geschmückt. Ein Geschäft, in dem Crèpes verkauft werden, zeigt ein Bild zweier Veteranen in Uniform, einer hat ein Kind auf dem Arm, daneben stehen die Worte »Thank you«. Eine Bar lädt ab elf Uhr vormittags zum »D-Day Celebration Pub« – wie es sich angesichts der hauptsächlich britischen Gäste des Ortes gehört. Auf dem zentralen Platz vor dem örtlichen »D-Day-Museum« sammeln sich trotz Regens inzwischen die Teilnehmer der Gedenkveranstaltung, offizielle Angehörige des Militärs, ebenso einige noch lebende Veteranen des Zweiten Weltkriegs. Die Teilnehmer der Veranstaltung sind vor allem Briten hier am »Gold Beach«. Der Strand­abschnitt wurde 1944 maßgeblich von britischen Truppen befreit. Viele der Versammelten kämen regelmäßig in die Normandie, erzählt ein Zuschauer. »Dieses Jahr ist nicht viel los. Vor drei Jahren, zum 70. Jahrestag, war das anders. Und in zwei Jahren zum nächsten Jubiläum wird es wieder so sein.« Auch er werde dann wiederkommen.

Eine Gruppe schottischer Soldaten zieht vorbei, angeführt von einer Kapelle Dudelsackspieler. Beinahe häufiger als tatsächliche Soldaten sieht man hier Menschen in Militärkleidung des Zweiten Weltkriegs. Einer von ihnen, in der Uniform eines US-amerikanischen Sanitäters, stellt sich als Jeff vor. Nicht ohne Stolz präsentiert der junge Mann aus dem benachbarten Caen Medikamente und Verbandszeug: »Alles Originale.« Er selbst habe drei Jahre in der französischen Armee als Sanitäter gedient. Zu den Veranstaltungen komme er, »seit er denken kann«. Warum er in diesem Jahr hier ist? »Selbstverständlich um die Befreier zu ehren.« Es sind in der Regel Franzosen, Frauen wie Männer, die sich zu diesem Anlass die Uniformen US-amerikanischer und britischer Soldaten anziehen. Manche wohnen den Feierlichkeiten bei und mischen sich unter das Publikum, andere fahren in Militärfahrzeugen vor. Wer kein eigenes besitzt, kann im Ort ein Gefährt mieten. Vom Jeep bis zum Schützenpanzer ist alles dabei, alles originalgetreu. Und so kann es passieren, dass man auf der Straße im Rückspiegel die Stoßstange eines alten Truppentransporters erblickt, auf dessen Kühlerhaube die Worte »Hitler, here we come« zu lesen sind.

Mitunter fällt es schwer, vor lauter Folklore und Militärbegeisterung die historischen Hintergründe nicht aus dem Blick zu verlieren, die Opfer, die der Kampf gegen die Deutschen gefordert hat, und jene Facetten des Gedenkens, die sich nicht sofort aufdrängen. So finden sich entlang der weitläufigen Steilküste immer wieder Kränze und Fotos, die abseits des offiziellen Geschehens abgelegt wurden. Überall finden sich zudem kleine Holzkreuze, auf denen die Namen von Verstorbenen zu lesen sind. Sie erinnern manchmal an Freunde und Verwandte, aber häufig auch an jene, die den D-Day nicht überlebt haben und nun auf einem der zahlreichen Militärfriedhöfe begraben sind. Auf dem größten von ihnen, dem Cimetière américain de Colleville-sur-Mer, liegen mehr als 9 000 Gefallene der US-amerikanischen Streitkräfte. Beinahe endlos reihen sich hier gleichförmige weiße Kreuze aneinander. Umso mehr stechen jene Gräber heraus, die statt eines Kreuzes mit einem Davidstern gekennzeichnet sind. 149 jüdische Soldaten starben nach offiziellen Angaben bei der Landung in der Normandie im Kampf gegen die Deutschen. Sie und der Vernichtungsantisemitismus spielen, ebenso wie die gesamte Ideologie des Nationalsozialismus, weder in den vorgetragenen Reden noch in den Inschriften an den zahlreichen Gedenkorten eine Rolle.

Auch in der dem Friedhof angegliederten Informationsstätte der American Battle Monuments Commission sucht man vergebens nach erläuternden Hinweisen. Im Vordergrund stehen alle US-amerikanischen Opfer und der Heldenmut der G.I.s. In diesem Sinne werden auch jene Veteranen begrüßt, die an diesem Tag den Weg in die Normandie gefunden haben. Wo sie auftauchen, werden sie fotografiert und gefilmt. Händeschütteln ist angesagt, zwei junge Mädchen, gekleidet im Stil der dreißiger Jahre, gehen mit Autogrammheften auf die Jagd nach Unterschriften der alten Männer, von denen viele im Rollstuhl sitzen. »Die Veteranen sind inzwischen in hohem Alter, viele von ihnen haben keine Verwandten und können den Weg in die Normandie aus eigener Kraft nicht zurücklegen, weder gesundheitlich noch finanziell«, sagt ein Mitarbeiter der britischen Organisation »The Veterans Charity«. Sie kümmert sich um die Belange ehemaliger britischer Soldaten. An diesem Tag hat sie im Foyer des »Overlord Museum« bei »Omaha Beach« einen Tisch aufgebaut. Die britische »Taxi Charity for Military Veterans«, so erzählt der Mann, habe eine Taxifahrt für 90 Veteranen organisiert, denn für viele sei es wichtig, an diesen Ort zurückzukehren.

An Besuchern aus Deutschland scheint sich niemand zu stören. Es gibt einige. Auf einem Parkplatz hält sich eine Familie aus dem nordrhein-westfälischen Grevenbroich auf. Sie ist mit ihrem Armee-Jeep angereist, »nicht zur Kriegsverherrlichung, sondern um für den Frieden zu demonstrieren«, wie die Mutter feststellt. Auch deutsche Politiker nehmen an den Festlichkeiten teil, ohne dass dies noch eine Kontroverse auslösen würde. Das war nicht immer so. 1984 wurde dem damaligen Bundeskanzler Helmut Kohl die Teilnahme offiziell verwehrt. Weitere 20 Jahre vergingen, bis der damalige Bundeskanzler Gerhard Schröder in der Normandie den Handschlag mit Präsident Jaques Chirac zelebrieren durfte, damals auch im Zeichen der deutsch-französischen Einigkeit gegen die USA und den Irak-Krieg. Nochmals zehn Jahre später, im Jahr 2014, verlor keine Seite mehr ein Wort über den Besuch Angela Merkels.

Passend dazu weht am zentralen »Caen Military Museum« neben den Flaggen der Alliierten auch jene der BRD. Mittlerweile soll an alle Beteiligten des Kriegs erinnert werden. Auf dem zentralen Friedhof der US-amerikanischen Truppen sind neben US-Amerikanern, Spaniern und Franzosen auch uniformierte Soldaten der Bundeswehr anzutreffen. Das sei »Teil der historisch-politischen Bildung«, sagt einer von ihnen. Die Truppe ist mit 17 Mann aus München angereist. Es seien aber noch viel mehr von ihnen hierher unterwegs, um den Veranstaltungen beizuwohnen, sagen sie. Nach der offiziellen Zeremonie und die Kranzniederlegung auf dem deutschen Soldatenfriedhof im nahegelegenen La Cambe, versteht sich.