Das Buch »Finis Germania«, die Neue Rechte und »Der Spiegel«

Der klassische Pappkamerad

Notizen aus Neuschwabenland, Teil 21: Die Affäre um »Finis Germania«
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Vor kurzem noch war es etwas ruhiger in der neurechten Ecke. Die Empörungspotentiale schienen ausgeschöpft und die Umfragewerte der AfD stagnierten auf relativ niedrigem Niveau. Doch dann verhalf der Kulturbetrieb einem wichtigen Ideologielieferanten des Milieus zu einer veritablen Werbekampagne. Ein Titel aus dem Programm von Götz Kubitscheks Verlag Antaios kletterte auf den ersten Platz der Verkaufsliste von Amazon.
Es begann damit, dass der Titel »Finis Germania« aus dem Nachlass des kürzlich verstorbenen Historikers Rolf Peter Sieferle auf einer gemeinsamen Empfehlungsliste des NDR und der Süddeutschen Zeitung auftauchte. Einer der Juroren, der Spiegel-Redakteur Johannes Saltzwedel, hatte das Buch mit einem Trick bei der Bewertung im Alleingang auf die Liste geschleust. Saltzwedel sorgte so für den Höhenflug eines Buches, das mit der Gleichsetzung von »Antigermanismus« und Antisemitismus eine zentrale Argumentationsfigur des Antisemiten Wilhelm Marr wiederbelebt. Der Jungle World- und Taz-Autor Andreas Speit wurde auf den Vorgang aufmerksam und bemängelte in der Taz das Auswahlverfahren. Die FAZ, die Sieferles rechte Ansichten zuvor schon scharf kritisiert hatte, griff den Fall auf, weitere Medien folgten. Die anderen Juroren protestierten öffentlich gegen die Buchempfehlung. Schließlich wurde die Liste vorerst zurückgezogen.

Allerdings verhalf der Skandal dem Buch zu größter Aufmerksamkeit. Der neurechte Verleger Kubitschek bedankte sich sarkastisch bei seinen Kritikern, die seinem Verlag ungeahnte Publicity gegeben hätten. Dem Journalisten Speit dankte er hämisch für seinen Einsatz als unbezahlter Mitarbeiter. Eine etwas eigene Sicht, denn erst die FAZ hatte für die große Aufmerksamkeit gesorgt, Spiegel-Redakteur Saltzwedel hatte den Skandal verursacht. Speit hat das Richtige getan, als er den Blick auf den wenig transparenten Vorgang der Nominierung lenkte.

Neu ist an »Finis Germania« selbst indessen nichts. Sieferles Hauptthese spielt dieselbe Leier vom Souveränitätsverlust durch »Vergangenheitsbewältigung«, die bereits der neurechte Gründer­vater Armin Mohler ventilierte. Zudem verbreitet Sieferle im Buch die Behauptung, die deutsche Flüchtlingspolitik sei durch ­Auschwitz motiviert. Für das Handeln der Bundesregierung in der sogenannten Flüchtlingskrise spielte die Shoah jedoch gar keine Rolle. So kämpft Sieferle in seinem Buch gegen seine eigene Behauptung – ein klassischer Pappkamerad.

Sieferle ist allerdings kein plumper Holocaustleugner. Der Neuen Rechten geht es nicht um die historische Realität von Auschwitz, sondern um die Deutungshoheit. Zwar war bei Kubitscheks politischem Lehrer Armin Mohler die Diskussion über Auschwitz selbst der nächste Schritt, wie sein Engagement für den US-amerikanischen Holocaustleugner und »Gaskammergutachter« Fred Leuchter zeigte, aber eben nicht das erste Argument. Die Rede über die Shoah interessiert diese Kreise nur als Vehikel für historische Relativierung und Instrumentalisierung. Als vor wenigen Jahren ein ehemaliger politischer Weggefährte Kubitschek aufforderte, sich endlich klar zur historischen Tatsache der Judenvernichtung zu ­positionieren, verweigerte dieser die Diskussion.

Allerdings zeigt die begründungslose, geradezu mechanische Bestückung der Empfehlungsliste auch, wie sinnentleert der Kulturbetrieb funktioniert. So profitiert der Verlag zurzeit von einem Vorgehen, das die Neue Rechte stets dem liberalen Kulturestablishment unterstellt: In einem undurchsichtigen Verfahren wird eine ausschließlich politisch motivierte Entscheidung getroffen und ­damit der ideologische Wettbewerb verzerrt. In Kubitscheks Kreisen wird so etwas gewöhnlich verschwörungstheoretisch interpretiert und nicht als struktureller Fehler des kultur­industriellen Verfahrens. Das zeigt, wie begrenzt die rechte Gegenwartsanalyse ist. Vor allem wäre es angesichts des winzigen Zita­tionskartells dieses ­Milieus albern, ausgerechnet dort das Gegenmodell zu suchen. Dessen Klientelismus unterbietet die Mängel des Kulturbetriebs noch. So ist das leuchtende Vorbild lebendiger Literaturkritik für Kubitschek ausgerechnet die eigene Gattin Ellen Kositza.

Die Affäre um Sieferle ist aus einem anderen Grund interessant: Eine ganze Reihe von Vertretern einer Autorengeneration, die ­während der goldenen Zeiten des Printjournalismus bequem im liberalen Mainstream schwamm, vollzieht im Alter eine Wende. Matthias Matussek hat vorgemacht, wie man kurz vor dem Ruhestand noch ein bisschen den Rebellen von rechts in einer Welt ­geben kann, die man selbst schuf. Wurden diese Autoren jahrelang gezwungen, gegen die eigenen Überzeugungen zu schreiben? Wie hat es Saltzwedel so lange Zeit ausgehalten, beim Spiegel hochbezahlt sein Gewissen zu quälen? Wäre er nicht mit dem wesentlich kargeren Gehalt der Jungen Freiheit glücklicher gewesen? Vielleicht ist er nun so konsequent, es herauszufinden.