Kiffen ist vernünftig

Subversive Entspannung

Obwohl offenkundig vernünftig, kommt die Legalisierung von Cannabisprodukten kaum voran. Warum eigentlich?

Kommentar Von Jörn Schulz
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Das Wachstum ist immens. Um 30 Prozent steigerte sich nach ­Angaben von Arcview Market Research der legale Umsatz von Cannabisprodukten in den USA im vergangenen Jahr. Bereits in den Vorjahren legte die junge Branche ähnlich rasant zu und auch für die kommenden Jahre werden Wachstumsraten von 25 Prozent prognostiziert. Ohne dass staatliche Investitionen getätigt oder Subventionen ausgezahlt werden müssen, erblüht ein neuer Wirtschaftszweig. Florierende bäuerliche Betriebe fördern das Wachstum von Zulieferunternehmen, Arbeitsplätze werden geschaffen, die Steuereinnahmen steigen.

Die meisten Kifferinnen und Kiffer unserer Zeit wollen ihr Genussmittel zu einem angemessenen Preis beziehen, ohne sich den Unbequemlichkeiten und Risiken des illegalen Erwerbs aussetzen zu müssen. Sie wollen nicht mit Beimischungen von Lakritze oder Salbei übers Ohr gehauen werden, wünschen sich wieder etwas mehr Sortenvielfalt, aber auch die Sicherheit, nicht die Hizbollah oder die Taliban zu finanzieren, falls doch einmal wieder roter Libanese oder schwarzer Afghane auf dem Markt sind. Ist doch wirklich nicht zuviel verlangt in der Ära des Freihandels, zumal die ­Legalisierung auch noch Polizei und Justiz entlastet und in der Gesundheitsversorgung geringere Kosten anfallen, da Cannabis­produkte oft als Ersatz für gefährlichere Substanzen konsumiert werden, von Ex-Junkies, aber auch von Menschen mit posttrauma­tischen Belastungsstörungen, denen ansonsten Psychopharmaka verabreicht würden.

Die Frage ist daher nicht, warum nun einige US-Bundesstaaten und lateinamerikanische Länder Cannabis gänzlich oder teilweise legalisieren, sondern warum es sonst niemand tut. Nur wer Menschen wie Cem Özdemir für gefährliche Rebellen hält, kann heute noch glauben, Kiffen sei das Merkmal einer radikalen Gegenkultur. Es gibt mittlerweile Legalisierungsbefürworter in fast jeder politischen Richtung. Wenn US-Präsident Donald Trump bei der Parole »Buy American« nicht immer nur an rauchende Schornsteine, sondern auch einmal an rauchende Menschen denken würde, könnte er die Einnahmen der mexikanischen Kartelle mindern. Jene Politiker mehr oder weniger linker Parteien, die in der Wirtschafts-und Sozialpolitik nichts zustande bringen, könnten dies durch die Legalisierung von Cannabis kompensieren.
Noch aber liegt der Sieg der Vernunft in weiter Ferne. Blockiert das Bündnis der puritanischen Politiker mit ihren kampftrinkenden und pillenschluckenden Kollegen den Fortschritt? Ressentiments spielen wohl noch immer ein wichtige Rolle, hingegen will ja niemand diesen Leuten ihre Nüchternheit, ihre Schnäpse und little helpers nehmen. Vor allem aber geht es wohl darum, den staatlichen Kontrollanspruch durchzusetzen, gerade weil die Forderung nach Gehorsam irrational ist, und die Menschen auf Leistungssteigerung zu trimmen, gerade weil sie immer überflüssiger werden. Ritalin für Kinder ja, Cannabis für Erwachsene nein – in der Ideologie der Selbstoptimierung, der schon Ausschlafen als unentschuldbarer Müßiggang gilt, hat das eine gewisse Konsequenz. Cannabis kann helfen, die Zumutungen des Kapitalismus zu ertragen, motivert aber nicht dazu, sich in dem sinn- und gedankenlosen Treiben allzu eifrig zu engagieren.
Um subversiv zu sein, musste man früher etwas mehr tun, als sich nach Feierabend bei einem Joint zu entspannen. Wenn es aber dem Selbstoptimierungswahn als sündhaft gilt, dem althergerbrachten Brauch des Feierabends zu huldigen, kann im Kapitalismus des 21. Jahrhunderts ein »Hier liege ich, ich kann nicht anders« schon als bedrohliche Dissidenz gelten.