Das Festival »Heroines of Sound«

Avanciertes Beieinander

Beim Festival »Heroines of Sound« trafen zum vierten Mal Pionierinnen elektronischer Musik auf jüngere Künstlerinnen.

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Eine Geige erklingt, ohne dass ein Mensch sich rührt. Kleine motorisierte Ärmchen prallen auf die Saiten der Violine, dann des Cellos, rotieren im offenen Flügel, zupfen die Gitarre. Die Instrumentalisten setzen ein, spielen unabhängig von den Motoren auf denselben, scheinbar selbständig gewordenen Instrumenten; jemand steuert die mechanischen Ärmchen. Es ist das Ensemble Mosaik, das »Zucker« spielt, eine zarte Komposition der jungen Komponistin Lisa Streich, im Rahmen des Festivals »Heroines of Sound«, das vom 7. bis 9. Juli im Radialsystem V am Berliner Spreeufer stattfand.

In den sechziger Jahren gab es unter den polnischen Komponisten keine Frauen. Heutzutage ist die E-Musik in Polen stark durch Komponistinnen geprägt.

Zum vierten Mal schuf das Festival »Heroines of Sound« eine Plattform für Komponistinnen und Performerinnen von elektronischen Klängen. Seit 2014 sind in Berlin, Aarhus, Den Haag und Istanbul über 80 Künstlerinnen aus 20 Ländern aufgetreten. Es geht darum, Pionierinnen der elektronischen Musik wiederzuentdecken, ihre Werke neu zu beleben und sie denen jüngerer Künstlerinnen gegenüberzustellen. 16 internationale Musikerinnen präsentierten neue und alte Werke, einige Dutzend mehr waren im Rahmenprogramm aus ­Podiumsdiskussionen, Videoinstallationen und Porträtfilmen zu sehen.

Die musikalischen Darbietungen reichten von Konzerten bis zu Performances, von elektroakustischer Komposition bis zu dem, was Bettina Wackernagel in der Moderation vorsichtig als »avancierte Pop-Elektronik« beschrieb. Gemeinsam mit Mo Loschelder und Sabine Sanio hat sie das Progamm gestaltet. Erstmals wurden auch zwei Auftragswerke präsentiert: Die österreichische Produzentin Electric Indigo widmete sich in ihrem Achtkanal-Lautsprecher-Stück dem belgischen Gemmologen Marcel Tolkowsky und seinem Diamantenschliff, ihre Wiener Kollegin Iris ter Schiphorst ließ in »Sometimes II« Samples aus Lars von Triers Film »Breaking the Waves« mit den Klängen eines klassischen Ensembles verschmelzen.

Den Schwerpunkt des Festivals bildete in diesem Jahr elektronische Musik von Künstlerinnen aus Polen. Im Mittelpunkt stand Elżbieta Sikora, die als erste polnische Komponistin akusmatischer Musik gilt. Sie wurde 1943 geboren und absolvierte in den sechziger Jahren in Warschau eine Ausbildung zur Tontechnikerin. Später studierte sie unter anderem elek­tronische Musik in Paris, bei François Bayle und Pierre Schaeffer. Schaeffer begründete die Musique concrète und komponierte unter anderem mit geloopten und anderweitig mani­pulierten Alltagsgeräuschen; Bayle prägte den Begriff akusmatische ­Musik, um Stücke zu beschreiben, in denen die Quelle der Klangerzeugung nicht identifizierbar ist und die nur über elektronische Aufzeichnung und deren Wiedergabe spielbar sind. Sikora lebt seit 1981 in Frankreich und zählt dort zu den wichtigsten Komponistinnen ihres Gebiets. In Deutschland ist sie kaum bekannt. Als Hommage auf ihr mehr als 30 große Werke umfassendes Œuvre erklangen am Freitagabend drei ihrer Stücke, darunter »Flashback, hommage à Pierre Schaeffer«, das aus Fragmenten ihrer Tonbandkomposition »Prénom« von 1969 besteht. Man glaubt, Streicher und menschliche Stimmen zu erkennen, und weiß dann doch nicht recht, wo der Ton seinen akustischen Ursprung hatte.

Was es für sie bedeute, als Komponistin in einer Männerdomäne zu arbeiten, wurde Sikora gefragt, die einen pinken Blazer trug. »Ich habe mich selbst nie gefragt, ob es wichtig ist, Mädchen oder Junge, Mann oder Frau zu sein. Als ich Kind war, im kommunistischen System, tauchte diese Frage nicht wirklich auf.« Produktionspläne mussten erfüllt, die polnische Frau auf den Traktor gesetzt werden. »Ich muss zugeben, damals habe ich beschlossen, die Frage zu ignorieren. Es ist nicht wichtig, ich bin eine Frau, ich bin Komponistin und das ist alles.« Mit dieser Einstellung trotzte sie den Widrigkeiten. In den sechziger Jahren gab es unter den polnischen Komponisten keine Frauen. Als eine der ersten begann sie in den Siebzigern in der Akademie in Warschau Stunden im Tonstudio zu beantragen. »Ich musste dann oft nachts arbeiten«, erzählt sie auf dem Panel, weil sie nur diese Zeiten ­zu­geteilt bekam. Heutzutage ist die ­E-Musik in Polen stark von Komponistinnen geprägt.

Auf dem Festival wurden auch verschiedene Stücke jüngerer polnischer Komponistinnen präsentiert, etwa Katarina Glowickas »Sun Spot« (2013) für Klavier, Video und Elektronik, das minimalistisch und mit langgestreckten Dynamikbögen zwischen Ambient und Klassik changiert. In Joanna Woznys »like little … sunderings« für Ensemble und Playback, ebenfalls gespielt vom Ensemble Mosaik, verschwimmen die feinen Texturen der einzelnen Instrumentalstimmen und mischen sich mit Schleifpapiergeräuschen und subtilen elektronischen Aufnahmen; so weich, dass kaum mehr differenzierbar ist, welche Klänge auf der Bühne entstehen und welche zum Playback gehören.

Für ihr Stück »Cantata Profana« hat Heidrun Schramm Künstlerinnen aus unterschiedlichen Ländern gebeten, ihr ein wichtiges Lied aus deren Kindheit vorzusingen, und so Versatzstücke verschiedener Musiktraditionen gesammelt. Mit Poesie und einem genauen Blick auf Ähnlichkeiten und Unterschiede hat sie die Aufnahmen verfremdet und zu einer flirrenden Komposition verdichtet.
»Heroines of Sound« ist ein Festival, das seinem Publikum einiges ab­verlangt. Die musikalische Bandbreite ist fordernd, die Besucherinnen und

Besucher müssen sich in schnellem Wechsel auf verschiedene Musik­formen einlassen können. Stücke werden aus ihrem Kontext gerissen: Was einst als Popsong oder Technotrack im Club gespielt wurde, wird hier auf die Konzertbühne geholt. Das erzeugt durchaus Spannung. Als die dänische Musikerin Heidi Mortenson den erdigen Synth-Pop ihres Albums »Tid« präsentiert, entsteht plötzlich so etwas wie Befangenheit. Eigentlich tanzt das Publikum zu dieser Musik, hier trifft sie auf konzentriert dasitzende Zuhörer. So ist es auch während des Auftritts von Hithertoo, deren Album »ttsb within« auf empirischen Studien zur Wahrnehmung und Wirkung von Klängen beruht. Hithertoo hat gezielt nach psychoakustischen Effekten gesucht, um emotionale wie physische Be­wegung auszulösen. Die Energie eines tiefen 4/4-Basses animiert hier nicht zum Tanzen, sondern lädt eher zur Versenkung ein.