Douglas Rushkoff, Medientheoretiker, legt Digital Natives ein analoges Leben nahe

»Wir nutzen die Arbeit als Ausrede, um ständig online zu sein«

Der US-amerikanische Medientheoretiker und Autor Douglas Rushkoff warnt vor Jeff Bezos und erinnert an die Hippiewurzeln digitaler Ethik.
Interview Von

Wie hoch stehen die Chancen, dass zukünftige Generationen uns rückblickend zu technisch inkompetenten Medienjunkies erklären?
Die Frage ist optimistisch gestellt – immerhin beinhaltet sie die Möglichkeit zukünftiger Generationen. Wenn unsere Nachfahren unser Social-Media-Verhalten und Techno­logie-Verständnis beurteilen, dann haben wir zumindest nicht die gesamte Zivilisation ausgerottet, also: Hurra!
Falls wir als Spezies überleben, dann werden wir gelernt haben, dass bestimmte Technologien uns desorientieren, manipulieren und von uns selbst entfernen. Vermutlich hätten sie Mitleid mit uns, da wir uns unserer Handlungsfähigkeit nicht bewusst waren und den Geräten und den Geschäftsplänen dahinter nachgegeben haben.

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Das klingt ein wenig nach einem Masterplan.
Ich weiß nicht, wie sehr sich die Schöpfer dieser Technologien und Konzerne im Klaren darüber sind, was sie tun. Gerade hat Jeff Bezos die Biosupermarktkette Whole Foods ­gekauft. Er wird das nicht für unethisch, sondern für effizient halten. In bestimmter Hinsicht ergibt es Sinn: Wir nutzen weniger Energie, wenn Amazons Drohnen uns Essen bringen, von dem wir nicht mal wussten, dass wir es wollten. Es wird algorithmisch perfekt sein. Diese grundlegende Bewusstseinskontrolle wird er womöglich für einen Akt der Erziehung halten.

»Wir nutzen weniger Energie, wenn Amazons Drohnen uns Essen bringen, von dem wir nicht mal wussten, dass wir es wollten. Es wird algorithmisch perfekt sein. Diese grundlegende Bewusstseinskontrolle wird Jeff Bezos womöglich für einen Akt der Erziehung halten.«

Werden unsere Kinder besser mit den Technologien umzugehen wissen?
Es ist nicht nur die Frage, ob sie die Technologien intelligenter einsetzen werden. Es geht vor allem darum, dass die Menschen, die die Geräte und Plattformen bereitstellen, ihren Geschäftssinn ändern. Wir müssen von einem rein auf Wachstum basierenden Geschäftsmodell wegkommen und nur noch Dinge benutzen, die uns wirklich unterstützen.

Sie sind Autor von Theorie-Bestsellern wie »Cyberia«, »Present Shock« oder »Throwing Rocks at the Google Bus«, waren früh Mitglied der Cyberpunk-Szene und sind eng mit der Open-Source-­Bewegung verbunden. Nun produzieren Sie den Podcast »Team Human«. Wer spielt im gegnerischen Team?
Es gibt kein gegnerisches Team. Man könnte vielleicht sagen »Team Maschine« oder »Team Kapitalismus«. Es gibt im Silicon Valley genügend Leute in hochrangigen Positionen, die behaupten, der Mensch sei das Pro­blem. Für sie ist alles ein Verbraucherfehler. Ich glaube nicht, dass Menschen das Problem sind, sondern die Lösung. Die wirren Seltsamkeiten, die Widersprüche, sind die Essenz der menschlichen Erfahrung. Dem­gegenüber stehen ein Kapitalismus, der den Menschen nur als Ressource ansieht, und eine digitale Kultur, die den Menschen als bespielbares Medium begreift. Das Smartphone spielt uns. Prallen diese zwei Kräfte aufeinander – durch Figuren wie Jeff Bezos oder Mark Zuckerberg – entstehen gigantische Plattformen, die in unserem Leben allgegenwärtig sind, ­deren Inhaber uns aber für fehlerhaft halten. Das verlangt nach einer Antwort. Ich glaube, dass dem Menschen in der Zukunft der Zivilisation eine Rolle zukommt. Wir werden die Fackel nicht an die Computer weiterreichen müssen.

Wie reagieren ihre Kolleginnen und Kollegen, die zu künstlicher Intelligenz forschen, auf solche Ansichten?
Ich höre oft, ich hätte diese Meinung nur, weil ich ein Mensch bin (lacht). Als sei das eine Form von Hybris oder Ego. Okay, dann bin ich im »Team Human«, nennt mich so, macht mir den Vorwurf. Ich mache diesen kleinen Podcast als menschliche Intervention – es geht darum, die richtigen Entscheidungen zu treffen. Nicht basierend darauf, ob es uns Geld bringt oder einen Prozess optimiert. Es geht darum, ob es uns mehr oder weniger menschlich macht. Es erschien mir am einfachsten, für diese Ideen einen Podcast ins Leben zu ­rufen. So kann mir niemand vorschreiben, was ich zu tun habe – solange es mir egal ist, dass ich kein Geld damit verdiene.

Ihre Bücher zeichnen häufig ein düsteres Bild unserer Zeit, sind aber immer von einem optimistischen Menschenbild bestimmt. In einer Folge des Podcasts sprechen Sie vom Gefühl, sich als Mensch und Amerikaner auf einem sinkenden Schiff zu befinden. Ist das schon »Apocalypto«, wie Sie ähnliche Geisteshaltungen in »Present Shock« genannt haben?
Mit »Apocalypto« bezog ich mich eher auf die Sehnsucht nach einem Abschluss. Das Gefühl, sich auf einem sinkenden Schiff zu befinden, war hingegen der Frage geschuldet, ob wir es wirklich irreversibel vermasselt haben. Ist es das gewesen? Wo wir doch wissen, dass in 40 Jahren die Humusschicht der Erde verschwunden sein wird – es sei denn, wir erfinden etwas wirklich Verrücktes. Lange war nicht klar, selbst den Bauern nicht, dass der Humus eine Matrix ist und lebt. Man dachte, die Bäume wären individuelle Lebensformen, obwohl sie alle demselben Netzwerk angehören. Für uns sind das neue Informationen – nicht allerdings für die Bauern in Indien, die Monsanto (umstrittener Agrarkonzern, der genmanipuliertes Saatgut und Herbizide herstellt, Anm. d. Red.) sehr erfolgreich aus dem Markt drängt. Als Vater muss ich fragen, ob sich das be­heben lässt. Viele CEOs im digitalen Markt würden sagen: »Der einzige Weg heraus ist mittendurch – wir sollten Monsanto helfen, Gemüse auf Zement anzupflanzen. Wir haben die Welt schon technisch verändert, ­indem wir Zement in die Städte verbaut haben, in denen zu viele Menschen wohnen etc. Jetzt müssen wir die Natur technisieren, dafür sind Menschen geschaffen.« Mir scheint, dass Permakultur, Müllvermeidung und zirkuläre Lösungen bessere Chancen bieten als diese sehr rückstän­digen Ansätze. Was erhöht unsere Chancen: ein im Einklang mit der Natur stehendes Verhältnis zur Welt oder muss der Einsatz verdoppelt und in Bezos, Monsanto und Google investiert werden?

Zirkuläre Ansätze gehören zu Ihren Kernthemen. Sowohl im ökonomischen Bereich wie auch im medientheoretischen.
Wir sehen zirkuläre Erzählformen schon jetzt in all den Serien auf ­Netflix. Das sind spannende Geschichten, aber sie finden in einem sich erhaltenden Gleichgewicht statt. Man erforscht eine Welt, anstelle eines Charakters. Ensemble-Serien wie »Downtown Abbey« haben keine wirklichen Stars, keine Heldinnen. »Breaking Bad« hat einen Antihelden, aber die Story ist in Wahrheit ein langsamer Verfall, ohne Höhepunkt.

Wohingegen die klassische kapitalistische Erfolgsstory nur auf den Höhepunkt zugeschnitten sein kann?
Das sind Einhorn-Storys. Aber man macht keinen Film über einen Kerl, der eine Pizzeria aufmacht, seine Familie am Leben hält, die Kinder zum College schickt und stirbt. Vielleicht übernimmt der Sohn den Laden, dann gibt es nicht mal ein Finale. Und sie machen keine zweite auf – nur diese eine Pizzeria. Man lebt solche Geschichten, aber wie erzählt man sie? Die Serie »Empire« folgt keiner wirklich stringenten Erzählung, sogar »Citizen Kane« ist gewissermaßen ein Antinarrativ.

Was die Helden dieser Geschichten häufig gewinnen, ist Zeit. Sie machen keinen zweiten Laden auf, aber sie gewinnen und behalten Freizeit.
Lustigerweise habe ich das früher verachtet. Mein Vater sagte mir immer: »Werde kein Schriftsteller, kein Theatermensch. Mach einen Job und dein Theaterzeug am Wochenende.« Ich fand das fürchterlich. Ich wollte doch machen, was ich bin! Aber im End­effekt stimmt sein Ansatz eher mit meinen Werten überein. Warum sollte ich ein Künstler sein dürfen, während jemand anders kellnern muss? Wir sollten beide Kellner und Künstler sein. Auf Bali zum Beispiel ist niemand ein Berufskünstler. Gleich­zeitig ist jeder Künstler, Kunst ist dort eine kommunale Angelegenheit.

Soviel anders sieht es in künstlerischen Berufen im Westen auch nicht mehr aus …
(Lacht) Stimmt, eurer Generation ist das nicht mehr vergönnt. Zu spät, wir haben es für euch in den Sand gesetzt. Sorry!

Wie also bekommt man die Handlungsmacht über die Technologien zurück und verschafft sich mehr Zeit? Erst in der vergangenen Stunde haben wir beide mehrere Benachrichtigungen aufs Handy bekommen – zum Tode Helmut Kohls und darüber, dass Amazon Whole Foods kauft. Wir haben umgehend darauf reagiert.
Und in den Tagen zuvor ging es um den Grenfell Tower in West London, die Toten auf der London Bridge und den US-Kongressmann, der erschossen wurde …
Würde man einen Twitter-Account abonnieren, der jedes Mal, wenn eine Frau auf der Erde vergewaltigt wird, eine Benachrichtigung schickt – was wäre das, alle 20 Sekunden? Jede Minute? Man würde die Welt als eine Abfolge von Gräueltaten wahrnehmen. In den USA gibt es die Haiattacken-Woche, in der der Dis­covery Channel alle möglichen Filme über Haiangriffe zeigt … die Anzahl der Haiangriffe ist nie gestiegen, aber die Leute sind besorgt, da die Medien jeden einzelnen Angriff zeigen. Die Frage ist: Geschehen mehr schlimme Dinge oder hält uns das Geschäftsmodell der Nachrichtennetzwerke in einem gehobenen Zustand der Un­ruhe? Und falls Letzteres stimmt, berichten sie bloß mit mehr Nachdruck oder erschaffen sie systemisch eine gewalttätigere Welt? Der französische Soziologe Jaques Ellul schrieb über den Feedback-Loop zwischen Propaganda und Realität. Eine bestimmte Darstellung der Realität verändere das Verhalten der Menschen, was wiederum die Welt an ihre Darstellung annäherte. Wir bewegen uns seit langer Zeit in dieser Feedback-Schleife. Wenn Amerikaner mit Berichten über Schießereien und zusammenbrechende Systeme konfrontiert werden, ist ihr erster Gedanke nicht Mitgefühl, sondern »Ich muss einen Bunker bauen und eine Waffe kaufen«. Glücklicherweise wurden in London auch Bilder gezeigt von Leuten, die am Grenfell Tower geholfen haben, bis so viele Leute Essen und Kleidung brachten, dass man sie wieder fortschicken musste.

Die Verstärkung populistischer Tendenzen wird stärker medial thematisiert als die Niederlagen, die populistische Bewegungen zuletzt erfahren haben. Warum?
Das ist weniger beängstigend. Das ist »Menschen schwammen am Strand, keiner wurde von einem Hai attackiert«. Es ist »ein Mann führt sein Leben lang eine Pizzeria«. Dafür gibt es nicht viele Klicks. Vielleicht, wenn man es umformuliert, »Populisten gelyncht von Pro-Euro-Mob«.

Ein Kennzeichen der noch kurzen Ära Trump ist das wachsende ­Gefühl des Misstrauens gegenüber Informationen und politischen Manövern. Nachdem der »muslim travel ban« zunächst juristisch zurückgewiesen worden war, wurde spekuliert, ob es sich um einen Testballon gehandelt habe, um zu sehen, wie weit man gehen könnte. Andere hielten den »cov­fefe«-Tippfehler Donald Trumps für eine Verwirrungsstrategie …
Es ist in der Tat Trumps Strategie, diese falschen Wegmarker zu setzen. Er kommt diesbezüglich aus der In­fowars-Tradition. »Covfefe« passiert und alle fragen sich, was das soll. Also antwortet er, »naja, ihr müsst raten!« Jede Aufmerksamkeit hilft, solange sie auf Albernheiten gelenkt wird und nicht auf das, was von Bedeutung wäre. Gerade noch hieß es, Trump könnte Robert Mueller feuern, so wie zuvor James Comey. Dann wird er es nicht tun und alle werden etwas beruhigter sein, weil er sich an das Gesetz hält. CNN, MSNBC, alle hatten Gesprächsrunden zum Thema. Warum fallen sie darauf rein?

»Der ›Economist‹ hat mich gefragt, ob ich das Internet zurück an seine Hippiewurzeln bringen wollte – wenn das bedeutet, dass man darüber nachdenkt, wie die menschlichen Fähigkeiten erweitert und unsere Gemeinsamkeiten zelebriert werden können, ist das doch eine gute Sache.«

Wie verhindert man es, diesen medialen Impulsen immer sofort nachzugeben?
Meine Strategie hat sich nicht verändert seit ich acht, neun Jahre alt war. Mein Problem, so gesehen, ist meine Liebe zum Fernsehen. Ich liebte es als Kind und ich war oft allein daheim. Meine Mutter hat gearbeitet, mein Bruder war länger in der Schule. Nun war das TV-Programm wirklich dumm – »Gilligan’s Island«, »The Munsters«, so etwas. Um mir alles ­anzusehen, aber trotzdem gefordert zu sein, achtete ich darauf, wie Fernsehen gemacht wurde. Zunächst die Sitcoms: Die meisten hatten die Tür zur rechten Seite. Ab und zu hatten die Familien die Tür zur linken Seite geöffnet, das waren in der Regel die geschiedenen Ehen oder anderweitig zerrütteten Familien. Das fand ich ­interessant. Die Aufteilung der TV-Bühnenbilder bewirkte meine Begeisterung fürs Theater. So wurde ich zum Medientheoretiker.
Man muss das Fernsehen und die Nachrichten mit einem Bewusstsein für die darin getätigten Entscheidungen konsumieren. Auf Facebook sollte man sich fragen, warum wurde diese Story für mich ausgewählt? Man kann dann immer noch seiner Medienabhängigkeit nachgehen, aber in einer kritischen Auseinandersetzung, die mehr Bewusstsein für systemische Gründe und Effekte schafft.
Man muss die Medien lesen lernen – was heutzutage auch bedeutet, sie schreiben zu lernen. Wir leben im Zeitalter des interaktiven Medienraums. Das ist schwierig. Einfacher noch wäre es, seine Zeit für die Benutzung von bestimmten Medien wirklich zu reduzieren. Man sollte keine Pause vom Medienkonsum nehmen, um etwas echtes Leben zu erfahren, sondern anders herum.

Heute kann man für viel Geld auf digitale Erholungsreisen gehen, auf denen keine Smartphones und Laptops erlaubt sind.
Idealerweise sollte man sich dafür nicht nach Bali begeben müssen. Ganz praktisch gedacht: Stell alle deine Benachrichtigungen und Alarme aus, außer du bist wirklich im Dienst. Musste ich wirklich gerade wissen, dass Amazon Whole Foods kauft? Mein Smartphone ist durchgedreht – während ich auf Facebook Live ein Interview gegeben habe!
Stell alle Benachrichtigungen ab. Markiere deine Kinder und Partnerinnen beziehungsweise Partner als VIP, sodass nur ihre Nachrichten durchkommen. Das kann man alles einstellen. Als ich ein Kind war, wurde ein Anruf nie unterbrochen, es sei denn, es ging um einen Todesfall. Man musste die Schaltzentrale anrufen und sie bitten, den laufenden Anruf zu unterbrechen. Diese Form von Unterbrechung erleben wir nun ständig, daher das durchgehende ­Gefühl eines Ausnahmezustands. Das wiederum fließt zurück ins echte ­Leben. Wir überbeschützen unsere Kinder und beantworten alles nur noch mit OMG.

Rushkoff

Douglas Rushkoff, geboren 1961 in New York City, prägte Begriffe wie »Digital Natives« oder »Virale Medien«. Er gehörte zur Cyberpunk-Szene der frühen neunziger Jahre, arbeitete unter anderem mit Timothy Leary und Robert Anton Wilson zusammen und spielte mit Genesis P-Orridge bei Psychic TV. Rushkoff war Kolumnist, hat Dokumentationen gedreht, seine Fachbücher und Romane wurden in über 30 Sprachen übersetzt.

Bild:
Christian Olsen für Virtual Futures / www.christian-olsen-photo.com

Bestimmte Apps und technische Hilfsmittel zu benutzen, um sich selbst vom Rechner fernzuhalten, fühlt sich oft wie eine Niederlage an.
Ja, »Ich kann mich selbst kontrollieren« – deshalb wurde der Sabbath erfunden. Gott hat Moses diese Regel nicht diktiert, wir Menschen haben sie uns ausgedacht, um unsere Aufmerksamkeit auf uns zu lenken. Ich habe mich dessen lange Zeit bedient. Ich war plötzlich sehr jüdisch, ohne sonderlich religiös zu sein – aber wann immer jemand ein Interview wollte oder eine Arbeit einforderte, sagte ich: Es ist Freitagabend, nicht am Sabbath! Das ist heilig, da können sie dir nichts (lacht).
Ich habe immer noch eine Ein-Siebtel-Regel und arbeite nie an Samstagen. Das ist Familienzeit. Wir haben das Gefühl, wir dürften uns das nicht gönnen. Aber mittlerweile kommt es mir so vor, als nutzten viele die Nachrichten und Arbeit als Ausrede, um ständig online sein zu können.

Sollte man sich schuldig fühlen, Ihren Podcast bei eigentlich medienfreier Zeit, zum Beispiel beim Sport, zu hören?
Das ist doch eine gute Zeit dazu! Zumindest ist »Team Human« ein ­medienkritisches Medium. Ich höre dabei gern Neil Young … der ist ­irgendwie eine analoge Person (lacht).

Nachhaltigkeit, holistische Strategien … wieso klingen so viele ­Lösungsansätze im Umgang mit der Digitalisierung und Ökonomie nach Hippieideologie?
Hippieträume waren Zen-Träume, vom Buddhismus inspiriert. Ich sehe daran nichts Schlechtes. Der Economist hat mich gefragt, ob ich das Internet zurück an seine Hippiewurzeln bringen wollte – wenn das bedeutet, dass man darüber nachdenkt, wie die menschlichen Fähigkeiten erweitert und unsere Gemeinsamkeiten zelebriert werden können, ist das doch eine gute Sache.

Denken Sie, dass das Bombardement mit Informationen eher Nostalgie als zukunftsorientiertes Denken befeuert?
Das sieht man am Versprechen Trumps, Amerika wieder großartig zu machen.
Das digitale Medienumfeld dreht sich um Erinnerungen. Computer sind Erinnerungen, das ist, wo Datenverarbeitung passiert. Sie sind Wiederherstellungssysteme. Jede künstliche Intelligenz ist eine Such­maschine. IBM Watson (Computerprogramm aus dem Bereich der künstlichen Intelligenz, Anm. d. Red.) ist eine glorifizierte Google-Suche. Die Tatsache, dass eine Gesellschaft, die von Erinnerungsmaschinen und glorifizierten Google-Suchen lebt, eine gewisse Obsession mit ihren ­eigenen Erinnerungen – auch falschen – entwickelt, ist kein Zufall.

Wie also richtet man den Blick nach vorne?
Wir können nicht mehr zurück. Die alten Modelle funktionieren nicht mehr mit den neuen Technologien. An der Schwelle von der industriellen Welt hin zur digitalen hält man sich plötzlich an eine Zeit, in der die industrielle Welt noch funktioniert hat. Aber das wird sie nicht mehr. Wollen wir wirklich nach vorne blicken, müssen wir in einen Prozess der Verteilung eintreten. Das meint nicht unbedingt Sozialismus, sondern eine Verteilung des Besitzrechts an den Produktionsmitteln. Man muss Möglichkeiten für möglichst viele schaffen, anstatt sie durch Monopolbildung zu verhindern.
IBM beispielsweise hat riesige Fehler mit seinen Lochkarten im Zweiten Weltkrieg gemacht und sie den falschen Leuten gegeben. Als ich IBM Watson besuchte, fragte ich sie, welche ethischen Limitierungen Watson auferlegt wurden. Sie sagten, das sei nicht ihr Job, sondern der der Kunden. Den Spruch hattet ihr schon einmal und schaut, was passiert ist! Wenn ihr keine ethischen Maßstäbe an eine Technologie ansetzt, die außer euch keiner versteht, wer dann?
Was ich sagen will: Man hat eine Verantwortung als Nutzer, natürlich. Aber eine solche haben die Entwickler, die der Technologie am nächsten sind, erst recht. Es müssen Ethik, Kunst und Geisteswissenschaften an Ingenieursschulen unterrichtet ­werden. Den Studentinnen und Studenten muss klar sein, dass sie im Dienste der Menschheit, nicht der Technologie forschen. Bis wir soweit sind, verharren wir in derselben ­Position, in der wir waren, als die Neoliberalen die Wirtschaftsschulen übernahmen und alle anderen Geschäftsmodelle abstürzten. So sind wir in der gegenwärtigen Situation gelandet.