Die Bundespolizei erprobt in Berlin die automatische Gesichtserkennung

Ein schlechtes Experiment

Raucherecke Von Alexander Nabert
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RauchereckeDie Ringbahn S42 fährt in den Bahnhof Berlin-Südkreuz ein. Dutzende Menschen steigen aus und ein. Manche wollen zum schwedischen Möbelhaus um die Ecke, andere sind auf dem Weg zu ihrem Schrebergarten. Viele steigen hier auch nur um.

Neben der Ringbahn fahren am Südkreuz einige Fern- und Regionalzüge der Deutschen Bahn, ein paar Busse und andere S-Bahnen. Wie an Bahnhöfen üblich, werden alle Reisenden von Überwachungskameras erfasst. Dadurch soll es den Behörden erleichtert werden, Straftaten aufzuklären. Als etwa vor einigen Monaten in einer U-Bahnstation eine Frau die Treppe hinuntergetreten wurde, wurde der Täter mit Bildern aus Überwachungskameras gesucht. Wenn Strafverfolgungsbehörden die Aufnahmen nicht benötigen, werden sie recht schnell wieder gelöscht. An diese Überwachung hat man sich gewöhnt.

Was viele der aus- und umsteigenden Fahrgäste der S42 und der anderen Bahnen nicht wissen: Beim Durchqueren des Bahnhofs werden sie möglicherweise Teil eines Experiments. Seit Beginn dieses Monats testet die Bundespolizei ein neues Kamerasystem, das eine automatische Gesichtserkennung ermöglichen soll. Drei spezielle Kameras wurden dafür installiert, die einen Teil des Ein- und Ausgangsbereiches und eine vom Bahnsteig in die Vorhalle führende Rolltreppe erfassen. Auf der Website der Polizei steht, dass die Technik künftig Personen, von denen eine Gefahr ausgeht oder ausgehen könnte, erkennen und melden könne. Man erhoffe sich, »Straftaten und Gefahrensituationen im Vorfeld zu erkennen«. Auf einer Seite mit den »häufig gestellten Fragen zur Gesichtserkennung« träumt die Bundespolizei gar davon, »Gefährder vor ­einem geplanten Anschlag« zu erkennen und so Terroranschläge zu verhindern.

Große, auf den Boden geklebte Schilder weisen darauf hin, dass irgendwas im Gange ist. »Pilotprojekt Gesichtserkennung – Erkennungsbereich« steht da. Fragt man die durch den Bahnhof hetzenden Menschen, ob ihnen das aufgefallen sei, verneinen die meisten. Andere wissen nicht, was das genau zu bedeuten hat, und geben zu verstehen, dass es ihnen auch recht egal ist. Die meisten dieser Gespräche enden mit einem Schulterzucken. »Wird schon alles seine Richtigkeit haben«, meint einer und verschwindet Richtung Ausgang.

Bis Mitte Juni wurden im Bahnhof Freiwillige für das Projekt gesucht. Das einzige Kriterium war, dass sie möglichst oft am Südkreuz sind, bestenfalls mehrmals am Tag. Als Belohnung gibt es für die Freiwilligen einen 25-Euro-Einkaufsgutschein bei einem bekannten Versandhändler, den drei Meistüberwachten (also denjenigen, die am häufigsten erfasst werden) winken sogar »attraktive Hauptpreise«. Etwa 300 Testpersonen wurden so geködert. Von ihnen liegen den Testern Bilder vor, die dann mit den Aufzeichnungen abgeglichen werden. Alle anderen Aufgezeichneten dienen als Abgleichmasse. Die durch ihre geringe Größe ohnehin nicht gerade repräsentative Gruppe an Testpersonen bildet keinen Querschnitt der Gesellschaft. Obwohl man aus der Forschung mit biometrischen Daten hätte wissen können, dass die Software verschiedene Altersgruppen, Geschlechter und Ethnien unterschiedlich gut erkennt, wurde dies nicht berücksichtigt. Die Reisenden am Südkreuz werden also nicht nur Teil eines Experiments, sondern Teil eines schlechten Experiments. Ganz gleich, wie die Ergebnisse nach sechs Monaten aussehen werden, ihre Aussagekraft muss schon jetzt als fragwürdig gelten.

Selbst wenn die Gesichtserkennungssoftware hervorragende Ergebnisse liefern würde, muss doch bezweifelt werden, ob sie unter realen Bedingungen im flächendeckenden Einsatz tatsächlich Terroranschläge verhindern könnte. Ein Schal, eine Mütze oder der simple Blick aufs Smartphone können alles, was die Technologie als Mehr an Sicherheit verspricht, zunichtemachen. Denkt man an die Terroranschläge des »Nationalsozialistischen Untergrunds« und des »Islamischem Staats« in Deutschland, gibt es wohl keinen einzigen Fall, in dem diese Technik irgendetwas hätte verhindern können. Dass die Gesichtserkennungssoftware nicht das leistet, was man sich erhofft, ist den Sicherheitsbehörden aber ebenso egal wie den am Südkreuz Überwachten, dass sie überwacht werden.