Krauts und Rüben – der letzte linke Kleingärtner

Die Deutschen und ihre Natur

Krauts und Rüben – der letzte linke Kleingärtner, Teil 26

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Die Deutschen sind komisch, beispielsweise beim Umgang mit der lieben und freundlichen Natur. Selbstverständlich soll sie unberührt sein. Weil sie dann schöner ist. Und auch, weil sie dann bessere Nahrung liefert. Das Gefühl haben viele Menschen in Deutschland. Dabei merken sie nicht, dass sie Stuss reden. Die meisten Menschen wollen glückliche Hühner, die freien Auslauf haben, und glückliche Kühe, die auf der Weide grasen. So weit, so gut. Nur wollen dieselben Menschen neuerdings auch, dass Wölfe wieder frei herumlaufen können. Im Freien, versteht sich, sonst wäre es ja kein freies Herumlaufen. Man muss nun wirklich nicht Agrarwissenschaft studiert haben, um zu begreifen, dass Kühe auf der Weide und Wölfe in der Umgebung nicht zueinander passen. Es gibt durchaus Gründe, Wölfe wieder auszuwildern und sie nicht zu schießen – jedes Tier hat seinen Platz. Aber dann soll man bitteschön so ehrlich sein und für die ganzjährige Stallhaltung von Kühen und anderem Viehzeug eintreten.

Wer nichts mit Landwirtschaft und Tierhaltung am Hut hat oder in Bauern ohnehin suspekte Gestalten sieht, die die schöne Natur kaputtmachen, kann sich an den Bildern von frei laufenden Wölfen erfreuen. Und ganz besonders schlaue Ökos tun kund, dass die Bauern für gerissene Kühe und Schafe ja entschädigt werden. Das ist richtig, hebt aber den Widerspruch zwischen Kühen auf der Weide und freilaufenden Wölfen, beides gesellschaftlich gewollt, nicht auf. Zudem ist es als Öko immer einfach, von anderen – von Bauern sowieso – zu verlangen, sich mit ihren regionalen Umweltbehörden herumzuschlagen, seitenlang Formulare auszufüllen, um eine kleine Entschädigung zu bekommen. Die Ökos nehmen keinem Bauern in der Republik diese Arbeit ab.

Überhaupt, die Natur hat es den Deutschen sehr angetan. Städter wollen am Wochenende mit den Kindern in wenigen Minuten »die Natur« erreichen. Menschen, die in ländlichen Regionen leben, wollen das ebenso. Dabei gibt es in Deutschland genau genommen gar keine Natur, zumindest keine unberührte. Wir leben in diesem Teil Europas in einer Kulturlandschaft und nicht in einer Naturlandschaft. Der Gegensatz zwischen positiv besetzter, angeblich unberührter Natur und negativ besetzter Kulturlandschaft steckt tief im deutschen Gemüt. Zu einer gestalteten Kulturlandschaft gehört eine gesellschaftliche Übereinkunft darüber, ob und wie Landwirtschaft betrieben wird. Der romantische Unfug befeuert auch die durchgeknallte Vorstellung von den »anderen Kulturen«, die entweder als »Naturvölker« halluziniert werden oder, wenn es diese nicht mehr in »freier Wildbahn« gibt, kulturrelativistisch oder museal idealisiert werden.

Die Deutschen und die Natur – nein, sie sind kein kongeniales Paar und produzieren jede Menge unverrottbaren Mist. Das kann sich kein anständiger Kleingärtner antun, weil es abartig stinkt. Daraus wird nichts Gutes. Ich bleibe dabei: Die Deutschen sind komisch.

Was geht ab im Garten? Die Arbeitsleistung meiner Hühner lässt dem stets nörgelnden Kleingärtner keine Chance zum Nörgeln. Die Bohnenproduktion brummt derart, dass ich stündlich das Zerbrechen einer der sensiblen Bohnenstangen erwarte. Täglich werden ein bis zwei Kilo feine, fadenlose Stangenbohnen der Sorte »Stuttgarter Neckarkönigin« geerntet – Adel verpflichtet! Da ich die Bohnen selbst nachgebaut habe, sind sie an meinen Boden angepasst.

Bei den Gurken bin ich in diesem Jahr ebenfalls auf der Sonnenseite der großen Kleingärtnerwelt. Jahrelang hatte ich auf die supergroßen, schlanken wie geraden Salatgurken gesetzt und Jahr für Jahr nie mehr als eine Handvoll geerntet, weil die hochgezüchteten und hypersensiblen Pflanzen nicht mit dem »falschen Mehltau« zurechtkamen, einer Art Pilzinfektion. Dieses Jahr bin ich auf eine robustere Sorte umgestiegen. Sie bringt zwar keinen Hochertrag und die Gurken sind mal dick, mal schlank, mal klein, mal krumm. Aber sie liefert zuverlässig und langanhaltend. Genauso verhält es sich in der Landwirtschaft. Die Hochertragssorten liefern nur Hochertrag, wenn alles stimmt: Wetter, Feuchtigkeit, kaum Schädlinge. Nichts darf aus dem Rahmen fallen, sonst fällt vor allem der hohe Ertrag aus dem Rahmen und purzelt ins Bodenlose. Als Kleingärtner versteht man diese großen Agrarzusammenhänge. Vielfalt ernährt die Welt. Wie das menschliche Leben allgemein voller Fehler ist, so verhält es sich auch mit uns Kleingärtnern. Unsereiner macht sich ständig Gedanken über die großen Dinge in der Welt.

Drei Praxistipps: Erstens, lassen Sie keine Wölfe in den Kuhstall oder auf die Weide. Das beißt sich. Zweitens, wenn es in der Erntezeit Brei regnet, müssen Sie die Hand aufhalten. Drittens, lassen Sie  das mit der »Naturvölkerei« und dem Kulturrelativismus. Vielfalt ernährt die (geistige) Welt.