Wobei Politiker sich fotografieren lassen

Yoga, kicken, daddeln

Die Zeiten, in denen Politiker sich im Wahlkampf in Kneipen ablichten ließen, sind lange vorbei. Wer die Gunst der Wähler und Wähler­innen erobern will, muss sich sportlich geben.

Anzeige

Als Vorsitzender der nordrhein-westfälischen SPD ist Michael Groschek von Berufs wegen der Zeit hinterher. Vor ein paar Wochen eröffnete er seinen ganz privaten Bundestagswahlkampf. Die SPD müsse die Kneipen wieder erobern, sagte er und ging schnurstracks in die Kupferkanne nach Duisburg. Dort musste er sich von den Gästen wegen des von SPD und Grünen in Nordrhein-Westfalen beschlossenen Rauchverbots beschimpfen lassen und schaute fortan traurig in den siechenden Schaum der vor ihm auf dem Tresen stehenden Pilsblume. Die Kneipen hat die SPD also selbst im Ruhrgebiet verloren, der Kampf um die Turnhallen und Sportplätze läuft indes mit Härte und Einsatz weiter.

Mit ihrem Spitzenkandidaten und Vorsitzenden Martin Schulz ist die SPD für diese Auseinandersetzung bestens gerüstet. Schulz liebt Fußball. Nach jeder Niederlage seiner Partei bei einer Landtagswahl in diesem Jahr trat er am Montag vor die im Willy-Brandt-Haus versammelte Presse und überraschte mit einer Sportmetapher. »Das ist ein Langstreckenlauf und kein Sprint«, sagte Schulz, als die SPD im Saarland verlor. Das SPD-Desaster in Nordrhein-Westfalen war für ihn ein »Leberhaken«, aber er sei kampferprobt.

Yoga mit Cem

Entschleunigung leicht gemacht: »Yoga mit Cem« in einem Bochumer Park

Bild:
Grüne Bochum

Wie schon der – wohl noch für längere Zeit – letzte SPD-Bundeskanzler Gerhard Schröder kann Schulz auf eine veritable Vergangenheit als Fußballspieler zurück blicken. Brav bescheinigten ihm Weggefährten aus der Jugendmannschaft des SV Rhenania 05 Würselen, dass er schon als junger Spieler sowohl Führungsqualitäten als auch ein ausgeprägtes Gefühl für Gerechtigkeit gehabt habe. Profi wollte er auch mal werden, aber das klappte nicht. Das klingt natürlich nett, aber nett gewinnt keine Wahl, wie schon Schröder bekannt war, der sich als aggressiver Spieler mit dem Spitznamen »Acker« und dem Willen zum Sieg gegen den tumben Amtsinhaber Kohl zu positionieren wusste. Also legte Schulz nach und erklärte dem Magazin 11 Freunde sein Fußballgeheimnis: »Ein Rüpel war ich nicht. Aber ich war ein harter Abwehrspieler«, der auch zu einer »unfeinen Nahkampftechnik« neigte. Stürmer Schröder, Abwehrspieler Schulz – die SPD hätte früh ahnen können, was in diesem Herbst auf sie zukommt.

Bundeskanzlerin Angela Merkel ist da ganz anders. Sie hat keinen ausgeprägten Hang zu sportlichen Aktivitäten und wandert höchstens ab und zu im Urlaub. Ansonsten schaut sie sich gerne Fußballspiele an – immerhin macht sie ihren Wählern so kein schlechtes Gewissen. Die Couch-Potatoes unter den CDU-Wählern können sich voll und ganz mit ihr identifizieren. Auch den jungen Menschen, für die aktiver Fußball vor allem darin besteht, »Fifa« auf der Play Station zu spielen, bietet sich Merkel als Vorbild an. Als die Kanzlerin in der vergangenen Woche die Spielemesse Gamescom in Köln eröffnete und danach durch die Messehallen schlenderte, erwies sie den immer populärer werdenden E-Sportlern zumindest so etwas wie eine Reverenz. Zwar schwärmte sie nicht davon, wie sie am Polyplay, dem einzigen Computerspielautomaten der DDR, ihr Taschengeld verschwendet hatte, aber immerhin spielte sie mit dem Landwirtschaftssimulator, der daraufhin vom Computermagazin Chip zum Kultspiel erklärt wurde. Ob Merkel, wie bei der Energiewende, den Planwirtschaftsmodus wählte, wusste auf Nachfrage nicht einmal der Kollege vom Neuen Deutschland zu berichten.

Es ist Schulz’ Glück, dass in diesem Jahr weder eine Fußballeuropameisterschaft noch -weltmeisterschaft stattfindet. Die Erzählungen des Abwehrspielers aus Würselen könnten mit Kanzlerinnenfotos aus der Kabine nicht mithalten.

»Ein Rüpel war ich nicht. Aber ich war ein harter Abwehrspieler«, der auch zu einer »unfeinen Nahkampftechnik« neigte, so Martin Schulz.

Christian Lindner, der Vorsitzende der FDP, hat nach vier Jahren auf der Reservebank gute Chancen, seine Partei nicht nur in den Bundestag, sondern auch in die Bundesregierung zu führen. Ob nur mit CDU und CSU oder zusätzlich mit den Grünen, wird ihm am Ende ziemlich egal sein. Lindner spielt keinen Landwirtschaftssimulator und erzählt keine Schwänke aus seiner Fußballerjugend, so er die denn je hatte. Lindners Botschaft ist Lindner, und um die rüberzubringen, trainiert er angeblich eine Stunde am Tag an einer Rudermaschine. Vielleicht spielt er auch »Doom«, man weiß es nicht.

In der Kommunikation der Marke Lindner, die Werbeprofis seit Monaten ganz wuschig werden lässt, setzt der liberale Posterboy aber auf ein altes Symbol, ja, er deutet es um: den Turnschuh. Als Joschka Fischer (Grüne) 1985 als hessischer Umweltminister vereidigt wurde, trug er Turnschuhe, was damals als Tabubruch gewertet wurde und zu sagen schien: »Hey, ich bin jetzt zwar Minister, aber ich verbiege mich nicht. Ich bin immer noch der Joschka aus der Karl-Marx-Buchhandlung, der mit der Espressomaschine nicht vernünftig umgehen kann.« Eigentlich meinte es jedoch: »Ich bin immer noch der Taxifahrer, der euch so gut verarschen kann, dass ihr wirklich glaubt, der schnellste Weg vom Hauptbahnhof nach Bornheim führte über Sachsenhausen.«
Bei Lindner ist natürlich alles ganz anders. Die weißen Turnschuhe, mit denen er sich auf Plakaten ablichten lässt, sollen Dynamik zeigen. FDP-Rettung, Marathonlauf und dann Koalitionsverhandlungen – Lindner schafft alles, soll das wohl heißen.
Ein Retter-Image kann auch Grünen-Spitzenkandidat Cem Özdemir gebrauchen. Seit 1994 in der Bundespolitik und noch nie wirklich etwas zu sagen gehabt, ist Özdemir so etwas wie ein ewiges Talent, der Lars Ricken der Bündnisgrünen. Auch Özdemir setzt im Wahlkampf auf Sport, bemüht sich jedoch, jeder Polarisierung aus dem Weg zu gehen. Und welche Sportart wäre für jemanden, der auf leisen Sohlen in irgendein Ministerium will, besser geeignet als Yoga? Irgendwie Sport, aber auch fernöstliches Weisheitsdingsbums, spirituell, aber noch ausreichend Volkshochschule Limburg, um nicht anzuecken. Der ideale Sport für eine schwarz-grüne Ära der Gemütlichkeit und Entschleunigung. In Bochum lud Özdemir Mitte August zu »Yoga mit Cem« bei Nieselregen in einen schlammigen Park, ganze 20 Menschen wollten mit ihm yogen, die drei BKA-Personenschützer, die ihn begleiteten, nicht mitgezählt. Yoga ist für viele Grünen-Wähler offenbar ein weiterer Sport, den man besser am Bildschirm verfolgt.
»Die Linke« erspart sich solche Blamagen. Ungedopet, da mag die DDR-Erfahrung eine Rolle spielen, geht man nicht auf den Platz. Die Partei belässt es bei Wahlkampfreden, man sitzt auf dem roten Sofa und feiert mit den Wählern lustige Sommerfeste. Weder Sahra Wagenknecht noch Dietmar Bartsch belästigen das Publikum mit Sportgeschichten. Die Inhalte sollen es bringen.

Auch das Spitzenduo der AfD kommt nicht besonders sportlich daher. Von Alexander Gauland weiß man, dass er Fußball nicht einmal im Fernsehen schaut und seine Welt in Ordnung ist, wenn kein schwarzer Kicker nebenan wohnt.

Mit Letzterem hätten weder Schulz noch Merkel ein Problem, was die Frage, wer Kanzler oder Kanzlerin wird, immerhin um einiges entspannt.