Das neue Album von Kadavar wird die Fans nicht enttäuschen

Der Bart ist noch lange nicht ab

Kadavar, eine der renommiertesten und sicherlich extravagantesten Rockbands aus Deutschland, veröffentlichen ein neues Album.

Der internationale Erfolg von Kadavar ist ein eigenartiges Phänomen, denn er passt nicht zur Vorstellung eines unablässigen Wandels in der Popmusik. Zahllose Rezensenten griffen auf die Theorie der Zeitmaschine zurück, mit der die Band scheinbar anreiste. Der Style und der Sound waren eine perfekte Inkarna­tion des Hardrock der Siebziger. Das Trio überraschte mit lupenreiner Retro-Ästhetik: analoges Equipment und hartes Riffing gepaart mir dem perfekten Look samt Amuletten, Lederwesten und ganz viel Haar.
Sicherlich trug die wachsende Popularität des Stoner Rock in den vergangenen Jahren ihren Teil bei. Ganz bestimmt waren es auch die musikalischen Fähigkeiten des Trios, die ihnen nun weltweit ausverkaufte Konzerte, Chartplatzierungen und eine loyale Fangemeinde von Moskau bis Melbourne bescherten.

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Diese Erfolgsgeschichte war weder absehbar noch ernsthaft zu erwarten, als Christoph »Tiger« Bartelt und Philipp »Mammut« Lippitz, die sich auf der Pop-Akademie in Mannheim kennengelernt hatten, Anfang Januar 2010 in Berlin-Wedding einen Probekeller anmieteten. Lippitz, der die Band 2013 verließ, erinnert sich an die Anfänge: »Wir haben im Grunde nur Beatles, Rolling Stones und Bob Dylan gehört und anfangs als so eine Zweimann-Combo gejamt, wobei die Black Keys sicher ein Vorbild waren.«

»Ich hatte nicht die Ambition, dass aus Kadavar etwas Großes wird«, bestätigt Bartelt diese Einschätzung. Aufgewachsen in Ibbenbüren, lässt er sich anfangs von der Hardcore- und Skaterszene im nahegelegenen Münster inspirieren, die immer wieder bekannte Alternative-Bands wie H-Blockx, Donots, Muff Potter oder Messer hervorbrachte. Nach ersten musikalischen Gehversuchen bricht Bartelt das Jura-Studium in Münster ab und zieht nach Berlin. Dort produziert er Hardcore- und Punkbands aus dem Freundeskreis. Schließlich gründet er mit einigen alten Bekannten die Noise-Rockband Noem. Im Winter 2010 tourt die Band durch Deutschland, das Album »Panzer« folgt kurze Zeit später auf dem Label This Charming Man des alten Münsteraner Bekannten Christian Weinrich. Er ist es auch, der 2012 das selbstbetitelte Debütalbum von Kadavar veröffentlicht, das schon am Tag seiner Veröffentlichung ausverkauft ist – so viele Vorbestellungen waren da bereits eingegangen. Das Kellerprojekt hat – mittlerweile durch Christoph »Lupus« Lindemann zum Trio aufgestockt – offenbar einen Nerv getroffen.

Das Album entstand eher aus einer Laune heraus, nachdem Bartelt und Lippitz das Düsseldorfer Frank Popp Ensemble sahen, die mit »Hip Teens (Don’t Wear Blue Jeans)« 2003 einen augenzwinkernden Retro-Soul-Hit gelandet hatten. »Wir haben danach ein paar Schnäpse getrunken und gesagt, dass wir es mal ausprobieren wollen«, sagt Lippitz. ­Heraus kam dabei etwas, das, wie Weinrich sich erinnert, »erstmal ­keine Sau machen wollte« – außer Weinrich selber, der das Album in winziger Auflage herausbrachte. Mit den Jahren folgten 18 weitere Pressungen mit ebenso vielen Tausend Kopien eines charmant rohen Werks, das vom Layout und Sound an Blue Cheers sagenumwittertes Album »Vincebus Eruptum« von 1968 erinnert, die Blaupause für allen späteren Hardrock.

In den Wochen und Monaten, die dem Release im März 2012 folgten, konnte man förmlich dabei zusehen, wie Kadavar ihrem Berliner Mikrokosmos entwuchsen. Schon im Mai spielten sie als Vorband für die Kiff­rocker Sleep im Berghain, um direkt im Anschluss mit den mittlerweile aufgelösten La Otracina aus Brooklyn 20 Konzerte in Osteuropa und Italien zu spielen. Das Ende der Tour markierte der Auftritt, der den Durchbruch brachte: 4 000 Besucher des Fusion Festivals waren begeistert; kaum jemand im Publikum kannte die Band zuvor, danach sprach jeder über sie. Um die Gunst der Stunde zu nutzen, wurde sogleich eine zweite große Europatour an­gesetzt. »Wir dachten damals so«, erinnert sich Bartelt: »Was auch immer wir unternehmen oder nicht unternehmen, es könnte die letzte Chance dafür sein.« Für eine Garantiesumme von 120 Euro spielte die Band bei jeder sich bietenden Gelegenheit. 30 Shows an 29 Tagen. »Es war die Zeit, wo wir viel ausprobiert haben. Fast jeden Tag waren wir bis sechs Uhr wach«, erinnert sich Lippitz an die Zeit, in der die machtvolle Bühnenpräsenz der Band ebenso ­Gestalt annahm wie der typische Sound, mit dem Kadavar es wagten, sich umstandslos 40 Jahre zurück­zubeamen.

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Nuclear Blast

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Nuclear Blast

Die Musikzeitschrift Visions griff auf den Begriff »Proto-Metal« zurück, um Kadavars Musik zu charakterisieren, jene Form meist englischen Hardrocks der siebziger Jahre, der dominierte, bevor Bands wie Iron Maiden oder Saxon den Heavy Metal aus der Taufe hoben, wie man ihn bis heute kennt: Mit möglichst vielen esoterischen Symbolen auf dem Cover und übersteuertem Rockpathos. Kadavar hingegen interessierten sich für das vergessene Erbe der experimentierfreudigen und schrägen Bands der Vor-Heavy-Zeit wie Pentagram, Hawkwind oder Grand Funk Railroad. Damit stießen sie offenbar in eine Marktlücke; jedenfalls wollte sie nun das baden-württembergische Metal-Label Nuclear Blast unter Vertrag nehmen. Der Band war zunächst nicht ganz wohl dabei, schließlich kam sie aus der DIY-Szene, aber wichtiger war, dass ein weiteres Album nunmehr professionell werden sollte.

So erschien nur ein Jahr nach dem Debüt das Album »Abra Kadavar«. Rund 50 000 Einheiten davon hat das Label bisher verkauft. In nur einem Jahr war aus Bartelts Nebenprojekt eine der angesagtesten Rockbands Deutschlands geworden, vor allem eine, die international Aufsehen erregte, gerade weil sie so wenig zu tun hat mit allem, was deutsche Rockmusik seit den achtziger Jahren prägt.

Lippitz jedoch missfielen Sound und Entwicklung der Band, er stieg aus. Die beiden Übriggebliebenen, Bartelt und Lindemann, fanden in Simon Bouteloup einen mehr als ­adäquaten Ersatz. Mit ihm wurden Kadavar endgültig zur gut geölten Rockmaschine, was sie unter anderem auf einer Tour mit der australischen Band Wolfmother unter Beweis stellen konnte. Das zweite Album für Nucear Blast, »Berlin«, nahm die Band im Flughafengebäude in Tempelhof auf. Es erreichte 2015 die Top 20 der deutschen Albumcharts.

Das neue Album »Rough Times« variiert das Erfolgsrezept der Band und reflektiert musikalisch auch über die eigene Frühzeit. Vor allem im ersten Drittel werden Erinnerungen an Noem wach, in der Bartelt einst spielte. Die bisherigen Fans von Kadavar werden sicherlich nicht enttäuscht sein, aber doch zumindest von der ungeschliffenen Härte der ersten Songs überrascht werden. Der mittlere Teil liefert jene im Stil der Seventies gehaltenen Rockhymnen – wie den Stampfer »Skeleton Blues« –, die den Aufstieg der Band begründeten. Doch die Stärke des Albums zeigt sich vor allem in den letzten beiden Stücken. Die Powerballade »You Found the Best in Me« könnte für den Abspann einer Liebeskomödie mit Jack Black verwendet werden, während das rätselhafte Ambient-Stück »A L’Ombre Du Temps« den Bassisten ganz ungewohnt in den Vordergrund rückt und den Hörer mit der Frage zurücklässt, wie ein Album, das so roh beginnt, innerhalb von zehn Songs einen solchen weiten Stimmungsbogen schlagen konnte.

Das Trio überraschte mit lupenreiner Retro-Ästhetik: analoges Equipment und hartes Riffing gepaart mir dem perfekten Look samt Amuletten, Lederwesten und ganz viel Haar.

Als Vorab-Single veröffentlichten Kadavar im August »Die Baby Die«, die der Vielschichtigkeit des Albums zwar kaum Rechnung trägt, aber mit einer überraschenden B-Seite aufwartet: Kadavar covern das harte Experimentalrockstück »Helter Skelter«, mit dem die Beatles 1968 ihre Fans nachhaltig vor den Kopf stießen und das der Massenmörder Charles Manson für den musikalischen Auftakt des von ihm geplanten apokalyptischen Krieges hielt.

Ende September gehen Kadavar für das restliche Jahr auf Tour – das Tagesgeschäft einer Rockband. Rund 100 Konzerte sind für den Herbst und Winter geplant, in denen Kadavar wieder belegen können, dass sich die Band nicht im Klischee der Bartrocker mit analogem Equipment erschöpft. Mit »Rough Times« jedenfalls schenken sie ihrem Publikum ein Album, das herausfordert und weit über das hinausgeht, was man von einer heutigen Rockband – geschweige denn von einer deutschen – zu wünschen wagt.

Kadavar: Rough Times (Nuclear Blast). Das Album erscheint am 29. September.