Das Comeback von LCD Soundsystem

In der Flut der Referenzen

LCD Soundsystem gelingt mit dem neuen Album »American Dream« das Kunststück, als ihre eigene beste Coverband wiederaufzuerstehen.

»Ich will mich nicht wiederholen.« Als James Murphy dem englischen Musikmagazin Clash im Mai 2010 diesen Satz diktierte, befand sich seine Band LCD Soundsystem gerade in Auflösung. Das in jenem Monat veröffentlichte dritte Album »This Is Happening« sollte zugleich das letzte sein. »Ich will ein Leben haben und essen und Leute treffen, die ich mag.« Niemals, so der selten um ausschweifende Erklärungen verlegene Gründer und Kopf der Band, wollte er als Parodie seiner selbst enden oder sich gar krampfhaft »neu erfinden« müssen.

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Eine nachvollziehbare Überlegung, denn welche Band möchte schon als traurige Best-of-ihrer-selbst-Kapelle auf den immer gleichen Festivalbühnen jahrzehntealte Hits herunterspielen? Das permanente Verlangen nach dem Neuen – oder zumindest dem neu Wirkenden – ist manchmal eine für Musiker und Musikerinnen frustrierende Eigenschaft des Pop, aber auch Motor für ästhetische Entwicklung und das Aufbrechen eingefahrener Strukturen. So hört sich das Post-Punk-Revival, mit dem New York Anfang der nuller Jahre in der Popwelt reüssierte, heute schon angestaubt an, war seinerzeit aber so aufregend und populär wie stilprägend. LCD Soundsystem waren eine der erfolgreichsten dieser Bands, die Elemente aus Punk, Rock und Electro zum discokompatiblen Soundtrack des beginnenden Jahrtausends kombinierten – dank Murphys Arbeit als Produzent und Mitbetreiber des Labels DFA waren sie vielleicht sogar die wichtigste.

Auch auf »American Dream« ist es vor allem der Rückgriff auf den Post-Punk der achtziger Jahre, der LCD Soundsystem zu den besten Momenten verhilft.

Das unvermeidbare Überschreiten des eigenen Zenits zu antizipieren, trieb LCD Soundsystem von Anfang an um. Kaum ein Artikel über das 2005 veröffentlichte gleichnamige Debütalbum kam ohne den Hinweis auf Murphys für aufstrebende Popstars nahezu biblisches Alter von 35 Jahren aus. In den Songtexten ging es ebenfalls oft um das Altern, die unselige Kombination von Selbstzweifeln und Selbstüberhöhung sowie die immer unabweisbarere Erkenntnis, nicht (mehr) so recht dazuzugehören.

»Losing My Edge« hieß der Track, in dem Murphy seine selbstironische Inszenierung als in die Jahre kommender Hipster explizit herausjammerte. Solche postmodernen Klagelieder über Authentizitätsverlust, die obendrein die eigenen musikalischen Quellen offenlegten und so jedem Vorwurf mangelnder Originalität zuvorkamen, wurden ein Markenzeichen von LCD Soundsystem. Als Teil der Gesamtstrategie, alles Hadern, alles Zweifeln sogleich einzubekennen, sei es in Songtexten, Interviews oder ausschweifenden Blogeinträgen, konnte das immer schon merkwürdig abgehoben wirken. Besonders klar tritt dieser nur scheinbare Widerspruch zwischen Understatement und Größenwahn in der 2012 veröffentlichten Konzertdokumentation »Shut Up and Play the Hits« hervor, die Murphys betont unspektakulär inszenierten Alltag in den Tagen um das innerhalb von Sekunden ausverkaufte Abschiedskonzert von LCD Soundsystem festhält.

Und nun also, fünf Jahre nach diesem Abschied, spielt die Band doch wieder Konzerte und veröffentlicht ihr neues Album »American Dream«. Wie es dazu kam, erzählt Murphy in der gewohnten Mischung aus Tiefstapelei und Erklärwut auf der Website der Band: Er schreibe noch immer ständig neue Songs und es sei doch besser, diese zusammen mit Freunden aufzunehmen und live vorzutragen, als es nicht zu tun. Ja doch, möchte man ihm zurufen, das ist alles gut und schön, es muss doch nicht auch das Comeback schon von Anfang an als Metaprojekt gerechtfertigt werden.

Leider konnte auch das erste musikalische Lebenszeichen der wiederbelebten Band dem eigenen Anspruch, sich nicht zu wiederholen, nicht gerecht werden. Am 5. Mai erschienen »Call the Police« und »American Dream« als Doppelsingle. Ersteres ist ein klassischer LCD-Soundsystem-Song mit treibendem Post-Punk-Bass, elektronischen Anteilen und appellativem Gesang. Murphys Verehrung für David Bowie ist vor allem in den Gitarrenparts deutlich zu hören, während seine Stimme – à propos auflösungsresistente Stadionrockband – nie so sehr nach Bono klang wie hier. Der Text skizziert die kollektive Nervosität, die seit der Wahl des gegenwärtigen US-Präsidenten herrscht: »Well, there’s a full-blown rebellion but you’re easy to confuse/By triggered kids and fakers and some questionable views.«

Musikalisch interessanter ist der Titelsong »American Dream«, eine New-Wave-Ballade mit einer Synthesizer-Linie, die auch von The Cure zu Zeiten von »Disintegration« stammen könnte. »In the morning every­thing’s clearer/When the sunlight exposes your age/But that’s okay«, singt Murphy und knüpft damit thematisch an die vorherigen Alben an. Auch »Tonite« greift Bewährtes auf: Altern, eine verwirrte Generation auf der ständigen Suche nach mobiler Datenverbindung und der nie versiegende Strom popkultureller Referenzen.

Diese Flut macht es schwer, über LCD Soundsystem zu schreiben, ohne die Referenzen denn auch zu benennen. Neben David Bowie ist es auch auf »American Dream« vor allem der Rückgriff auf den Post-Punk der achtziger Jahre, der der Gruppe zu den besten Momenten verhilft. »Other Voices«, der zweite Song der Platte, ist ein energetischer Hit mit Cowbell, funky Basslinie und David-Byrne-Sprechgesang; er steht exemplarisch für den nunmehr doppelt retrospektiven Sound der Band. »American Dream« klingt wie LCD Soundsystem klingt wie Talking Heads und so weiter.

Diese Vorstellung von LCD Soundsystem als Coverband ihrer selbst stammt übrigens vom Gründer persönlich. In »Shut Up and Play the Hits« erzählt James Murphy, dass erst wegen des großen Erfolgs der ersten Singles das von ihm allein konzipierte und produzierte Studioprojekt zu einer Band werden musste. Zusammen mit befreundeten Musikern schuf Murphy die »beste LCD-Soundsystem-Coverband der Welt«. Deren Repertoire hat sich nun um eine Handvoll Songs auf einem soliden Album erweitert, das eine kurze Phase der nuller Jahre noch einmal aufleben lässt, aber ganz sicher nicht die von Murphy gefürchtete Neuerfindung darstellt.

LCD Soundsystem: American Dream (DFA Records/Columbia Records)