Krauts und Rüben

Das bisschen Hagel ist doch ein Problem

Krauts und Rüben – der letzte linke Kleingärtner, Teil 27

Krauts und Rüben Von Roland Röder
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Unwetter im Gemüsegarten: Hagelkörner in doppelter Erbsengröße prasselten eine Stunde lang auf meine vorbildlichen Anpflanzungen nieder. Alles in ihrem Weg wurde in Mitleidenschaft gezogen. Besonders misslich sah es im großen Kürbisfeld aus. Während am Morgen das üppig wuchernde Blattwerk noch die ebenfalls wunderbar gewachsenen Kürbisse überlappte und sie fast unsichtbar machte, war davon am Abend nichts mehr übrig. Die Blätter waren zerfetzt. Es stand nur noch das Blattgerippe. Auch die Zucchini und Gurkenpflanzen hatte es erwischt, die Früchte mussten einiges einstecken. Manche Kürbisse haben den Schaden gut verwunden, manche faulen an den Einschlagstellen, was bedeutet, dass sie zügig verzehrt oder portionsweise in die Tiefkühltruhe wandern müssen. Das Unwetter war so stark, dass auch die Stangenbohnen Hagel abbekamen, obwohl sie wegen ihres senkrechten Wuchses am wenigsten Angriffsfläche boten. Seitdem wachsen die Bohnen nur noch sehr langsam und die Ernte wurde zusehends kleiner. Schon möglich, dass die Zeit des besten Ertrags einfach vorüber war und es nichts mit dem Unwetter zu tun hatte, aber ich habe mich nun mal auf das Unwetter als Grund für die geschmälerte Ernte festgelegt. Man muss, wie überall im Leben, eine Entscheidung treffen und dazu stehen. Einknicken kommt nicht in Frage. Das nenne ich mal, weil es gut klingt: nachhaltig seine Meinung vertreten. »Nachhaltigkeit« ist in jedem Diskurs des 21. Jahrhunderts – Thema egal – sehr wichtig.

Hand aufs Herz: Von diesem Unwetter hat man nirgendwo etwas gelesen, außer in der Lokalpresse. Während die Zeitungsspalten und Fernsehsendungen voll sind mit Berichten über Unsympathen wie Erdoğan, Trump und Kim »Rocket Man« Jong-un, war dieses vernichtende Unwetter keinem Leitmedium eine Zeile wert. Wir Kleingärtner haben einfach keine Lobby. Wir mühen uns redlich, leisten unseren Beitrag für vieles in der Gesellschaft – ohne uns gäbe es weniger sozialen Zusammenhalt –, aber da rümpfen die Macher und Macherinnen der großen Medien nur die Nase. Wir entsprechen einfach nicht ihren Vorstellungen vom sorgenfreien Leben.

Die Kartoffeln sind zwar von dem Unwetter verschont geblieben, aber die Ernte fiel aus anderen Gründen unterdurchschnittlich aus. Als ich die Kartoffeln Anfang Mai legte, war es die ersten Wochen zu trocken. Als sie endlich aufgingen und im Juli begannen, Knollen anzusetzen, war es einige Wochen lang zu nass, was das Wachstum der Erdäpfel stark beeinträchtigte. Und ich will ehrlich sein: Ich hatte die falsche Sorte ausgewählt. Sie heißt Quarta und wächst in meinem Garten nicht gut. Die wenigen Kartoffeln, die ich noch von der Sorte Granola hatte, brachten einen immerhin ausreichenden Ertrag. All das weiß ich, aber unsereiner ist manchmal faktenresistent. Da wollte ich mit dem Kopf durch die Wand und wider besseres Wissen mit dieser Sorte Erträge erzielen, die ich selbst bei besten äußeren Bedingungen nicht erzielen kann. Schwamm drüber. Vielleicht lerne ich fürs nächste Jahr dazu. Kleingärtner sind bisweilen lernfähig. Manchmal dauert es aber. Ich spüre, dass es so weit ist, und bin bereit für diesen nachhaltigen Lernschritt.

Doch nun zum Hühnerstall: Die fünf Bewohnerinnen arbeiten vorbildlich. Sie scharren und fressen Schnecken sowie Essensreste aus dem Haushalt. Und sie legen durchschnittlich drei Eier am Tag. Das ist gar nicht schlecht. Wie Statistiker zum »Welt-Ei-Tag« 2014 mitteilten, legt jede Profilegehenne in Deutschland durchschnittlich 24 Eier im Monat. Meine Hühner mit ihren ungefähr 20 Eiern pro Kopf und Monat können sich da doch durchaus sehen lassen. Eines von ihnen, das schon siebeneinhalb Jahre alt ist – was für ein Huhn ein geradezu biblisches Alter ist –, schwächelt ab und an ein wenig. Es legt sich dann in einen Unterstand und bleibt dort stundenlang liegen. Ich dachte schon, ich müsste unangenehmerweise wieder zum Spaten und zur Schubkarre greifen, das Grab ausheben und dann – die Tränen kullerten schon – Abschied nehmen für immer. Denkste. Das olle Huhn ist zäh und kehrt immer wieder zurück zu den Lebenden. Dies ist ein großes Lob für die fürsorgliche Pflege, die unsereiner als Kleingärtner dem Huhn zuteilwerden lässt. Wir Kleingärtner verstehen eben etwas von unseren zweibeinigen Mitgeschöpfen. Da macht uns niemand etwas vor. Und ja, Eier legt das alte Huhn gelegentlich auch noch. Vielleicht sollte ich mich mit ihm mal bei einem der landwirtschaftlichen »Steinalt, aber immer noch herausragende Legeleistung«-Wettbewerbe anmelden. Dabei wurde das Huhn vor fünf Jahren in einem Biobetrieb aussortiert. Was all die engagierten Verbraucher mit ihren ebenso engagierten Konsumentscheidungen meist nicht wissen: Legehühner leben und legen ungefähr 14 Monate nach Plan – ob konventionell oder bio –, dann sind sie unwirtschaftlich und nur noch Kostenfaktoren. Denn der Gewinn aus der Legeleistung geht dann im Verhältnis zu den Kosten des eingesetzten Futters so stark zurück, dass die Tiere meist als Suppenhühner in der Tiefkühltruhe im Supermarkt landen.

Jetzt aber bloß nicht aus allen Wolken fallen, von wegen: Schlimm, schlimm, schlimm, dass der Kapitalismus nicht vor der heilen Biowelt haltmacht. Als würde der vor irgendwas haltmachen! Als Herr des Kleingartens habe ich ihm dennoch Hausverbot für meinen Hühnerstall erteilt. So hatte zumindest dieses eine Huhn noch einige glückliche Jahre bei mir. Als Kleingärtner tue ich, was ich kann, für ein einvernehmliches Miteinander von Mensch und Tier.
Übrigens: Am Freitag, den 13. Oktober, ist wieder der »Welt-Ei-Tag«. Besonders an diesem Tag dran denken: Auch alte Hühner legen frische Eier!