Der neurechte Stratege Rainer ­Zitelmann setzt auf die FDP anstelle der AfD

Er ist wieder da

Rainer Zitelmann ist zurück auf der politischen Bühne. Nach über zehn Jahren, in denen er vor allem in der Immobilienbranche tätig war, hat der einstige Stratege der Neuen Rechten wieder Gefallen daran gefunden, sich in die öffentliche Debatte einzumischen.

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Spätestens seit den Bundestagswahlen gibt sich Rainer Zitelmann als Kämpfer gegen eine »Jamaika-Koalition« und appelliert an die neokonservativen und nationalliberalen Kräfte in CDU, CSU und FDP, sich ihre Parteien zurückzuerobern. In einem Interview mit dem Magazin The European, für das er auch als Autor tätig ist, bekannte der 60jährige kürzlich: »Ich sehe mich als National­liberaler oder als demokratischer Rechter.« In seinen Beiträgen in The European und dem rechtskonservativen Magazin Tichys Einblick gibt sich Zitelmann als Vertreter eines »autoritären Liberalismus« im Sinne Carl Schmitts zu erkennen: starker Staat und gesunde Wirtschaft.

Seit der Sarrazin-Debatte, den Wahlerfolgen der AfD und dem Aufkommen von Pegida sind die Themen der Neuen Rechten im Mainstream angekommen. Medien wie The European (unter ihrem Chefredakteur Oswald Metzger, einem nach rechts abgedrifteten ehemaligen Grünen), Tichys Einblick, Preußische Allgemeine Zeitung oder die Schweizer Weltwoche bilden die Brücke nach Rechtsaußen. Neben Zitelmann schreiben in The European Autoren wie Vera Lengsfeld, Michael Klonovsky oder Bettina Röhl, außerdem gibt es Gastbeiträge von AfD-Führungsfiguren wie Alice Weidel oder Alexander Gauland – nur selten gekontert von linken Autoren wie Dietmar Bartsch oder Christoph Butterwegge. Es wird gefragt: »Wer ist schuld an linker Gewalt?« und darüber geschimpft, dass der Wohlfahrtsstaat den deutschen Leistungsträger schröpfe und so dem Land schade. Nationalliberale, christlich-konservative und völkische Ideen werden dabei verknüpft. Befeuert werden die Themen zudem von Medien wie Junge Freiheit, Eigentümlich frei und Sezession, wo vor allem metapolitische Auseinandersetzungen stattfinden.

Bereits in den neunziger Jahren waren die »Jungkonservativen« um Zitelmann angetreten, um eine »kulturelle Hegemonie von rechts« zu erlangen. »Jungkonservativ« ist eine Selbstbezeichnung, »die beansprucht, einen Traditionszusammenhang herzustellen zum Jungkonservatismus der Weimarer Republik«, wie der Faschismusforscher Helmut Kellershohn schreibt. Beim historischen Jungkonservatismus handelt es sich Armin Mohler, einem Vordenker der Neuen Rechten, zufolge um eine der Hauptströmungen der sogenannten Konservativen Revolution der zwanziger Jahre. In den neunziger Jahren zählten neben der Jungen Freiheit und dem Magazin Criticon das Studienzentrum Weikersheim und Personen wie Karlheinz Weißmann, Götz Kubitschek und Dieter Stein zum Kern der Neuen Rechten. Als wichtige Einflüsse gelten neben Mohler Oswald Spengler, Carl Schmitt und die französische Nouvelle Droite um Alain de Benoist, der Kellershohn zufolge mit der Theorie des »Ethnopluralismus« versuchte, »völkisches Denken auch ohne direkten Bezug auf die Rassenideologie zu rekonstruieren, zugleich aber wesentliche Elemente des Rassendiskurses fortzuschreiben: Rassismus ohne Rassen«.

Der Historiker Ernst Nolte hatte zudem in den achtziger Jahren im sogenannten Historikerstreit einen entscheidenden Schritt zur »Entsorgung der deutschen Vergangenheit« geleistet, wie es der Historiker Hans-Ulrich Wehler formulierte. Nolte behauptete einen »kausalen Nexus« zwischen Oktoberrevolution und Nationalsozialismus, demnach sei Auschwitz nur eine Antwort auf den »Archipel Gulag« gewesen. Nolte lieferte damit die Vorlage für die Wortführer der Neuen Rechten, den Nationalsozialismus zu historisieren.
Zitelmann knüpfte daran an. Im Jahr 1987 veröffentlichte er seine Dissertation »Hitler – Selbstverständnis eines Revolutionärs«. Er versuchte darin, Hitler als Linken darzustellen. Die Weimarer Nationalkonservativen sollten vom Vorwurf freigesprochen werden, zum Sieg des Faschismus in Deutschland beigetragen zu haben. Die historische Kontinuität von Kaiserreich über Weimar zum »Dritten Reich« wird geleugnet, der Antisemitismus ausgeblendet. Diese Thesen hat Zitelmann dieses Jahr in dem Artikel »War Hitler rechts?« in der Weltwoche noch einmal aufgewärmt. Solche Manöver sollen die »konservative Revolution« der zwanziger Jahre historisch entlasten und für die Gegenwart retten.

In seinem 1994 erschienenen Buch »Wohin treibt unsere Republik?« schrieb Zitelmann, es sei an der Zeit, aus dem »Schatten der Vergangenheit« herauszutreten, und warnt vor einer »DDR light«. Dieser sei nur noch durch ein Bündnis der rechtskonservativen und nationalliberalen Kräfte in Union und FDP mit den »rechten Intellektuellen« zu begegnen. Zitelmann war damals in der FDP aktiv, der er immer noch angehört. Gemeinsam mit dem ehemaligen Generalbundesanwalt Alexander von Stahl und dem ehemaligen Herausgeber von Konkret, Klaus Rainer Röhl, versuchte er, die Partei nationalliberal zu wenden.

Daneben war Zitelmann vor allem publizistisch tätig: Als Lektor des Ullstein-Verlags verantwortete er zahlreiche revisionistische und neurechte Titel, darunter Karlheinz Weißmanns »Rückruf in die Geschichte« (1992), Jörg Haiders »Die Freiheit, die ich meine« (1993) sowie den von den Welt-Redakteuren Ulrich Schacht und Heimo Schwilk herausgegebenen Sammelband »Die selbstbewusste Nation« (1994). Später war Zitelmann leitender Redakteur des Welt-Ressorts »Geistige Welt«, wo er ebenfalls neurechte Autoren wie Weißmann zu Wort kommen ließ.

Zurück in die Neunziger, lautet Rainer Zitelmanns Motto.

Damals sah sich Zitelmann »zu Unrecht in die rechte Ecke gedrängt«. Rückblickend schrieb er: »Ich musste erkennen, dass es unter dem Zeichen der sogenannten ›Political Correctness‹ zunehmend schwerer wurde, in Deutschland über bestimmte Themen sachlich zu diskutieren. In dieser Situation entschloss ich mich, mich aus dem aktiven politischen Leben zu verabschieden.«
Nach der Jahrtausendwende war Zitelmann in Berlin etwa 15 Jahre lang als Immobilienmakler tätig, betrieb Bodybuilding und promovierte ein zweites Mal, diesmal zu dem Thema »Persönlichkeit und Verhaltensmuster der Vermögenselite in Deutschland«. Er veröffentlichte Bücher über Wege zum Reichtum und Kraftsportratgeber. Dieses Jahr schließlich erschien seine Autobiographie »Wenn Du nicht mehr brennst, starte neu! Mein Leben als Historiker, Journalist und Investor«. Es ist eine Art Zwischenbilanz auf dem Weg zurück in die Metapolitik.
In seinen aktuellen politischen Texten schreibt Zitelmann, er habe mit der AfD nichts am Hut: »Ich bin seit 22 Jahren in der FDP und wähle sie auch.« Dabei würde der Publizist am liebsten die abtrünnigen AfD-Wähler Heim ins nationalliberale Reich holen: »Eine aktuelle Focus-Umfrage zeigt, wie die Deutschen denken. Fazit: Es gibt viele Gemeinsamkeiten zwischen Wählern von FDP und AfD, aber starke Gegensätze zwischen denen von FDP und Grünen.«

Zitelmann glaubt, die Nation sei langfristig nur zu retten, wenn Union und FDP nach rechts rückten: »Dafür müssen sich beide Parteien abstimmen und Animositäten der Vergangenheit vergessen. CSU und FDP hätten Verbündete in der CDU, denn vielen CDU-Abgeordneten ging Merkels sozialdemokratische Wirtschaftspolitik gegen den Strich, ebenso wie ihre verfehlte Euro-, Energie- und Flüchtlingspolitik.« Das Motto lautet also: Zurück in die Neunziger, als Konservative, Nationalliberale, alte und Neue Rechte ein gemeinsames Ziel hatten – die »selbstbewusste Nation«. Diesmal allerdings können sie auf breite Unterstützung in Gesellschaft, Politik und Medien hoffen.