Das iranische Regime agiert in Deutschland

Gar nicht so fremd

Die »islamische Wirtschaft« verbindet eine schrankenlose Durchsetzung kapitalistischer Interessen mit rechter Ideologie. Das garantiert gute Geschäfte auch mit dem Westen.

Kommentar Von Jörn Schulz
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»Die Kapitalisten werden uns auch noch den Strick verkaufen, an dem wir sie aufhängen«, sagte Lenin wahrscheinlich nie, aber ein hübscher Aphorismus ist der ihm zugeschriebene Satz dennoch. Allerdings kein dauerhaft auf die Politik gegenüber der Sowjet­union zutreffender, denn es gab zahlreiche Handelsbeschränkungen, die deren technologische Entwicklung behindern sollten. Möglich ist es also schon, Kapitalisten zum Verzicht auf Exportprofite zu zwingen – allerdings nur, wenn der Staat als ideeller Gesamtkapi­talist den Importeur als Feind einstuft.

Unter den diktatorisch oder autokratisch regierten islamischen Staaten gilt jedoch allenfalls der Iran als Feind, und auch das ist im »Westen« umstritten. In der Konfrontation mit der Sowjetunion gab es eine Konkurrenz der ökonomischen Systeme. Die Golfmonarchien hingegen sind nicht allein wegen ihrer Ölquellen, sondern mittlerweile mehr noch wegen ihrer Investitionen so bedeutend für den globalisierten Kapitalismus, dass man gern über die mit Freihandelsregime und Wirtschaftsliberalismus eigentlich nicht zu vereinbarende Tatsache hinwegsieht, dass die Herrscherclans ihre Staaten wie Privatbesitz verwalten. Auch der mafiöse Staatskapitalismus des Iran wird akzeptiert; im Februar lobte der Internationale Währungsfonds die »beeindruckende ökonomische Erholung« und den »Schub der Reformpläne«.

Auch die sogenannten Islamkritiker der Rechten haben gegen Geschäfte mit jenen, deren Invasion sie angeblich so fürchten, nichts einzuwenden.

Es sind eher die Herrscher der Golfmonarchien und des Iran, die sich um gegenseitige Distinktion bemühen und unterschiedliche Versionen einer »islamischen Wirtschaft« propagieren. Deren wichtigstes Merkmal ist das Zinsverbot. In der Praxis des islamic banking, dessen Volumen zwei Billionen Dollar mittlerweile überschreitet und das auch für die westliche Finanzbranche ein lukratives ­Geschäft ist, handelt es sich um eine Abrechnungsmodalität. Anders als im gewöhnlichen Bankgeschäft muss ausgewiesen werden, ­woher der Gewinn stammt – wobei nicht selten geschummelt wird. Bedeutsamer ist der ideologische Kern, die Ablehnung der vermeintlich von der »realen Wirtschaft« abgekoppelten Finanzsphäre, die, wenngleich meist unausgesprochen, als jüdisch imaginiert wird. Hier stimmen die Islamisten mit den Rechtspopulisten und Rechtsex­tremen im Westen überein, mit deren wirtschaftsliberalem Flügel sie eine weitere Gemeinsamkeit haben: die strikte Ablehnung selbst dezenter Formen der demokratischen Wirtschaftslenkung unter ökologischen oder sozialen Gesichtspunkten.

Das findet auch das Gefallen vieler westlicher Manager, die die Skylines in den Ländern der Emire bewundern, die keine Traufhöhen, Umweltgutachten und Arbeiterrechte dulden. In den globalen Trend, ­brutalere Formen kapitalistischer Politik mit rechten Werten zu unterfüttern, fügt sich die »islamische Wirtschaft« nicht nur gut ein, sie kann sogar als Avantgarde gelten.
Als potentielle Imperialisten werden die Golfmonarchien und der Iran nicht ernst genommen – auf absehbare Zeit zu Recht, sofern es allein um den Westen geht. Auch die sogenannten Islamkritiker der Rechten haben gegen Geschäfte mit jenen, deren Invasion sie angeblich so fürchten, nichts einzuwenden. Dass die Hegemonialkriege der islamischen Regionalmächte große Teile des Nahen Ostens in Trümmer legen, ist kein Anlass für ernstzunehmende Gegenmaßnahmen, zumal es ein lukratives Wiederaufbaugeschäft verspricht. Es stört auch kaum jemanden, wenn das gelieferte Material auf unkonventionelle Art genutzt wird. Nicht Stricke, aber ­Kräne, die als Galgen benutzt werden, verkauften unter anderem deutsche Kapitalisten dem Iran.

Sie müssen, anders als iranische Dissidenten und Homosexuelle, nicht befürchten, daran aufgehängt zu werden.