Der Kölner Radrennfahrer Albert »Teddy« Richter

Kein Hitlergruß

Fast hätten die Nationalsozialisten Erfolg gehabt und den Kölner Radrennfahrer Albert »Teddy« Richter würde heutzutage niemand mehr kennen. Aber eben nur fast.

Anzeige

Er wurde nur 27 Jahre alt. Und doch war der Radrennfahrer Albert Richter einer der erfolgreichsten deutschen Rennfahrer: Der 1912 im proletarischen Kölner Stadtteil Ehrenfeld geborene Sportler wurde siebenmal deutscher Meister. »Teddy«, wie er meist genannt wurde, widersetzte sich als nahezu einziger Radsportler dem Naziregime. Und er hielt bis zu seinem frühen Tod zu seinem jüdischen Trainer Ernst Berliner.

Die Unterbindung des Erinnerns an den Rennfahrer setzte unmittelbar nach seinem Tod ein. »Sein Name ist für alle Zeiten in unseren Reihen ­gelöscht«, verkündete 1940 die Zeitung des Radsportverbands – und tatsächlich sollte es viele Jahrzehnte dauern, bis Richters Geschichte publik wurde.

Richter war bereits als Jugendlicher ein leidenschaftlicher Rennfahrer. Mit 16 bestritt er sein erstes Rennen. 600 Meter von seiner Wohnung entfernt stand die Rheinlandhalle, die auf dem Gelände der 1882 gegründeten Helioswerke gebaut worden war. Die Elektrotechnikfirma hatte elekt­risches Leuchtfeuer für Leuchttürme produziert. 1927 musste das Unternehmen jedoch schließen. Der radsportbegeisterte Chef baute die ­Motorenhalle kurzerhand in eine Radrennbahn um.

16#44

»That boy can ride.« Albert Richter, neben ihm wahrscheinlich Ernst Berliner

Bild:
picture alliance / Robert Sennecke

Im Oktober 1928 fand auch schon das erste Sechstagerennen statt. Drei Jahre später, 1931, feierte der 19jährige Richter dort seinen ersten Triumph. Die Urkunden und Pokale versteckte der Junge anfangs noch unter seinem Bett, der Vater sollte nichts von dem verletzungsträchtigen Sport ­erfahren.

Richter galt jedoch rasch als die große Nachwuchshoffnung des deutschen Radsports, die Presse wurde auf ihn aufmerksam. »Wie er fährt, mit erstaunlich leichtem, flüssigen Stil, ohne Anstrengung, ohne Mätzchen«, heißt es in einem Artikel über ihn. Oder in den Worten eines britischen Kollegen: »That boy can ride.«

Im September 1932 gelang Richter beim Grand Prix de Paris der Sieg, im selben Jahr gewann er die Amateurweltmeisterschaft in Rom. Durch diese Erfolge wurde der jüdische Rennradtrainer Ernst Berliner auf ihn aufmerksam.

Berliner, 1881 in Köln geboren, hatte 1912 die Kölner Stadtmeisterschaft gewonnen, später arbeitete er als Journalist und Manager von Radsportlern. Er überzeugte Richter, für einige Monate nach Paris zu gehen. Die ­Millionenstadt war das Zentrum des Radsports, dort fand der junge Mann renommierte Radsportfreunde. Gemeinsam mit Jef Scherens und Louis Gérardin trat er als »die drei Musketiere« in der Öffentlichkeit auf.
Mit Berliner als Trainer gewann Richter 1933 seinen ersten Deutschen Meistersprint, 1934 und 1935 wurde er Vizeweltmeister. In Frankreich wurde er nach dem zweimaligen Gewinn des Grand Prix de Paris eine Berühmtheit, das französische Publikum jubelte dem »deutschen Acht­zylinder« zu. Berliner, der das vorhandene Talent durch eine Mischung aus Disziplin, Strenge und familiärer Verbundenheit gefördert hatte, war zum väterlichen Freund geworden. Berliners Tochter Doris Markus sagte Richters Biographin Renate Franz (»Der vergessene Weltmeister – das rätselhafte Schicksal des Kölner Radrennfahrers Albert Richter«): »Albert war der Sohn, den mein Vater nie hatte.«

Richter wusste, dass die Nazis Berliner bedrohten. Aber er zeigte keine Angst vor ihnen: Öffentlich bezeichnete er sie als »Verbrecherbande«, 1934 verweigerte er bei einer Siegerehrung in Hannover den Hitlergruß. Das Foto erschien in der Weltpresse, sehr zum Ärger der Nationalsozialisten. In Paris hatte er einen schwarzen Betreuer, mit dem er sich fotografieren ließ. Und bei Auftritten im Ausland weigerte Richter sich, ein Trikot mit dem Hakenkreuz zu tragen.

Das Verbandsblatt der Radrennfahrer ließ sich dagegen widerstandslos gleichschalten: Der 1888 geborene jüdische Journalist »Illus« Erich ­Kroner wurde als Chefredakteur entlassen und 1937 im KZ Sachsenhausen inhaftiert. Im selben Jahr starb er. Seinen Posten übernahm der SS-Mann Victor Brack, dessen Titel fortan Reichsradsportführer lautete.
Als Berliner infolge der Rassegesetze Berufsverbot erteilt wurde, emigrierte er 1937 mit Ehefrau und Tochter in die Niederlande. Wohl keine ­Sekunde zu früh, denn an den Hauswänden vor seiner früheren Wohnung hingen wenig später Flugblätter mit der Parole »Der Jüd ist entflohen«.

Richter hielt weiter zu seinem ­jüdischen Trainer. Der Publikumsliebling wusste, dass er unter Beobachtung der Nazis stand, dennoch schmuggelte er für Freunde Geld über die Grenze. Das NS-Regime versuchte, ihn zu erpressen. Er sollte Spionagetätigkeiten übernehmen. »Ich habe im Ausland nur Freunde, ich kann Derartiges nicht tun«, entgegnete er.

Nach und nach wurde Richters Lage ausweglos. Am 1. September 1939 überfiel die Wehrmacht Polen, in Mailand wurde die Weltmeisterschaft, bei der auch Richter antrat, abge­brochen. Noch unter dem Schock der Ereignisse schrieb er: »Ich bin ein Deutscher, aber für Deutschland kann ich nicht kämpfen, wenn es sich gegen Frankreich wendet.«

Am 9. Dezember 1939 gewann er noch einmal, von der Menge um­jubelt, den Großen Preis von Berlin. In einem Brief an seinen Freund ­Berliner versicherte er: »Das ist mein letzter Start, meine letzte Reise nach Deutschland.« Richter plante seine Flucht. Bekannte eines jüdischen Freundes vertrauten ihm 12 700 Reichsmark an, die er über die Grenze schmuggeln wollte. Am 31.

Dezember 1939 brach er – entgegen Berliners Rat, der wohl befürchtete, dass Richter bespitzelt würde – mit dem Zug in die Schweiz auf, das Geld hatte er in die Reifen seines Rennrades eingenäht. Wie zwei zufällige Augenzeugen, die niederländischen Radprofis Cor Wals und Kees Pellenaars, später berichteten, wurde er an der Grenze in Lörrach gezielt kontrolliert, das Geld wurde prompt entdeckt. Wahrscheinlich war Teddy Richter ver­raten worden, im 1990 ausgestrahlten Dokumentarfilm »Auf den Spuren von Albert Richter« wird der Name des mutmaßlichen Denunzianten genannt.

Richter wurde im Lörracher Grenzgefängnis inhaftiert. Drei Tage später starb er unter mysteriösen Umständen. Seine Biographin Franz ist »überzeugt, dass Albert Richter keinen Selbstmord begangen hat, sondern durch die Hand der Gestapo zu Tode kam«. Dafür spricht unter anderem, dass Richters Bruder, der ihn eigentlich im Gefängnis besuchen wollte, später aussagte, die im Keller gelagerte Leiche sei blutverschmiert gewesen – der Familie wurde wenig später verboten, den Sarg, in dem Richter nach Köln überführt wurde, noch einmal zu öffnen.

Am 10. Januar 1940 wurde Albert Richter auf dem Ehrenfelder Friedhof bestattet. 200 Trauernde nahmen von ihm Abschied. Der Völkische ­Beobachter vermeldete lakonisch: »Heute rot – morgen tot.«

Ernst Berliner erfuhr in den Niederlanden vom Tod seines Schützlings und Freundes. 1947 emigrierte der 66jährige mit seiner Tochter in die USA. Die Mutter war 1942 nach Theresienstadt verschleppt worden, auch weitere Familienmitglieder wurden ermordet. Dennoch besuchte Berliner wenige Jahre später seine frühere Heimatstadt, um das Schicksal seines Freundes aufzuklären. Er stieß auf Schweigen.

Richters Vater führte in der Nachkriegszeit einen erbitterten Kampf um Entschädigung und Rehabilitation seines Sohnes. Sein Kampf blieb ­erfolglos, im Mai 1967 schloss die Staatsanwaltschaft die Akten.

Das Schweigen der Radfahrverbände nach 1945 hatte eindeutige Motive: Franz schreibt, dass ein nach dem Krieg führender Kölner Radsportfunktionär bei der Gestapo gewesen und an Deportationen von Juden ­beteiligt gewesen sein soll. »Albert Richter wurde nie rehabilitiert. Eher war das Gegenteil der Fall«, lautet der Schlusssatz der 2007 erschienenen Biographie.

Im Juli 1947 fand auf der Rennbahn in Köln-Riehl ein Rennen in Gedenken an Albert Richter statt. Danach geriet er vorerst in Vergessenheit. Mitte der sechziger Jahre wurde allerdings in der DDR an den Widerständler erinnert. Der Staat versuchte, sich das Gedenken an den Radfahrer anzueignen: Richters Konterfei prangte 1965 auf einer DDR-Sonderbriefmarke. Mehrere Bücher wurden dort über »den Antifaschisten« Richter publiziert, ein Kinderheim wurde nach ihm benannt, in Halle und Schwerin trugen die Rennbahnen seinen Namen.

In der Bundesrepublik brauchte es einige Jahrzehnte länger. 1996 wurde das gerade fertiggestellte Kölner Radstadion auf Richters Namen getauft, in Lörrach 2010 eine Straße nach ihm benannt.

Immerhin: Anfang Oktober fand in Köln ein Radrennen zu Richters Ehren statt. Die Strecke begann genau vor seinem ehemaligen Elternhaus.