»Alle gegen Alle«: Das neue Album des Rap-Duos Zugezogen Maskulin

Kosmische Verzweiflung

Mit »Alle gegen Alle« hat das Berliner Rap-Duo Zugezogen Maskulin sein drittes Album vorgelegt. Dessen ätzende Kritik am Zustand der Welt macht Spaß, aber keine gute Laune.

Von Jan Stich
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Zugezogen Maskulin gelten im deutschen Rap als Intellektuelle. Das muss leider nicht viel heißen, im Falle des Berliner Duos bedeutet es allerdings doch so einiges. Denn die Rapper Grim104 und Testo haben nicht nur einen feinen Flow, die beiden sind auch ziemlich belesen. Ihre Texte sind gespickt mit Anspielungen und Zitaten wie ein gerappter Roman von Umberto Eco. Da steht die Haftbefehl-Line neben einem Verweis auf ein Gedicht von Shelley, die Noisey-Überschrift neben einem Hinweis auf die Cultural-Appropriation-Debatte. Das neue Album ist wieder eine Schatztruhe für Freunde intertextueller Spielereien. Schon der Bandname, Zugezogen Maskulin, war ein Gruß an die Battle-Rap-Pioniere Westberlin Maskulin. Auf »Alle gegen Alle« zitieren Grim104 und Testo nun die Protagonistinnen neoliberaler Verwertungslogik wie Margaret Thatcher (»Sowas wie Gesellschaft gibt es nicht«) oder Julia Engelmann (»Eines Tages werden wir alt sein, Baby«).
»Selbst die persönlichen Erfahrungen müssen optimiert werden«, kri­tisiert Testo Engelmann im Gespräch mit der Jungle World. »Da geht es um ein Leben für Verwertbarkeit und Perfektion. Dabei ist es doch völlig okay, auch mal keinen Bock zu haben.« Die Vereinzelung der Individuen bildet ein Leitthema des Albums. Ob Gesellschaft (»Alle gegen Alle«) und Geschlechter (»Vor Adams Zeiten«) oder Ältere (»Uwe & Heiko«) und Jüngere (»Teenage Werwolf«), Zugezogen Maskulin zufolge entfremden sich alle immer mehr voneinander. Die Möglichkeit der Solidarität scheint zu schwinden. Als Reaktion auf diese Diagnose haben sich Zu­gezogen Maskulin der Kritik des Neoliberalismus angenommen. Die klang zuletzt doch recht ranzig in ihrem Anspruch, irgendwie alles mit Leistung und Wirtschaft zu erklären. Auf der neuen Platte kehrt solche Kritik in bizarre Bilder gegossen zurück: »In der Uni wird ein Proll ­seziert / Studenten, sie sind irritiert /Er riecht nach Bier und Schweiß / Er riecht ganz anders als ich / Er ist uns fremd / Wie er da frierend lag im Weg / Mit seinem Doppelprivileg/­Sicher wählt er AfD.« Das Auseinanderdriften der Gesellschaft, inszeniert als Horrorfilm. Wenige Zeilen später bringt Grim104 das Problem der deutschen Linken knackig auf den Punkt: »Und die, die es kapieren/ Diskutieren mit einem roten Kopf / Können sich nicht entscheiden / Zwischen Merkava und Makarow.« Der israelische Panzer oder die sowjetische Pistole – wo stehen die Rapper? »Das ist doch kein Fußballspiel, bei dem man sich für eine der beiden Seiten entscheiden muss«, sagt Testo.
Die Falle heißt »Alle gegen Alle gegen Alle«, wie das Duo rappt. Aber stecken die Rapper nicht selbst bis zum Hals in ihrer Falle, mit Texten, die lustvoll alles und jeden provozieren und anpissen wollen? »Ja, stecken wir drin«, bekennt Testo. »Wir existieren nicht im luftleeren Raum und sind eingebunden in unser Umfeld. Als Rapper muss man auch selbst in den Abgrund starren. Wir sind in diesem Sinne auch nur Symp­tom«, urteilt er. »In 90 Prozent der Fälle sind die Lines, von denen man denkt, die könnten wieder Ärger geben, hinterher die besten Lines«, erläutert Grim104 die Lust an der ­Provokation.
 Die ersten Besprechungen urteilten, das neue Album sei weniger ­politisch als die Vorgängerplatte »Alles brennt«. Sicher hatte diese die einfacheren Botschaften parat. »Es ist vielleicht zweifelnder«, meint Testo, »aber im Hintergrund sind das alles politische Fragen. Ich muss auch in den Interviews jetzt immer über Politik reden, es scheint also politisch genug zu sein.« Die politischen Botschaften sind stärker verschlüsselt. Ein Song wie »Vor Adams Zeiten« erklärt nicht plakativ, dass es in ihm um toxische Männlichkeit geht. Er kommt zugleich subtil und doch mit dem Holzhammer daher: »In mir ist die Steinzeit und der Krieg und die Geilheit / Und der Trieb und die Angst, dass das irgendeiner sieht / Denn wenn ich sympathisch lächel’ und ihr Selfies mit mir macht / Rast in mir mein Planet weiter finster durch die Nacht«, rappt Grim104. Die teilweise explizit pornographische Sprache des Rap wird ­genutzt, um Inhalte zu verhandeln, die ein wenig komplexer sind als die Machoträume von Bushido und Kollegah.
Gibt es ein schöneres Bild für Wohlstandsverwahrlosung als den »Swimmingpool voll Galle«? Teil­weise rutschen die Texte vom Schaurigen ins Grässliche. Dann erinnern die Bildwelten der Band an eine Mischung aus Hieronymus Bosch und Cannibal Corpse. »Du willst Gruselgeschichten hör’n? Ich kenne eine Menge /Über Penner mit der Softair quälen, lachen, wenn sie flennen / Spatzen­flügel brennen, Katzenknochen brechen / Frösche fangen, nur um ihnen die Augen auszustechen«, rappt Grim104 in dem Song »Uwe & Heiko«. Wie kommt man auf solche Formu­lierungen? »Ich guck eigentlich nur die Simpsons«, antwortet Grim104 lachend auf die Frage. »Vielleicht ist das schon in mir drin. Das macht mir einfach Spaß. Eigentlich bin ich ein gelassener, lockerer Typ.« Dass man ihm das beim Rappen nicht anhört, bekennt er selbst als Schwäche: »Ich bin einfach schlecht darin, am Mic so laid back, ­G-Funk-mäßig zu rappen.«
Für die aggressiven Texte haben die Produzenten Silkersoft, Kenji 451 und Nikolai Potthoff klinisch kalte Beats gebastelt. Knarzige Synthesizer und metallische Percussions schaffen den passenden Soundtrack für das diagnostizierte Zersplittern der Gesellschaft. »Wie ein kalter Monolith in der Schwärze des Alls« habe man am Anfang klingen wollen, erzählt Grim104. Das ist einigermaßen gelungen, ohne dabei monoton zu werden. Am beeindruckendsten ist wohl der Sound von »Alle gegen Alle«, der spielend leicht dystopische Endzeitstimmung mit den Harmonien eines Sommerhits verbindet.
»Unter Neomarxisten geht ein Trend um, alle Erwartungen an einen positiven Ökonomismus endgültig zu begraben und sich stattdessen einer grenzenlosen kosmischen Verzweiflung hinzugeben«, schrieb der Philosoph Nick Land im Jahr 2012. Damals hatten Zugezogen Maskulin mit »Undercut Tumblrblog« ihren ersten kleinen Hit. Land, der mittlerweile zum Stichwortgeber der Neuen Rechten verkommen ist, schrieb über das, was er »Frankfurter Geist« nannte. Als Generalabrechnung mit der Kritischen Theorie waren seine Ausführungen überspannt. Als Beschreibung eines Zugezogen-Maskulin-Releases würden sie hingegen wie die Faust aufs Auge passen. »Früher dachte man, die Zukunft bringt uns Arbeit, Brot und Frieden / Und Autos können fliegen, Robo-Sklaven, freie Liebe / Doch stattdessen dreh’n sich die Interessen junger Menschen / Nur um Craftbeer, selbstgemachte Burger aufzufressen / Alles ist zum Kotzen, Mittelmaß, wohin man sieht / Na ja, mit etwas Glück sterb‘ ich bald in einem Krieg.« Grenzenloser und kosmischer wird zurzeit nirgends verzweifelt. Das ist »transzendentaler Miserabilismus« in Reinform, um eine weitere Vokabel Lands aufzugreifen.
»Es befreit, die Sachen zu benennen und anzusprechen«, sagt Testo. »Erst dann kann man sie auch analysieren, das muss dann aber jemand anderes machen. Als Künstler zeigen wir die Widersprüche auf.« Ja, das macht beim Hören Spaß, aber trotzdem keine gute Laune. Wer das nicht mag, kann es ja mal mit »Señorita« probieren, dem Sommerhit des Duos Kay One und Pietro Lombardi. Der macht weder Spaß noch gute Laune – dafür aber richtig Knete für die beiden Rapper. Jüngst präsentierte Lombardi stolz seinen neuen Maserati auf Facebook. »Traum geht in Erfüllung!!! Neues Auto. Glaube an deinen Traum«, schrieb er seinen Followern. Auf dem Bild steht er neben dem Auto mit der Umweltbilanz einer nepalesischen Kleinstadt. Dann doch lieber kosmisch verzweifeln mit Zugezogen Maskulin.

 

Zugezogen Maskulin: Alle gegen Alle (Buback)