Krauts und Rüben – der letzte linke Kleingärtner, Teil 29

Networking mit Eiern

Krauts und Rüben Von Roland Röder
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KRManche Linke rümpfen bei Themen wie Landwirtschaft und Gemüsegarten die Nase. Genau genommen die meisten von ihnen. Nur wenige können damit etwas anfangen. Aber das wird sich ändern, wenn die Linke demnächst beginnt, weniger auf Identitätsallerlei abzufahren und sich wieder um die Fragen der Menschheit, der Klasse und um sich selbst kümmert, indem sie wieder den Blick über den Tellerrand wagt. Irgendwann ist die Konjunktur des identitären Gegurkes zu Ende. Wobei die Gurken nichts dafür können.

Eine besondere Spezies sind allerdings diejenigen, die großes Verständnis für diese Kolumne haben und sie ja eigentlich – wenn auch recht diffus – gut finden, um dann alsbald ein obligatorisches »Aber« hinterher zu schieben: »Aber wiederholt sich das denn nicht?« Nein, diese Befürchtung ist unbegründet. Das mit der ständigen Wiederholung im Gemüsegarten ist eine recht wacklige Wahrnehmung pflanzlicher Vielfalt, auch wenn es von außen betrachtet zunächst plausibel erscheint: Ich pflanze jede Saison 20 Gemüsesorten und andere essbare Nutzpflanzen. Vom Frühjahr bis in den Frühsommer wird gesät und gepflanzt, im Sommer und im Herbst – und zum Teil im Winter – wird geerntet. Das ist jedes Jahr gleich. Aber damit hat es sich auch schon mit der ständigen Wiederholung. Denn mal wächst die eine Sorte stärker, mal die andere. Mal gibt es ein »Bohnenjahr« wie in dieser Saison, und ich kann mit Zehn-Liter-Eimern ernten, mal reichen meine Hände und Hosentaschen für die Bohnenernte.

Von diesen statistisch erfassbaren Äußerlichkeiten abgesehen, ist ein Gemüsegarten ein lebendes Etwas in ständigem Auf und Ab, ständigem Hin und Her. Eine Art ultragroßes Wimmelbild. Und ich mittendrin als Chef, der seine Wichtigkeit Tag für Tag erlebt. Da fühle ich mich gut. In einem Garten passiert so viel, innerhalb einer Saison allemal, dass es Jahre dauert, bis es relevante Wiederholungen gibt. Ein Gemüsegarten ist wie Kindererziehung: Du weißt, dass etwas passieren wird. Nur weißt du nicht, wann und in welchem Ausmaß. Du musst also in ständiger Bereitschaft sein.

Das mit dem Chefsein ist selbstverständlich nur die halbe Wahrheit. Denn was nützt es mir, mich wie der Chef zu fühlen, wenn ich außer meinen Hühnern keinen weiteren Zweibeiner habe, den ich dirigieren und dem ich Arbeit zuweisen kann? Ich bin nur ein halber Chef. Ehrlich gesagt träume ich schon mal davon, einen Mitarbeiter zu haben. Die Anweisungen für diese fiktive Person liegen in meiner inneren Schublade. Denn in einem 300 Quadratmeter großen Garten mit doppelt so großer Wiese drum herum ist immer etwas zu tun. Immer mehr als man selbst hinbekommt. Wenn ich so jemanden hätte, dann wäre ich nicht mehr nur halber und gefühlter Chef, sondern endlich ein richtiger. Aber das Leben ist kein Ponyhof.

Was passiert derzeit im Garten? Ich ernte, was denn sonst? Meine Lagerhaltung findet bei mir im Garten statt: Rote Beete, ab und an – trotz des nassen Sauwetters – sogar noch eine Zucchini, die letzten Kürbisse, Endiviensalat, Rucola. Eine Stunde vergeht von der Ernte bis auf den Tisch. Das ist just-in-time-Ernährung, wie sie besser nicht sein kann. Irgendetwas wächst immer, wenn auch derzeit langsamer. Grünkohl und Topinambur stehen auch gut da, müssen sich bis zur Ernte aber noch etwas gedulden. Der Grünkohl ist ohnehin ein klassisches Wintergemüse und verträgt Frost. Und die Hühner fühlen sich pudelwohl auf den abgeernteten Flächen und scharren dort auf der Suche nach Schnecken und sonstigem essbaren Vieh- und Pflanzenzeugs um die Wette. Nur die Trauer um ihre kürzlich verstorbene Artgenossin hält sich in Grenzen. Genau genommen noch nicht mal das. Es interessiert sie nicht, solange sie von mir Futter und Wasser bekommen und viel Auslauf haben. Mitgefühl ist nicht des Huhns Ding. Es lebt im Hier und Jetzt.

Nur gut, dass die widerlichen schwarzen Krähen die Hühner seit dem Frühjahr in Ruhe lassen. Damals fielen sie in das Freiluftgehege ein, trippelten zu den Überdachungen, krabbelten hinein, kamen mit einem Ei im Schnabel wieder raus und husch flogen sie von dannen. Als ich das erkannte, wurde ich derart wütend, dass es die Krähen erschreckt haben muss, denn seitdem kamen sie nicht mehr zurück. Die Genugtuung darüber kann ich kaum verhehlen – ich bin mental stärker als dieses miserable Viehzeugs. Ich lasse mich doch nicht von Krähen über den Tisch ziehen. Die Eier meiner Hühner gehören mir! Manchmal mache ich mir nahestehende Mitmenschen froh und schenke ihnen ein paar. Selbstverständlich mit Hintergedanken –  ein Kleingärtner verschenkt nie etwas einfach so. Unsereiner hat immer das Geschäftliche im Blick. Entweder entwickelt sich entlang des Eierschenkens ein Tauschgeschäft und ich erhalte etwas Materielles zurück oder die Eier dienen der Netzwerkpflege. Erfolgreiches Networking mit Eiern von glücklichen Hühnern. Dafür spare ich mir dann die abgedrehten und vor allem überteuerten Tages- oder Wochenendkommunikationsseminare für 1 000 Euro. Sollen die doch mal mich einladen.